Droht eine ausgekochte Schwellenlandkrise?

Die Angst um die Schwellenländer hat die Börsen weltweit voll erfasst. Wie Experten die Lage an den Finanzmärkten einschätzen und was sie den Anlegern raten.
27.01.2014 12:49
Von Frédéric Papp und Pascal Meisser
Über den Schwellenländern braut sich ein Gewitter zusammen.
Über den Schwellenländern braut sich ein Gewitter zusammen.
Bild: iNg

Konjunktursorgen in China, politische Probleme in der Türkei, Argentinien und der Ukraine oder der freie Fall der indischen Rupie und des südafrikanischen Rand machen Investoren seit einigen Tagen nervös. Sie stossen Aktien ab und gehen in sicherere Werte wie Gold und Staatsobligationen. Die Unsicherheit hält die wichtigen Börsenplätze auch am Montag im Atem. Der japanische Leitindex tauchte am über 2 Prozent, auch der SMI und DAX setzen ihre Talfahrt fort. Letzte Woche hatte der Dow Jones über 3,5 Prozent verloren.

Sind die Turbulenzen in den Schwellenländern der Vorbote einer sich anbahnenden Schwellenland-Krise? Und drohen den Börsen Kursrutsche wie zum Beispiel bei der Asienkrise von 1997?

Gewissen Indikatoren deuten in diese Richtung: "Die Leistungsbilanzdefizite in Schwellenländern wie Indonesien, Indien, Türkei, Brasilien und Südafrika sind ähnlich hoch wie in der Asienkrise 1997", sagt ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis zu cash. Den Warnfinger hebt auch Martin Hüfner, Chefökonom bei Assenagon Asset Management. Schwellenländer wie zum Beispiel Indien hätten wichtige Reformen und Infrastrukturinvestitionen verschlafen, sagt er.

Lage darf nicht unterschätzt werden

Die fragile Lage in einzelnen Schwellenländern dauert seit gut sechs Monaten an. "Dies dürfte auch im laufenden Jahr so bleiben", sagt Frangulidis. Dennoch könne die Situation nicht mit früheren Krisen verglichen werden. Dafür seinen die Krisenherde viel zu global gestreut. Die meisten Schwellenländer zeigen im Unterschied zu früher Leistungsbilanzüberschüsse und hohe Devisenreserven, meinen beide Ökonomen. 

Die Situation darf aus Investorensicht aber nicht unterschätzt werden. "Anleger sollten sich absichern und abwarten", empfiehlt Hüfner. Laut Frangulidis wird die Korrektur an den Aktienmärkten noch einige Wochen anhalten, doch ein Ende des Bullenmarktes sei nicht in Sicht. "Die Krise in gewissen Schwellenländern – auch wenn sie sich noch zuspitzt – ist nicht stark genug, um die globale Konjunkturerholung zu gefährden", sagt Frangulidis.

Die derzeitige Krise ist aber nicht aussergewöhnlich. In den letzten 20 Jahren haben verschiedene Emerging Markets wirtschaftliche Rückschläge erlitten - mit teils massiven Auswirkungen auf die weltweiten Börsen. Hier ein Überblick:

«Tequila»-Krise 1994/95

Mexiko stürzte im Dezember 1994 in eine Krise, nachdem die Regierung nicht mehr in der Lage war, den fixierten Peso-Kurs gegenüber dem amerikanischen Dollar aufrechtzuerhalten. Das führte zu einer generellen Vertrauenskrise der Investoren und führte deshalb zu einem massiven Abzug von ausländischem Kapital - und damit zu einer Währungsabwertung von 50 Prozent innert weniger Tage. Als Folge davon gerieten mexikanische Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. 

Im Februar 1995 bewilligte der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank ein Hilfspaket von 47,8 Milliarden Dollar für Mexiko. So konnte ein Zusammenbruch der Grossbanken und Investmentfonds verhindert werden. Der damalige IWF-Direktor Michel Camdessus bezeichnete die Tequila-Krise als "erste Finanzkrise des 21. Jahrhunderts", welche sich enorm von früheren Krisen unterscheide.  

Die Reaktion der Börsen: Zwischen Januar und April 1994 bricht der Dow Jones 10 Prozent ein. Der Swiss Market Index beendet das Krisenjahr 1994 mit einem Minus von 11 Prozent. 

 

Asien-Krise 1997

Masslose Investitionen und ein exzessiver Kreditboom erfassen in den 90-er Jahren die asiatischen "Tigerstaaten" Südkorea, Thailand, Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Hongkong. Die Börsen und Immobilienmärkte boomten. Banken nutzten steigende Marktpreise als Sicherheiten für die Vergabe neuer Kredite. Das Geld fliesst wieder in Immobilien und Aktien, die Spirale dreht sich immer schneller.

Doch grosse Teile der asiatischen Wertschöpfung standen nur auf dem Papier. Nachdem erste Anleger dem Boom misstrauten, konnten die Regierungen in Thailand, Malaysia und den Philippinen nichts dagegen tun, dass ganze Volkswirtschaften einbrachen. Als Japan die Absatzmärkte wegbrachen und das Land in eine Rezession stürzte, fürchteten die Finanzmärkte eine weltweite Konjunkturkrise. 

Die Reaktion der Börsen: Im Oktober 1997 brach der Hang-Seng-Index rund 40 Prozent ein. Am 27. Oktober brach auch der Dow Jones über 7 Prozent ein. Tags darauf gaben der SMI 5 Prozent und der Dax 8 Prozent nach. Innerhalb eines Monats sackte die Schweizer Börse über 10 Prozent ab. 

 

Rubel-Krise 1998

Im Sog von Asien geriet wenig später auch Russland in eine wirtschaftliche Krise. Während den Turbulenzen in Asien waren Anleger in Russland nervös geworden und zogen verstärkt Kapital ab. Dadurch geriet der russische Rubel unter immensen Druck. Innerhalb weniger Wochen wurde die russische Währung 75 Prozent abgewertet. Russische Banken konnten ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, internationale Finanzorganisationen stellten sämtliche Unterstützung ein.

Grosse Fonds schichteten ihr Geld vermehrt in US-Staatsobligationen um, was die Zinsdifferenz zwischen Russland und den USA stark ansteigen liess. Dies brachte den milliardenschweren Hedgefonds Long-Term Capital Management - kurz LTCM - in grosse Schwierigkeiten. Um eine Kettenreaktion an den Finanzmärkten zu vermeiden, wurde der LTCM mit fast vier Milliarden Dollar gestützt - und US-Notenbankchef Alan Greenspan musste den Leitzins senken. 

Die Reaktion der Börsen: Im Sommer 1998 bricht der Dow Jones 20 Prozent ein. Noch höhere Verluste verzeichnen der SMI und der DAX. Zwischen Juli und Oktober 1998 donnern die Börsen in der Schweiz und Deutschland zwischen 30 und 40 Prozent in die Tiefe.