Konzernchef Oliver Blume habe dem Aufsichtsrat seine Pläne für das Sanierungsprogramm vorgelegt, erfuhr Reuters am Freitag von den Insidern. Die Pläne sähen unter anderem vor, die Produktion von Konzernautos in den Werken Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm auslaufen zu lassen. In dem Papier selbst ist keine Zahl enthalten, wie viele Stellen insgesamt wegfallen sollen, sagte ein Insider. Das «Manager Magazin» schrieb unter Berufung auf Insider von bis zu 100.000 Stellen, die in den nächsten Jahren bei dem Unternehmen wegfallen könnten - das wäre doppelt so viel wie bislang vereinbart.
Bei Arbeitnehmern und Politik stiessen die Pläne auf Kritik. IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo und IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger erklärten, die erneuten Medienberichte verunsicherten die Belegschaft. «Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen. Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden wir sie mit aller Macht verhindern», teilten sie gemeinsam mit.
Ministerpräsident Lies: Zukunft wird nicht durch Werksschliessungen gewonnen
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sagte, sein Land werde keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschliessungen als vermeintlich einfache Lösung setzt oder die bewährte Mitbestimmung infrage stellt. Das Land Niedersachsen, das über eine Sperrminorität und zwei Sitze im Aufsichtsrat verfügt, werde seine Verantwortung dort mit der gebotenen Sorgfalt wahrnehmen. Der Chef der SPD Hannover, Adis Ahmetovic, bezeichnete die Pläne als «Frontalangriff und eine deutliche Kampfansage». «Das Volkswagen-Management scheint sich inzwischen vor allem mit Ankündigungen zum Stellenabbau profilieren zu wollen.»
Ein härterer Sparkurs dürfte beim Haupteigentümer Porsche SE auf Zustimmung stossen, der zuletzt Milliarden auf seine Beteiligung abschreiben musste. Bereits Anfang der Woche präsentierte einem Insider zufolge Blume seine Pläne den Führungskräften des Konzerns. Um das Management zu disziplinieren, habe er die Führungskräfte unterschreiben lassen, damit sich später niemand hinter den anderen verstecken und ausscheren könne. Dem Vorstand sei bewusst, dass das Vorhaben auch intern auf Widerstände stossen dürfte.
Am Finanzmarkt wurde das Vorhaben jedoch mit Kursverlusten aufgenommen. Die VW-Aktien gaben am Donnerstag mehr als drei Prozent nach und notieren derzeit so niedrig wie seit 2010 nicht mehr, auch die Papiere der Porsche SE notierten auf einem 16-Jahres-Tief. Ingo Speich von der Dekabank, die zu den VW-Investoren gehört, sagte, die hohen Kosten seien nur das Symptom und nicht die Ursache. «Die Ursache, der schwache Produktabsatz, wird damit nicht gelöst.» Volkswagen müsse attraktive Produkte auf die Strasse bringen, damit würde sich die Kostendiskussion erledigen.
Ein VW-Sprecher erklärte zu dem Bericht des «Manager Magazin», sein Unternehmen kommentiere interne, vertrauliche Unterlagen nicht. Die zu Grunde liegenden Sachverhalte würden in den zuständigen Gremien besprochen und verabschiedet. Diesem Prozess solle nicht vorgegriffen werden. Der gesamte VW-Konzern einschliesslich der Marken und Gesellschaften müsse sich tiefgreifend verändern. Der Konzernvorstand habe dazu in den vergangenen Monaten intensiv an einem Zukunftsplan für die Neuaufstellung des Unternehmens gearbeitet. «Es geht darum, das Unternehmen insgesamt effizienter und schlanker aufzustellen sowie technologische Synergiepotenziale konsequent zu nutzen.» Der Aufsichtsrat soll am 9. Juli über das Thema beraten.
Volkswagen hatte sich Ende 2024 bereits mit den Arbeitnehmern unter anderem auf den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen bei der Marke VW in Deutschland geeinigt, dazu kommen weitere Stellenstreichungen bei Audi und Porsche. Ein Insider sagte, die Fabrikkosten seien als Folge dieses Programms in den vergangenen Jahren deutlich gesenkt worden. Seither habe sich die wirtschaftliche Situation aber deutlich verändert.
Ein wichtiger Punkt ist dabei der verschärfte Wettbewerb mit chinesischen Autobauern in Europa, die mit Kampfpreisen den heimischen Herstellern Marktanteile abnähmen. Nach Daten des europäischen Branchenverbandes ACEA hat sich der Marktanteil von Unternehmen wie BYD, Chery, SAIC und Leapmotor binnen eines Jahres verdoppelt. Dazu kommen die Zölle von US-Präsident Donald Trump, die massiv auf dem US-Geschäft lasten. Darunter leidet insbesondere die Premiumtochter Audi, die über keine eigene Fertigung in den USA verfügt.
Ökonomen fordern Strukturreformen
Volkswirte sehen den drohenden Stellenabbau als Zeichen für die schlechtere Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und die zunehmende Konkurrenz aus China. «So sieht leider Strukturwandel aus», sagte der Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank (HCOB), Cyrus de la Rubia. «Es ist einfach so: Chinas Industrie trifft unsere Kernindustrien - Auto, Maschinenbau, Chemie - wie ein Tsunami.» Ein Sprecher der Bundesregierung sagte, die Regierung versuche zwar, jede Schliessung von Standorten in Deutschland zu verhindern, letztlich seien es aber unternehmerische Entscheidungen. Bundeskanzler Friedrich Merz habe mehrfach betont, dass die Regierung an der besseren preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland arbeite.
Niedersachsens Ministerpräsident Lies forderte dabei Gespräche auf europäischer Ebene. Alle Hersteller stünden unter Druck. Deswegen sei eine gemeinsame deutsche Strategie für den Automobilstandort Europa nötig. «Mit Blick auf den dramatischen Preisdruck gerade aus China braucht es Lösungen, wie wir europäische Produktion, Wertschöpfung und Arbeitsplätze schützen.»
Blume sieht Rüstung oder chinesische Autos als Möglichkeit
Zu schnellen Werksschliessungen dürfte es jedoch nicht kommen: Zum einen läuft die Fertigung in den vier Werken noch mehrere Jahre, zum Teil bis in die 2030er Jahre hinein. Zum anderen ist für eine Schliessung laut VW-Gesetz eine Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat nötig, was den Arbeitnehmern und dem Land Niedersachsen sehr weitgehende Mitspracherechte gibt. Blume selbst hatte in der Vergangenheit erklärt, es gebe intelligentere Lösungen, als Werke zu schliessen. Eine Möglichkeit wäre eine Zusammenarbeit mit Rüstungsunternehmen, sagte er bei der Vorlage der Zahlen zum abgelaufenen Geschäftsjahr.
Zudem könnten eigentlich in China für den chinesischen Markt entwickelte Autos in Deutschland vom Band laufen. Das wäre wohl vor allem für das Werk in Zwickau eine Option, das Insidern zufolge inzwischen über die konzernweit niedrigsten Fabrikkosten in Deutschland verfügt.
(Reuters)

