Die Militärkampagne von US-Präsident Donald Trump, deren Ende ebenso unklar bleibt wie zu Beginn der Angriffe vor einem Monat, zwingt viele Länder dazu, ihre Wachstumserwartungen zu senken und sich zugleich auf einen energiegetriebenen Inflationsschub einzustellen.

Für Europa, das sich gerade erst von den Folgen des Ukraine-Kriegs erholt hatte, deutet sich eine teilweise Rückkehr zu früheren Krisenmassnahmen an. Haushalte erhalten Unterstützung, während Zentralbanken wieder stärker zu Zinserhöhungen tendieren. In der Wirtschaft belastet die Entwicklung bereits energieintensive Branchen, darunter die deutschen Chemieunternehmen. Zugleich wächst die Gefahr, dass sich die Auswirkungen ausweiten, da sinkende Realeinkommen die Nachfrage dämpfen.

Diese Lage stand im Mittelpunkt eines Treffens der EU-Finanzminister am Freitag. Sie hatten in einer kurzfristig angesetzten Videoschalte von IEA-Chef Fatih Birol über die Auswirkungen des Kriegs informiert und berieten über eine bessere Koordinierung von Hilfsmassnahmen. «Es sind ganz klar zunächst die energieintensiven Sektoren, die am stärksten getroffen werden», sagt Christian Keller, Chefökonom von Barclays. «Aber je länger das anhält, desto stärker wird es alle Sektoren und alle Inputpreise erfassen.»

Während Öl- und Gaspreise steigen und Stimmungsindikatoren einbrechen, erwägen unter anderem Deutschland und Italien eine Senkung ihrer offiziellen Wachstumsprognosen. Zuvor hatte die Europäische Zentralbank in der vergangenen Woche einen deutlich pessimistischeren Ausblick gegeben. Der aktuelle Schock gehe «wahrscheinlich über das hinaus, was wir uns im Moment vorstellen können», sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde in einem am Donnerstag veröffentlichten Economist-Podcast. Dies führe zu einer verzögerten Einschätzung, wie ernst die Krise tatsächlich sei.

Die deutsche Chemieindustrie, die bereits 2022 unter stark gestiegenen Energiekosten gelitten hatte, warnt angesichts der faktisch geschlossenen Strasse von Hormus vor Produktionskürzungen. Im grössten deutschen Ammoniakwerk, das von SKW Piesteritz betrieben wird, wurde die Produktion auf das technisch mögliche Minimum von 85 Prozent reduziert. Der Spezialchemiekonzern Evonik Industries prüft noch die möglichen Belastungen.

«Es ist noch zu früh, um die genauen Folgen zu quantifizieren», sagte Vorstandschef Christian Kullmann. «Aber Evonik wird den indirekten Konsequenzen der Kampfhandlungen nicht entgehen können.»

Die Containerreederei Hapag-Lloyd sieht sich mit zusätzlichen wöchentlichen Kosten von 40 bis 50 Millionen Dollar konfrontiert, etwa für Treibstoff, Versicherungen und Lagerung. Ein Teil davon solle über «Notfall- und Krisenzuschläge» aufgefangen werden, sagte CEO Rolf Habben Jansen.

Die Mehrkosten drohen sich entlang der Lieferketten fortzusetzen und das Leben insgesamt zu verteuern. Verbraucher nehmen das bereits wahr: Der Anteil der Haushalte, die im kommenden Jahr mit schneller steigenden Preisen rechnen, sei «sehr stark» gestiegen, teilte die französische Statistikbehörde mit. Der britische Modekonzern Next warnte, die Preise könnten um 1,5 bis 2 Prozent steigen, falls der Krieg länger als drei Monate andauert. Hennes & Mauritz aus Schweden erklärte, ein langwieriger Konflikt könne über steigende Energiepreise auf andere Bereiche übergreifen und den Konsum dämpfen.

(Bloomberg/cash)

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