Der Kerosinpreisindex hat sich seit dem Ausbruch des Irankriegs nahezu verdoppelt. Gleichzeitig kam es zu Preissteigerungen bei Flugtickets von 5 bis 10 Prozent, teilweise sogar von mehr als 200 Prozent auf einzelnen Routen.

Kerosin macht etwas weniger als 10 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs aus, birgt aber das grösste Risiko drohender Versorgungsengpässe, schrieben die Experten der US-Investmentbank JPMorgan jüngst in einer Studie. Dabei sei die Lage in Europa besonders prekär.

Derzeit reichen die Vorräte an den europäischen Flughäfen noch bis Ende Mai. Dies, weil die kommerziellen Lagerbestände in Europa vor dem Beginn des Irankriegs für weniger als 40 Tage betrugen. Sollte die Seestrasse zwischen dem Iran und Oman weiter geschlossen bleiben, käme es deshalb ab Juni zu ersten Engpässen.

Das grösste Versorgungsrisiko sehen die Experten der US-Investmentbank bei Fraport (Flughafen Frankfurt) und den britischen Flughäfen des französischen Konzerns Vinci (Flughafen Gatwick und Edinburgh). In Frankfurt am Main basiert die Versorgung grösstenteils auf dem NATO-Pipelinenetz, dessen Kapazität aktuell durch die hohe militärische Nutzung strapaziert wird. Vorderhand können private Anbieter dieses Manko ausbügeln. Besorgniserregend ist aber, dass der Flughafen Frankfurt insgesamt lediglich über Notreserven für eine einzige Woche verfügt – eine ähnlich prekäre Situation wie in Griechenland. 

Deutlich besser positioniert sind Aena (Flughafen Madrid, Barcelona) und Aeroports de Paris (ADP), die ihr Kerosin aus Raffinerien beziehen, deren Rohöl nicht aus dem Nahen Osten stammt. Ausserdem profitiert der Flughafen Zürich von den stark ausgebauten Schweizer Notreserven.

Alle Augen auf Grossbritannien und die USA gerichtet

Sollten die Preise auf dem derzeitigen Niveau verharren oder die physischen Engpässe in der Strasse von Hormus anhalten, sind ab Juni Kapazitätskürzungen unvermeidlich – beginnend mit Inlands- und Randstreckenflügen. Die finanzielle Hebelwirkung auf die Gewinne der Flughafengesellschaften sei dabei signifikant. Die Analysten von JPMorgan schätzen, dass eine Reduzierung der Sommerkapazität um nur 1 Prozent das operative Jahresergebnis der europäischen Flughäfen im Schnitt um 2 Prozent belasten werde.

Ferner erschwere die Intransparenz der Lieferketten die Identifikation klarer Gewinner und Verlierer. Die grössten Risiken liegen in Grossbritannien, da knapp 60 Prozent der Kerosinimporte aus dem Nahen Osten stammen. Fluggesellschaften mit einer starken Ausrichtung nach England stehen unter besonderer Beobachtung. Dies sind die Airlines Jet2, Easyjet sowie die British-Airways-Muttergesellschaft IAG.

Immerhin dürften die grossen Hub-Flughäfen wie Heathrow in London, Frankfurt in Deutschland oder Charles de Gaulle in Paris bei der Zuteilung von Treibstoffen priorisiert werden. Dies verschaffe traditionellen, grossen Fluggesellschaften wie Air France, British Airways oder Lufthansa einen strategischen Vorteil gegenüber Low-Cost-Carriern, die oft von kleineren Regionalflughäfen operieren, so die Experten von JPMorgan weiter. Allerdings seien auch etablierte Airlines nicht immun. Lufthansa beispielsweise sei durch lokale Treibstoffrisiken in Asien exponiert. Diese machen rund 20 Prozent der Kapazität aus. 

Ein halber Hoffnungsschimmer bleibt vorerst. Im April haben die USA rund ein Viertel des Bedarfs an Kerosin in Europa abgedeckt, sodass der Engpass etwas abgefedert werden konnte. Ein Erdölexperte meinte allerdings, dass die hohen US-Exporte auf diesem Niveau nicht nachhaltig sein dürften.

Als Fazit ist klar: Die Ticketpreise für Flüge bleiben auf absehbare Zeit hoch – sofern der Flug dann tatsächlich stattfindet und nicht schon vorher aus dem Programm gestrichen wurde.  

Thomas Daniel Marti
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