EZB-Eingriff: Die Vor- und Nachteile

Die enorme Geldschwemme der EZB soll die Wirtschaft im Euro-Raum in Schwung bringen und die Deflation bekämpfen. Doch der Erfolg des Eingriffs ist alles andere als klar.
09.03.2015 13:28
Von Ivo Ruch
Der Euro ist in den letzten Monaten bereits billiger geworden.

Ab heute Montag dürften Anleihen-Händler alle Hände voll zu tun haben. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) startet ihr gross aufgelegtes Anleihenkaufprogramm (QE). Monatlich will die EZB in erster Linie Staatsanleihen aus dem Euro-Raum im Wert von 60 Milliarden Euro aufkaufen (weitere Details finden Sie hier).

Ganz einfach erklärt, funktioniert das QE folgendermassen: Die EZB schöpft neues Geld und kauft damit Staatsanleihen auf dem Markt. Dieses Geld soll dann hauptsächlich über die Banken in die reale Wirtschaft sickern. Das Ziel: Die Konjunktur in der Euro-Zone erholt sich und Inflationsrate steigt.
Doch die Meinungen über Sinn und Unsinn, Schaden und Nutzen der riesigen Geldspritze gehen auseinander. Folgende Punkte werden am häufigsten diskutiert:

Zinsen

Die Leitzinsen hat die EZB bereits auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt. Mit dem QE-Programm dürften sich auch die Renditen auf Staatsanleihen nach unten bewegen. Bereits am Montagvormittag fielen die Renditen auf belgische, französische, finnische und andere Staatsanleihen. In diesem Tiefzinsumfeld können Staaten günstiger Geld aufnehmen. Auch Unternehmen und Geschäfte dürften an billigere Kredite kommen.

Kritiker weisen aber darauf hin, dass der dringend notwendige Reformeifer in Krisenstaaten nachlassen könnte, wenn die EZB ihnen die Schulden abkauft. So kann sich beispielsweise Italien am Kapitalmarkt billiger mit Geld versorgen als die USA.

Fraglich ist auch, ob und wo die EZB die grosse Masse an Anleihen herbekommen wird. Verschiedene Marktkenner vermuteten bereits, die Banken würden ihre Bestände nicht verkaufen wollen.

Währung

Gemeinhin gilt die Faustregel: Sind die Zinsen in einem Währungsraum tief, sinkt auch der Wert der Währung. Weil Anleger ihr Geld dann in einer anderer Region parkieren. Der Euro hat sich gegenüber dem Dollar schon seit längerem abgeschwächt. Seit der Ankündigung des QE hat sich seine Entwertung aber nochmals akzentuiert. In den letzten 12 Wochen steht ein Minus von 13 Prozent zu Buche.

Euro-Dollar-Kurs der letzten zwölf Monate, Quelle: cash.ch

 

Auch gegenüber dem Schweizer Franken ist die Gemeinschaftswährung in den letzten Wochen massiv billiger geworden. Grund dafür war aber die Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank. Entgegen der Erwartungen hat sich der Franken aber seit Inkrafttreten des QE noch nicht spürbar aufgewertet.

Der günstige Euro soll die Exportwirtschaft aus dem Euro-Raum ankurbeln und so die Wirtschaft stützen. Hingegen werden Importe in Dollar teurer. Auch wird der Urlaub für Deutsche, Franzosen oder Italiener in Ländern, die in Dollar abrechnen (USA, aber auch Asien), kostspieliger.

Inflation

Wie oben erwähnt, ist die Inflationsrate eines der Hauptziele der EZB. Sie soll knapp 2 Prozent erreichen. Im laufenden Jahr erwartet die EZB eine Teuerung von null Prozent, gefolgt allerdings von 1,5 Prozent im Jahr 2016. Im letzten Dezember lag der Wert bei -0,2 Prozent. Doch Mario Draghi und sein Team können steigende Preise nicht herbeizaubern. Dafür braucht es eine grössere Kreditnachfrage auf der einen und mehr Bereitschaft, Kredite zu vergeben, auf der anderen Seite. Dafür braucht es wiederum sichere Arbeitsplätze und weniger Arbeitslose sowie Vertrauen in den Standort Euro-Zone.

Doch viele Ökonomen, darunter Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, sehen keine Deflations-Gefahr: Die sinkende Teuerungsrate sei vor allem eine Folge des drastischen Verfalls der Ölpreise - und der wirke auf der anderen Seite wie ein Konjunkturprogramm.

Aktienmärkte

Schon seit längerem bewegen sich die grossen internationalen Aktienindizes auf historisch hohen Ständen. Dow Jones und Dax haben jüngst sogar neue Rekordstände markiert. Auch der Swiss Market Index (SMI) hat seit dem Absturz im Januar bereits wieder dabei, sein sein Allzeithoch zu egalisieren.
Ein Grund dafür waren mangelnde Anlagealternativen seit die Zinsen auf sichere Staatsanleihen aber auch auf Sparkonten Richtung Null steuern. Selbst risikoscheue Anleger wurden auf der Suche nach Rendite in die Aktienmärkte getrieben.

Zudem monieren Kritiker: Die Hausse ist liquiditätsgetrieben und basiert nicht auf wirtschaftlicher Stärke oder unternehmerischem Erfolg. Die ultralockere Zins- und Geldpolitik der EZB dürfte insbesondere europäische Aktien in den kommenden Monaten weiter nach oben treiben. Dieser Meinung sind zumindest verschiedene Marktbeobachter. Zudem sind professionelle und private Anleger aus der Eurozone so gut gelaunt wie seit den Zeiten vor der Finanzkrise nicht mehr, wie aktuelle Daten des Forschungsinstituts Sentix zeigen.