IPO-Jahrgang 2018 - Welche Börsenneulinge eine Investition wert sind

Schon neun Firmen haben sich 2018 an der Schweizer Börse SIX kotieren lassen. Nur zwei davon weisen eine positive Performance auf. Andere wiederum erleiden teils massive Wertverluste. Wo lohnt sich ein Engagement?
05.08.2018 23:05
Von Pascal Züger
Sensirion aus Stäfa ist seit dem 22. März börsenkotiert.
Sensirion aus Stäfa ist seit dem 22. März börsenkotiert.
Bild: ZVG

Die Liste der Börsengänge 2018 ist inzwischen bereits neun Namen lang. Zuletzt sind im Juli Obseva und Blackstone Resources neu dazugekommen. So viele Neueinsteiger hat es an der Schweizer Börse SIX seit zehn Jahren nicht mehr gegeben.

Das bringt der Schweizer Börse mehr Vielfalt, kann aber auch durchaus kritisch beäugt werden. Denn: Bei einigen Firmen muss ernsthaft die Frage nach der Investitionswürdigkeit gestellt werden. Nur gerade zwei der Neueinsteiger - Sensirion und Medartis - weisen seit dem Börsengang überhaupt eine positive Kursperformance auf (siehe auch Tabelle unten). Womöglich wurden die Geschäftsmodelle einiger Firmen beim Börsengang von den zuständigen Banken als etwas zu rosig dargestellt und die Ausgabepreise zu hoch angesetzt.

Klar ist: Die schlechte Performance dem derzeit etwas ruppigeren allgemeinen Börsenumfeld in die Schuhe zu schieben geht nicht, denn der Swiss Performance Index (SPI) hat sich seit allen neun IPO-Terminen positiv entwickelt. Doch von welchen Börsenneulingen sollten Anleger die Finger lassen und wo liegt künftig eine hübsche Rendite drin? cash hat die Börsengänge 2018 zur Beurteilung des Potenzials in vier verschiedene Kategorien unterteilt:

«Gut, aber zu teuer»: Medartis, Sensirion

Medartis (+48 Prozent seit IPO) und Sensirion (+50 Prozent) ist der Börsengang geglückt. Das Medtech-Unternehmen Medartis hat in ihrem Bereich der Herstellung chirurgischer Titanplatten gegen grosse Konkurrenten wie DePuy Synthes, Zimmer Biomet oder Stryker anzukämpfen. Allerdings hat sich die Firma in der Nische der Handgelenkprodukte in einigen Ländern, darunter in der Schweiz und in Deutschland, bereits eine führende Position erarbeitet.

Der Umsatz wächst zweistellig, viel Geld wird in neue Produkte und in die Vetriebsorganisation investiert. Raum nach oben gibt es bei der Gewinnmarge, die 2017 bei knapp über 16 Prozent lag - was im Vergleich zur Konkurrenz eher tief ist. Die langfristigen Aussichten sind sehr gut, allerdings deutet das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) 2018 bei hohen 80 darauf hin, dass alles Positive bereits im Kurs eingepreist ist. Die Aktie ist stark einsturzgefährdet.

Auch Sensirion kann in die Kategorie "Gut, aber zu teuer" eingereiht werden. Mit einem KGV 2018 bei über 100 ist die Überbewertung beim Sensorenhersteller aus Stäfa gar noch eklatanter. Kein Wunder, schliesslich ist Sensirion in den Trendbereichen Energieeffizienz, Digitalisierung und Internet der Dinge aktiv, was bei Anlegern starke Wachstumsfantasien weckt. Es lohnt sich hier, vor dem Einstieg eine stärkere Kurskorrektur abzuwarten.

«Schlummerndes Potenzial»: Ceva, Klingelnberg

Das Gros der Börenneueinsteiger hat hingegen gegen Kursverluste anzukämpfen. So auch der Fracht- und Logistikdienstleister Ceva Logistics (-21 Prozent seit IPO). Der Börsengang diente der Reduktion der zuvor hohen Verschuldung. Im Vergleich zum Konkurrenten Kühne+Nagel ist die Gewinnmarge tief. Gelingt es Ceva profitabler zu werden, könnte die Aktie den Anlegern noch viel Freude bereiten. Denn dann läge auch eine stabile Dividende drin. Analysten trauen der Aktie einen Kurs zwischen 27 Franken (Credit Suisse) bis 34 Franken (Morgan Stanley) zu - ein grosses Aufwärtspotenzial zu den aktuell nicht einmal 22 Franken.

Auch der Ausgabepreis für den Schleif- und Fräsmaschinenhersteller Klingelnberg war etwas zu hoch angesetzt, die Aktie hat inzwischen 6 Prozent korrigiert. Hauptabnehmer der Klingelnberg-Maschinen ist die Autoindustrie. Die Firma aus Zürich besticht durch die technologische Führerschaft etwa im Bereich der Kegelrad-Technologie, ist aber noch in weiteren Nischen erfolgreich. Ein gewichtiges Argument für die Aktie ist die attraktive Dividendenpolitik: Gemäss einer Analyse der Bank Vontobel dürfte die Dividendenrendite künftig rund 3 Prozent betragen. Die Bank empfiehlt zum Kauf mit einem Kursziel bei 66 Franken - das entspricht einem Aufwärtspotenzial von 33 Prozent.

«Alles oder nichts»: Obseva, Polyphor

Auch Zocker-Liebhaber kommen beim Börsenjahrgang 2018 nicht zu kurz. Zum einen wäre da etwa das Genfer Biopharmaunternehmen Obseva, welches sich in der Schweiz zweitkotieren liess. Obseva spezialisiert sich auf neue Mittel gegen Erkrankungen rund um die Schwangerschaft. Ende 2020 könnte in Europa das erste Medikament (Nolasiban) auf den Markt kommen, zwei weitere Wirkstoffe sind in der Entwicklung. Erfolg oder Misserfolg wird von der Markteinführung ihrer Produkte abhängen. Anleger müssen mit beidem rechnen: eine Kursexplosion oder ein Totalausfall.

Vielversprechend klingt die Story des zweiten Biopharmaunternehmens Polyphor aus Allschwil: Gewisse Erreger sind resistent gegen Antibiotika geworden. Polyphor spezialisiert sich nun auf neue Wirkstoffe, die antibiotikaresistente Keime bekämpfen können. Daneben wird auch an einem Mittel gegen Brustkrebs geforscht. Erste Einnahmen wird es frühestens im Jahr 2021 geben. Die ZKB schätzt in einer Analyse die Erfolgschancen der beiden Medikamente auf 50 Prozent.

«Finger weg»: Asmallworld, Blackstone Resources, Lalique

Kaum investitionswürdig sind die drei restlichen Unternehmen mit kurz zurückliegendem IPO. Asmallworld hat an der Börse schon 66 Prozent des Ursprungswertes verloren. Das soziale Netzwerk, das zu 60 Prozent dem VR-Präsidenten Patrick Liotard-Vogt  gehört und als "Facebook für Schöne und Reiche" gilt, will bis 2022 um 30 Prozent pro Jahr wachsen und die Mitgliederzahl von aktuell 28‘000 auf 100‘000 erhöhen. Nach dubiosen Kaufempfehlungen, welche die Aktie zunächst nach oben schiessen liessen, erhob die deutsche Finanzmarktaufsicht Bafin Manipulationsvorwürfe.

Ebenfalls dubios ist die Rohstoff-Firma Blackstone Resources mit Sitz in Baar. Aufhorchen lässt vor allem die Vergangenheit von CEO und VR-Präsident Ulrich Ernst. Wie der Finanzblog "Insideparadeplatz" jüngst aufdeckte,  taucht Ernst im Handelsregister als Besitzer zahlreicher Firmen auf, die via Konkursverfahren geschlossen werden mussten.

Der Luxusgüterkonzern Lalique konnte seit dem Wechsel von der Berner Börse zur SIX den Kurs ungefähr halten. Man will die grössere Plattform nutzen, um Expansionspläne voranzutreiben. Der Streubesitz der Aktie ist mit 28 Prozent sehr gering. Ausserdem sind demnächst keine Gewinnsprünge zu erwarten, da verschiedenen Sparten der Turnaround erst noch gelingen muss. Eventuell könnte die Aktie zu einem späteren Zeitpunkt interessant werden.

Performanceüberblick der Börsengänge 2018

IPO-Datum Emittent Performance (seit IPO) Performance SPI (seit IPO)
20. März Asmallworld -66% +6%
22. März Sensirion +50% +6%
23. März Medartis +48% +8%
4. Mai Ceva -21% +4%
15. Mai Polyphor -12% +2%
20. Juni Klingelnberg -6% +7%
25. Juni Lalique -1% +5%
9. Juli Blackstone Resources -33% +5%
13. Juli Obseva -5% +3%

Quellen: cash.ch und Schweizer Börse SIX, Datum: 3.8.18

Welcher Börsenneuling ist Ihr Favorit?

Im laufenden Jahr sind schon neun Unternehmen an die Schweizer Börse gegangen: cash hat sie und ihre Performance vorgestellt. Bei welcher der neun Firmen können Sie sich ein Investment vorstellen?

Asmallworld
4% (86 Stimmen)
Sensirion
21% (421 Stimmen)
Medartis
11% (229 Stimmen)
Ceva
4% (82 Stimmen)
Polyphor
7% (151 Stimmen)
Klingelnberg
9% (183 Stimmen)
Lalique
3% (53 Stimmen)
Blackstone Resources
4% (91 Stimmen)
Obseva
1% (30 Stimmen)
Bei keiner.
35% (707 Stimmen)
Gesamtstimmen: 2033