cash.ch: Herr Kharmandarian, das Marktgeschehen ist in den vergangenen Wochen stark vom Nahost-Konflikt geprägt gewesen. Wie haben Sie sich auf diese Situation eingestellt?

Karen Kharmandarian: Der direkte Einfluss war nicht sehr gross, wegen unseres thematischen Fokus auf Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik sowie besonders auf krisenfeste Sektoren wie Sicherheit und Gesundheit. Im Bereich Wasserversorgung hatten wir sogar einen kleinen Aufschwung, da die Versorger kaum von Öl abhängig und vorwiegend auf ihren Heimmarkt ausgerichtet sind. Zudem sind wir überwiegend in Europa, in den USA und Asien - also ausserhalb des Nahen und Mittleren Ostens - engagiert.

Aber?

Indirekt sind wir durch die erhöhten Energiepreise und den Inflationsdruck betroffen - beispielsweise, weil höhere Energiepreise die Profitabilität von Energieunternehmen belasten können. Solche Probleme kamen vermehrt auf, nachdem wir uns schon seit einigen Monaten mit Sorgen um Künstliche Intelligenz befassen. Diese Sorgen erfassten zunächst Software-Unternehmen, dann aber zusehends etwa auch Logistikunternehmen - viele Sektoren leiden wegen der Ängste um Künstliche Intelligenz.

Was ist Ihr Worst-Case-Szenario?

Ich denke nicht an ein Worst-Case-Szenario, sondern an das ausserordentlich hohe Mass an Unsicherheit. Wie lange dauert der Krieg im Iran? Wie geht er aus, wenn er irgendwann einmal endet? Wie wird die Situation danach sein? Wie sehr werden die Energiemärkte in der kurzen und mittleren Frist schwanken? Und was sind die Folgen für die Weltwirtschaft und die verschiedenen Sektoren - von KI über die Logistik bis zur Wasserversorgung? All dies können wir kaum voraussagen. Klar ist nur, dass der Markt ausgeprägt binär geworden ist - entweder er steigt stark oder er fällt stark. Das ist die Herausforderung für alle Investoren.

Wie können sich Anleger nun wappnen?

Aus thematischer Sicht ist die sehr langfristige Perspektive entscheidend, darauf also, was Wirtschaft und Gesellschaft in einem oder zwei, aber auch in zehn Jahren nachfragen werden. So löst man sich von den kurzfristigen Ausschlägen des Marktes. Ratsam ist es daher, einerseits auf defensive Themen wie Gesundheit, Wasser oder Sicherheit und andererseits auf eher risikoreiche Themen wie KI und Robotik zu setzen. Sie können auch Einzeltitel kaufen, wenn Sie von ihnen überzeugt sind. So aufgebaute Portfolios sind hinreichend diversifiziert und ausbalanciert, damit Investoren langfristig profitieren werden, entweder von den konservativen oder von den offensiven Anlagen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass der Ölpreisschock der vergangenen Woche einen Schub in der Elektrifizierung auslöst?

Die Elektrifizierung ist aus meiner Sicht ein solider Trend. Schauen Sie zum Beispiel auf die Entwicklung kleiner modularer Kernkraftwerke, die im Kommen sind. Dieser Trend nimmt nun zu, weil sich der Drang nach Unabhängigkeit von Öl und Gas aufgrund des Kriegs im Nahen Osten verstärkt. Nutzniesser werden Unternehmen entlang der ganzen Wertschöpfungskette sein, von den Stromproduzenten und über die Netzbetreiber bis hin zu den Rechenzentren und den Autobauern, die E-Autos verkaufen. Natürlich gibt es Gegner dieser Entwicklung oder Gegenwinde, die den Trend hemmen. Doch dieser wird sich durch den Nahost-Konflikt beschleunigen.

Welche Unternehmen werden von einem Schub in der Elektrifizierung profitieren?

In der Pole-Position befinden sich Versorgungsunternehmen, Batteriehersteller, Produzenten von Solarpanels, Anbieter von Speicheranlagen sowie die Zulieferer dieser Unternehmen.

Und speziell: Welche Schweizer Unternehmen werden von einem Schub in der Elektrifizierung profitieren?

Ganz klar ABB, einerseits aufgrund der starken Elektrifizierungssparte, die von der Dekarbonisierung und der weiteren Verbreitung von Strom aus alternativen Energiequellen profitiert. Andererseits wird ABB auch in der Automation Zuwächse sehen. Denn die geopolitischen Spannungen haben auch einen anderen Trend ausgelöst. Unternehmen organisieren ihre Lieferketten wieder näher um den Heimmarkt herum - weil sie Verlässlichkeit höher gewichten, als sie das früher getan haben. Für dieses Re-Shoring benötigen sie die Lösungen, die ABB mit der Automation-Sparte anbietet. Aus den gleichen Gründen wird auch Kardex, der Anbieter von Lösungen zur Intralogistik, Auftrieb erhalten.

Generell wird viel über Künstliche Intelligenz gesprochen. Andere Sektoren werden eher ausgeblendet: Cybersicherheit oder Raumfahrt zum Beispiel. Welche Chancen ergeben sich in diesen Sektoren für Anleger?

Die Zahl der Cyberattacken nimmt erheblich zu. Künstliche Intelligenz begünstigt dies. Denn wegen KI wird es immer günstiger, Schadsoftware herzustellen und Unternehmen, kritische Infrastrukturen und Regierungen anzugreifen. Zugleich wird es schwieriger, sich zu schützen. Unternehmen haben inzwischen viele Angriffspunkte für Cyberattacken - die Cloud, die Rechenzentren, die Laptops und Smartphones der Mitarbeiter, die sich oftmals nicht mehr physisch in der Firma befinden, sondern zu Hause oder von unterwegs aus arbeiten.

Da kommen also zwei Trends zusammen?

Genau. Angreifer können wegen KI günstiger Cyberattacken fahren, und Unternehmen sowie Regierungen bieten immer mehr Angriffsfläche, können aber nicht an der Cybersicherheit sparen, weil jeder Angriff sie existenziell treffen kann. Darum haben Anbieter von Cybersecurity-Lösungen enormes Wachstumspotenzial. Gute Beispiele sind Crowdstrike, Palo Alto Networks, Datadog und Sentinelone.

Die zurückliegenden Monate zeigen: Die Märkte werden immer wieder von den Folgen politischer Manöver wie Zölle oder Kriegen wie Ukraine und Naher Osten erfasst. Welche Entwicklungen sollten Anleger in der nahen Zukunft im Auge behalten?

Anleger sollten das Risiko geld- und zinspolitischer Fehlentscheide im Fokus behalten. Denn die Volatilität der Energiepreise macht Inflationsprognosen überaus anspruchsvoll. Falsche Inflationsprognosen führen aber zu unpassenden makroökonomischen Programmen und falschen Entscheiden über Zinsen, sodass man beispielsweise zu früh oder zu spät die Zinsen anhebt oder senkt. Falsche Entscheidungen der Zentralbanken oder Regierungen werden die Konjunktur bremsen, zu Entlassungen führen und Gewinne schrumpfen lassen. Die Unternehmen und mit ihnen die Anleger werden die Kosten der geldpolitischen Fehlentscheide tragen müssen.

Sorgen machen sich manche Anleger schon seit einiger Zeit wegen des Booms der Künstlichen Intelligenz und einer möglichen Blasenbildung im Tech-Sektor …

Durchaus. Gerade die US-Tech-Giganten wie Amazon, Alphabet und Microsoft entwickeln sich immer mehr zu kapitalintensiven Unternehmen - wie die milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren zeigen. Deshalb sollte die Bewertung sinken. Denn je höher die Kapitalintensität, desto tiefer sollten die Multiplikatoren sein. Bedenken angesichts des Rückgangs der freien Cashflow-Generierung haben zu niedrigeren Bewertungskennzahlen geführt - obwohl die Unternehmen nach wie vor sehr profitabel sind und ein robustes Gewinnwachstum verzeichnen. Angesichts der Kapitalbindung bleibt jedoch die grosse Frage offen, ob es den Firmen gelingen wird, diese Kapitalbindung gewinnbringend zu monetarisieren.

Was raten Sie den Investoren für die nahe Zukunft - ausser Diversifizierung?

Gewichten Sie Unternehmen, die auf den Heimmarkt fokussiert sind, höher. Denn diese Firmen sind von geopolitischen Turbulenzen weitgehend geschützt. Sie stammen typischerweise auch aus Sektoren wie der Infrastruktur, die weniger zyklisch sind als etwa die Software-Branche. Das macht den Geschäftsverlauf berechenbarer - was den Anlegern einen zusätzlichen Sicherheitsanker gibt. Zudem verfügen sie in der Regel über langlebige Sachanlagen, die weniger anfällig für Störungen durch die derzeit stattfindende KI-Revolution sind.

Karen Kharmandarian ist Mitgründer, Anlagechef (CIO) und Portfoliomanager bei Mirova. Er kam 2019 zu dem Unternehmen und begann seine Karriere 1994. Vor seinem Start bei Mirova war er für verschiedene Vermögensverwalter tätig, unter anderem für die Bank Pictet und Société Générale. Karen Kharmandarian hat einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und einen Master-Abschluss in Bank- und Finanzwesen von der Universität Sorbonne sowie ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre vom Institut für Politikwissenschaften in Paris.

Das Interview fand im Rahmen einer Medienreise nach Paris statt, zu der Natixis eingeladen hatte.

Reto Zanettin
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