Gewinner und Verlierer des Ölpreis-Zerfalls

Der Ölpreis ist seit Mitte Juni um ein Viertel gesunken. Die Ölindustrie und deren Zulieferer freut das nicht. Es gibt aber auch Branchen, denen ein Ölpreisverfall in die Hände spielt.
30.10.2014 01:14
Von Marc Forster
Wenn die Ölkonzerne bei fallenden Ölpreisen mehr in die Effizienz investieren, nützt das ABB.
Wenn die Ölkonzerne bei fallenden Ölpreisen mehr in die Effizienz investieren, nützt das ABB.
Bild: ZVG

Im dritten Quartal haben die Ölgiganten gelitten: Der französische Total-Konzern, die norwegische Stratoil oder der britische Multi BP vermeldeten Gewinnrückgänge. Auch für Öl- oder Gaszulieferer kann der Ölpreisverfall Folgen haben – vor allem, wenn er noch weiter sinkt, wie das etwa die US-Investmentbank Goldman Sachs etwas extrem voraussagt.

Betroffen wäre das SMI-Unternehmen Transocean: "Falls der Brent-Ölpreis weiterhin auf dem aktuellen Niveau von 86 Dollar pro Barrel oder tiefer notiert, dürfte die zurückgehende Investitionsbereitschaft den Offshore-Bohrbereich zunehmend belasten", schreibt die Zürcher Kantonalbank (ZKB) in einem Marktbericht zum Plattformenausrüster. Die Probleme zeigen sich im Kursverlauf der Transocean-Aktie (-34 Prozent seit Jahrsbeginn).

Mittelfristig streichen die Ölkonzerne ihre Investitionsbudgets zusammen, wenn der Rohstoff weniger einbringt. Sulzer oder Burckhardt Compression könnten darunter eher leiden, wenn sich der Ausbau der Förderung von Gas und Öl abbremst. Alledings: Wenn der Ölpreis sinkt, dann investieren die Auftraggeber umso mehr in die Effizienzsteigerung. Davon könnte etwa der Elektrotechnik- und Automationsspezialist ABB profitieren.

Chemie und Baustoffe betroffen

Einfluss hat der Ölpreis auch auf die Chemiebranche. Aufgrund des Direkteinkaufs von Rohöl profitiert besonders Lonza, wie ZKB-Analyst Martin Schreiber sagt: "Zusammen mit anderen Preisreduktionen bei der Rohstoffbeschaffung bekommt Lonza beim gegenwärtigen Ölpreis einen nicht zu unterschätzbaren Margenvorteil von etwa 50 Basispunkten, das entspricht auf Gruppenebene 20 Millionen Franken."

Vorteile beim Einkauf haben auch Ems-Chemie und Clariant. Bei Clariant besteht laut Schreiber aber auch ein Risiko, weil der Konzern als Lieferant von Spezialchemikalien für Öl- und Gaskunden wiederum von gedrosselten Investitionen und einer allfälligen Nachfrageschwäche getroffen werden könnte.

Unternehmen mit einem hohen Energieverbrauch wie zum Beispiel Holcim tangiert die Entwicklung des Ölpreises ebenfalls, wenn auch nur indirekt. Dies, weil Energiepreise im Voraus vertraglich fixiert werden. Ausserdem zahlen Grosskonzerne bei ihren Lieferanten nicht unbedingt den Marktpreis, und Absicherungen gegen Preisschwankungen spielen ebenfalls eine Rolle.

Tiefere Kosten vs. schwache Wirtschaft

Schwierig abzuschätzen ist der Ölpreiseinfluss bei den Konsumgütern. Grundsätzlich kann man sagen: Je billiger Benzin und Heizöl werden, desto mehr Geld bleibt in den Taschen der Konsumenten, das sie für andere Dinge ausgeben können. Dies wären gute Nachrichten für die Unterhaltungselektronik, die Reisebranche oder die Nahrungsmittelindustrie.

Entscheidend ist dabei, was den Ölpreisrückgang verursacht: "Ist eine schwächelnde Wirtschaft der Grund dafür, dann lässt sich die Theorie, dass ein tieferer Ölpreis den Konsum fördert, nicht aufrechterhalten", sagt Christian Gattiker, Chef Research und Chefstratege bei der Bank Julius Bär. Eingetrübte Wirtschaftsdaten in Europa sprächen dafür, das der Ölpreis aus Gründen der Nachfrage sinke. Gut aus Konsumentensicht wäre hingegen, wenn der Ölpreis wegen eines zu grossen Angebots sinken würde.

Energieboom könnte die Luft ausgehen

Hinzu kommt: Ein weiter sinkender Ölpreis bringt auch Probleme mit sich. In den USA könnte die inländische Produktion leiden, wie die Neue Helvetische Bank in einem Kommentar schreibt.  "Es waren vor allem die hohen Ölpreise, die den Energieboom in den USA auslösten und kostspielige Gewinnungsmethoden für Öl und Gas - wie das Fracking - profitabel machten", heisst es dort. "Gemäss der International Energy Agency sei  die Produktion für 96 Prozent der US-Energiequellen noch profitabel - jedoch nur so lange der Ölpreis bei rund 80 Dollar pro Barrel liegt." Bei 75 Dollar pro Fass könnte die Energieproduktion dann stark zurückgehen, mit möglichen Negativ-Folgen für die US-Volkswirtschaft.

Zur Entwicklung des Ölpreises gibt auch positive Einschätzungen: So ist es überhaupt nicht gesagt, dass der Preis nicht bald wieder steigt. Die ZKB-Analysten rechnen zum Beispiel mit einem Ölpreis von 90 Dollar pro Fass in drei Monaten und gar 110 Dollar in einem Jahr.