Vor dem Krieg im Nahen Osten waren europäische Aktien stark gestiegen. Anleger hatten sich aus den USA heraus diversifiziert und in die deutlich günstigeren Titel der Region investiert.
Doch diese Erzählung ist neuen Realitäten gewichen: Europas Wirtschaft ist anfällig für Inflation und Lieferkettenstörungen infolge des Konflikts. Zugleich gibt es in der Region kaum Unternehmen, die im Zentrum des KI-Booms stehen. Der Stoxx Europe 600, der Aktienindex der 600 grössten europäischen Unternehmen, hinkt inzwischen hinterher.
Die Rückenwinde, auf die Anleger gesetzt hatten, etwa höhere Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung sowie eine vorteilhafte Geldpolitik, haben nachgelassen. Die Skepsis ist zurück. Die Zuflüsse in auf europäische Aktien ausgerichtete Fonds sind mit letzter Woche vollständig zunichtegemacht worden, wie Strategen der Bank of America unter Verweis auf Daten von EPFR Global berichteten. Europa ist «eine Region ohne Thema, ohne Memes und mit zu geringem Wachstum», sagte Bobby Molavi, Partner und Head of EMEA Execution Services bei Goldman Sachs.
Die USA haben Hyperscaler, Asien beherbergt führende Chiphersteller und andere Unternehmen, die für den KI-Ausbau entscheidend sind. Europa hat Anlegern, die auf den Technologietrend setzen wollen, dagegen wenig zu bieten. Zwar ist der Kontinent Heimat des Schwergewichts ASML, eines Herstellers von Chipausrüstung, sowie einiger weiterer KI-naher Unternehmen wie Aixtron und STMicroelectronics. Ihr gemeinsames Gewicht im regionalen Leitindex reicht jedoch nicht aus, um die schwache Entwicklung der grossen Industrie-, Konsum- und defensiven Sektoren auszugleichen, die Investoren in diesem Jahr gemieden haben.
Technologiewerte machen rund 8 Prozent des Stoxx Europe 600 aus, verglichen mit 42 Prozent im S&P 500. Halbleiter kommen im europäischen Leitindex lediglich auf 3,5 Prozent, gegenüber etwa 18 Prozent sowohl im S&P 500 als auch im MSCI Asia Pacific. Auf Indexebene dreht sich bei Aktienanlagen alles um das Gewinnwachstum.
Für den Stoxx Europe 600 zeichnet sich dieses Jahr als ein solides ab; Analysten erwarten ein Plus von 11 Prozent. Das ist jedoch nur halb so viel wie für den S&P 500 prognostiziert und rund ein Drittel des Wachstums, das für den MSCI Asia Pacific erwartet wird. Zudem dürfte das Gewinnwachstum in Europa im Laufe des Jahres nach unten korrigiert werden, wenn der Energieschock stärker durchschlägt.
«Der Kontinent hat mit einem systemischen Mangel an KI- Exponiertheit zu kämpfen, wodurch die europäischen Indizes vom bedeutendsten Investitionszyklus der jüngeren Vergangenheit weitgehend ausgeschlossen bleiben», sagte Stephan Kemper, Chef-Anlagestratege bei BNP Paribas Wealth Management. Gleichzeitig hat der Krieg im Nahen Osten den Anlegern auf schmerzhafte Weise vor Augen geführt: Die europäische Wirtschaft ist äusserst anfällig für Energieschocks. Die Europäische Union importiert 57 Prozent der benötigten Energie und mehr als 90 Prozent des verbrauchten Öls und Gases.
Auch die Geldpolitik rückt in den Fokus
Die USA sind dagegen Nettoexporteur von Öl und Treibstoffen. Dieser Status schützt ihre Wirtschaft, wenn sich das globale Energieangebot verknappt. «Solange sich die Schifffahrt durch die Strasse von Hormus nicht eindeutig normalisiert, dürfte Europa angesichts seiner grösseren Abhängigkeit von Energieimporten und des wiederauflebenden Inflationsdrucks eine höhere Risikoprämie tragen», sagte Andrea Gabellone, Leiter des Bereichs Global Equities bei KBC Securities.
Auch die Geldpolitik rückt in den Fokus. Im vergangenen Jahr erhielten Aktien Auftrieb, als die Europäische Zentralbank die Zinsen aggressiver senkte als die Federal Reserve. Diese Dynamik könnte sich nun umkehren: Händler erwarten, dass die EZB die Kreditkosten in diesem Jahr dreimal anhebt, während die Fed die Zinsen stabil hält. Es besteht das Risiko, dass Inflation und höhere Zinsen gemeinsam das Wirtschaftswachstum belasten. Dieses hatte von vergleichsweise niedrigen Niveaus anziehen sollen, gestützt durch höhere Ausgaben aus Deutschlands 500 Milliarden Euro schwerem Infrastrukturfonds, Verteidigungsausgaben der Europäischen Union und die Erholung des Union von der Corona- Pandemie.
«Die sich vergrössernde ‘Wachstumslücke’ zwischen Europa und seinen globalen Konkurrenten wird zunehmend als strukturell und nicht als konjunkturell angesehen», sagte Kemper. Die Rallys in den USA und Asien waren auf ein enges Feld begrenzt, mit den stärksten Gewinnen bei einer kleinen Zahl KI-naher Aktien. Der europäische Markt ist dagegen stärker diversifiziert und bietet eine breitere Sektoraufstellung, was sich bei einer Umkehr des Technologierausches als Vorteil erweisen könnte. Europäische Aktien sind zudem günstig.
Doch diese Argumente scheinen Anleger nicht zu überzeugen. Für Max Kettner, Chef-Multi-Asset-Stratege bei HSBC, ist die starke Konzentration auf Technologiewerte kein Problem. Die von ihm verfolgten Positionsindikatoren sind noch weit von einem Verkaufssignal entfernt. Europa steht derweil klar an der Seitenlinie. Die Story trage überall, ausser in Europa, sagte er. «Das Problem mit Europa ist derzeit, zumindest taktisch gesehen, dass man untätig ist und denkt: ‹Ich brauche unbedingt die Wiederöffnung der Strasse von Hormus, ich brauche unbedingt ein Ende dieses Nahostkonflikts, dann kann ich wieder Banken kaufen, vielleicht einige zyklische Werte, vielleicht sogar Konsumaktien’.»
Bei den Bewertungen handeln europäische Aktien sowohl insgesamt als auch in einzelnen Sektoren mit Abschlägen zu US- Werten. Mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 15 bietet der Stoxx Europe 600 einen Abschlag von 30 Prozent zum S&P 500. Im Schnitt der vergangenen 20 Jahre lag der Abschlag bei 20 Prozent.
Eine mögliche Erklärung dafür, warum europäische Aktien günstig erscheinen, ist, dass Gegenwind bereits in den Kursen eingepreist ist. «Dieses Argument geht wohl am Kern der Sache vorbei, da es in Europa nicht die in den USA zu beobachtende ‹Gewinndynamik› gibt. Ohne einen branchenweiten Impulsgeber wie die KI, der eine Steigerung der Kurs-Gewinn-Verhältnisse vorantreibt, spiegeln die niedrigen Bewertungen eher eine langfristige Stagnation wider als eine Kaufgelegenheit», sagte Kemper von BNP Paribas.
Die fehlende Begeisterung macht europäische Aktien vor allem zu einem Mittel für mehr Portfoliodiversifikation. Zugleich könnten regionale Unternehmen wegen ihrer niedrigeren Bewertungen zu potenziellen Übernahmezielen werden. Für Molavi gibt es zumindest einen Silberstreif. «Die Lage spitzt sich derart zu, dass Europa - als Konstrukt - vielleicht aufwachen und beginnen könnte, schnell zu handeln und Dinge kaputt zu machen», sagte er.
(Bloomberg/cash)
