Endlich etwas positive Nachrichten aus dem Nahen Osten: US-Präsident Donald Trump hat am Dienstag einem zweiwöchigen Waffenstillstand mit dem Iran zugestimmt. Dem Weissen Haus zufolge hat auch Israel dem Waffenstillstand zugestimmt. Wichtig ist jedoch, dass sich die beiden Konfliktseiten noch nicht geeinigt, sondern lediglich die Bedingungen formuliert haben.
Der Iran legte einen 10-Punkte-Plan vor, den Trump als «praktikable Grundlage für Verhandlungen» einordnet. «Viele der 15 Punkte wurden bereits vereinbart», schrieb Trump auf Truth Social. Laut Händlern gibt es dabei sicher einige schwierige Knackpunkte, der Grundstein für Diplomatie sei aber gelegt und eine Eskalation des seit Wochen andauernden Konflikts vorerst abgewendet.
Analysten am Markt werten die Wendung positiv. «Die Vereinbarung des zweiwöchigen Waffenstillstands zwischen den USA und Iran stellt die wichtigste Stufe der Deeskalation seit Kriegsbeginn vor sechs Wochen dar», sagt der Anlagechef der Zürcher Kantonalbank (ZKB), Bernd Laux, gegenüber cash.ch.
Dem stimmt Stone-X-Chefanalyst Matt Simpson zu: «Wenn man berücksichtigt, dass die zweiwöchige Feuerpause länger ist als das ursprünglich für den ersten Angriff angesetzte Zeitfenster von zehn Tagen, erscheint es plausibel, dass das Schlimmste des Konflikts nun hinter uns liegen könnte. Die Anleger können sich später mit den komplexeren Fragen befassen. Vorerst haben sie grünes Licht für eine Rally.»
Anleger atmen auf
Dieses grüne Licht schlug sich am Mittwoch sichtbar in den Aktienkursen weltweit nieder. Der Schweizer Markt, gemessen am SMI, gewann direkt nach der Eröffnung 3,3 Prozent dazu. Zu Handelsschluss betrug das Plus noch 2,5 Prozent bei 13'113 Punkten.
Besonders Aktien aus energieintensiven Sektoren profitierten von der Entwicklung. Denn wieder tiefere Kosten entlasten Konsumenten und Unternehmen mit hohem Energieverbrauch. Dazu gehören Unternehmen aus Transport, Industrie sowie Tourismus und Verkehr. Auch zinssensitive Wachstumsaktien gehören zu den Gewinnern. Sollte die Waffenruhe anhalten, dann könnten diese Titel in den nächsten Tagen weiter zulegen.
Insbesondere baunahe und zyklische Unternehmen konnten die Verluste der letzten Wochen wieder etwas aufholen. Holcim legten am Mittwoch 7 Prozent zu, Amrize und Geberit 5 Prozent, Sika 6 Prozent. Die Aktie von ABB, die vom Bau von Datenzentren profitiert, stieg über 8 Prozent auf 70,10 Franken. Damit hat der Titel beinahe wieder das Rekordhoch von Ende Februar erreicht. Ob die Aktie in den nächsten Tagen noch viel Potenzial hat, darf angezweifelt werden.
Zinssensitive Wachstumsaktien, vor allem aus dem Tech-Sektor, profitierten ebenfalls von der Entspannung in Nahost. Dazu gehören Cicor, AMS Osram, VAT oder Comet mit Zuwächsen zwischen 6 und 8 Prozent. Die zuletzt abgestraften Finanztitel konnten ebenfalls zulegen und gehören damit auch auf die Favoritenliste der nächsten Handelstage. Partners Group steigen 3 Prozent, UBS 4 Prozent und Julius Bär 5 Prozent. Grosse Zuwächse am breiten Markt verzeichneten überdies Oerlikon, Forbo und Belimo, die alle um 10 Prozent hinzugewannen.
Zu früh gefreut?
Denn auch wenn die Waffenruhe eine willkommene Nachricht ist, könnte es laut Marktbeobachtern noch zu früh sein, um Entwarnung zu geben. Selbst US-Vizepräsident JD Vance hat die vereinbarte zweiwöchige Waffenruhe als «fragil» bezeichnet. Denn grundlegende Probleme sind nach wie vor ungelöst.
Unklar ist unter anderem, ob die Strasse von Hormus tatsächlich wieder für den Tankerverkehr geöffnet ist, nachdem Iran lediglich vage Signale für mehr Schifffahrt gesendet hat. Der Iran zeigt bislang kaum Bereitschaft, zentrale US-Forderungen zu akzeptieren – etwa einen grundlegenden Umbau des Regimes oder eine vollständige Aufgabe seines Atom- und Raketenprogramms.
«Ein dauerhafter Frieden ist bisher nicht in trockenen Tüchern. Ob sich eine Einigung zur dauerhaften Waffenruhe finden lässt und beide Seiten, insbesondere auch Splittergruppen im Iran, sich in vollem Umfang an die Bedingungen halten werden, muss sich erst noch beweisen», sagt Laux. Gemäss dem ZKB-Anlagechef ist auch in den kommenden Wochen noch mit einer überdurchschnittlich hohen Volatilität der Aktienmärkte zu rechnen, bis sich ein dauerhaftes Kriegsende abzeichnet.
Wellershoff & Partners schätzen die Lage ebenfalls zurückhaltend ein. Die jüngste Marktreaktion müsse man als vorläufige Erleichterungsrallye interpretieren. «Die aktuelle Aufwärtsbewegung werten wir primär als Ausdruck kurzfristiger Zuversicht, auf die rasch wieder Ernüchterung folgen könnte. Entsprechend halten wir an unserer insgesamt defensiven Positionierung fest, bleiben insbesondere gegenüber dem US-Aktienmarkt vorsichtig und bevorzugen weiterhin inflationsgeschützte Anleihen», so Wellershoff & Partners.
Die Lage wird in den nächsten Wochen also unsicher bleiben. Ein diversifiziertes Portfolio über verschiedene Anlageklassen hinaus scheint nach wie vor unerlässlich.
