Kurse und Dividenden - Sind die Versicherungsaktien immer noch heiss?

Die Aktien der mittelgrossen Schweizer Versicherer bereiteten den Anlegern lange Monate Freude - mit Kursavancen und teils mit Dividenden. Nun, wo der Markt stockt, muss genauer sortiert werden.
18.09.2017 23:00
Von Marc Forster
Die Helvetia-Aktie schwächelt dieses Jahr ziemlich.
Die Helvetia-Aktie schwächelt dieses Jahr ziemlich.
Bild: iNg

"Jetzt auf Schweizer Versicherungsaktien setzen?" Das war der Titel einer Story von cash.ch am 6. Juli 2016, also vor etwas über einem Jahr. Die Frage wurde im Artikel für die damals seit Monaten meist abwärts orientierten Versicherungsaktien mit einem "Ja" beantwortet. 

Wer dann Investitionsmut bewies, wurde fürstlich belohnt. Denn keine drei Wochen nach dem cash-Artikel - Anfang August 2016 - starteten viele Schweizer Versicherungsaktien eine bis weit in dieses Jahr anhaltende Rally. Die Aktie von Swiss Life zum Beispiel hatte von August 2016 bis August 2017 eine Performance von 64 Prozent.

Mit Helvetia, Bâloise, der Swiss Life und Vaudoise existieren vier Unternehmen, die schwergewichtig auf den umkämpften, aber einträglichen Schweizer Versicherungsmarkt konzentriert sind. Bei all den Eskapaden der Banken, vor allem der Grossbanken, erwiesen sie sich immer wieder als vergleichsweise langweilige, aber gute Investments. Einen weiteren Punkt schätzen Anleger sehr: Für Versicherer nicht unüblich ist auch eine ansehnliche Dividendenrendite (siehe auch Tabelle mit Kennzahlen).

Spätestens seit diesem Sommer aber entwickeln sich die Kurse nicht mehr so wie seit Anfang August 2016: Der Markt hat etwas Elan verloren. Nachdem die mittelgrossen Schweizer Versicherer ihre Halbjahreszahlen vorgelegt haben, ist es Zeit für eine Auslegeordnung. Ob, wann man wo investieren soll, zeigt die Übersicht:

Helvetia

Die Versicherungsgruppe mit Sitz in St. Gallen hat an der Börse bisher ein recht schwaches Jahr hinter sich. Nach einer guten zweiten Jahreshälfte 2016 im Sog der Versicherungsrally begann der Kurs zu trudeln: Seit 1. Januar ist der Wert um 6 Prozent gesunken. Die Lebensversicherung, die zirka 55 Prozent der Bruttoprämien ausmacht, liess im Halbjahr etwas nach. Ansonsten erwies sich das Halbjahresresultat vom 4. September alles in allem als solide. Dennoch sank der Kurs seit Anfang September erneut spürbar. Die Ankündigung von Raiffeisen, die ihren Helvetia-Anteil von 4 Prozent verkauft, drückte vergangene Woche den Kurs zusätzlich.

Punkten kann Helvetia mit einer soliden Bilanz und einer guten Eigenmittelausstattung. Der relativ hohe Anteil der Nichtlebenversicherung stabilsiert das Geschäft. Gewisse Risiken bestehen bei Helvetia vor allem durch die Tochtergesellschaften in Italien und Spanien.

Fazit: Helvetia ist eine stabile Firma, die mehr und mehr von der Fusion mit der Nationale Suisse vor drei Jahren profitiert. Noch muss die Gruppe effizienter werden, um den Markt zu überzeugen. Gewiefte Anleger warten noch etwas mit dem Einstieg, etwa bis zur Jahrespräsentation, wenn klarer ist, ob die Ziele des Unternehmens realistisch sind. Mit 4 Prozent Dividendenrendite besteht ein weiterer Anreiz für die Aktie.

Bâloise

Dass es der Baloise gut geht, zeigt sich klar und deutlich am Aktienkurs. Seit Mitte des vergangenen Jahres hat die Aktie rund 64 Prozent gewonnen. Das Halbjahresergebnis bestätigte die gute Lage: Das Nicht-Lebengeschäft gestaltete sich sehr profitabel. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch im früheren Problemmarkt Deutschland läuft es derzeit gut.

Auch in der Lebensversicherung konnten die negativen Folgen der Tiefzinsen minimiert werden. Die Aussichten für das restliche Jahr sind ebenfalls vielversprechend: Analysten gehen davon aus, dass die angepeilte Profitabilität im Lebengeschäft mit einem Ebit von 200 Millionen Franken zu tief angesetzt sein könnte.

Fazit: Das Problem einer lange anhaltend guten Situation bei einem Unternehmen ist, dass vieles schon im Kurs eingepreist ist. Die Bewertung der Bâloise-Aktie ist wie bei Helvetia relativ hoch. Seit einem Mehrjahres-Höchststand im August ist der Kurs um 5 Prozent zurückgegangen. Zuviel sollten Anleger von der Aktie in nächster Zeit nicht erwarten. Die Langfrist-Attraktivität des Bâloise-Papiers ist hingegen mit 3,5 Prozent Dividendenrendite bei einem starken Cash-Flow mehr als intakt.

Swiss Life

Effizienzprogramme haben der der ehemaligen Rentenanstalt das angestaubte Image genommen: Die Kosten sinken, und das Angebot verlagert sich mehr auf die profitableren "neuartigen" Lebensversicherungsprodukte. Schon seit 2012 wirkt sich dies positiv auf den Aktienkurs aus: In dieser Zeit stieg der Kurs von 100 Franken auf aktuell 335 Franken. Mit dem mitterweile dritten Effizienzprogramm in der Zeit seit der Finanzkrise  - "Swiss Life 2018" - soll der europaweit tätige Konzern weiter auf Profit getrimmt werden.

Die Geister der Vergangenheit könnten Swiss Life allerdings in Form der Versicherungsmäntel einholen, einer Variante der Lebensversicherung, innerhalb derer reiche Privatkunden Vermögenswerte bei einer Bank anlegen können. Sie stehen seit langem in Verdacht, Steuerschlupflöcher zu bieten; Swiss Life bestreitet dies, glauben muss man das aber nicht. Jedenfalls interessiert sich das amerikanische Justizdepartement neuerdings für diese Konzernsparte der Swiss Life.

Fazit: Eine Busse wegen der Versicherungsmäntel wäre aus Sicht der Analysten der Bank Vontobel eine Überraschung. Sie glauben der Version, dass die Swiss Life sich rechtzeitig von heiklen Geschäften getrennt hat. Die SMI-Aktie Swiss Life vereint deutlich mehr Buy-Ratings als die übrigen Versicherer auf sich. Der Grund: Die weiter gesteigerte Effizienz werde sich positiv auf den Kurs auswirken.

Vaudoise

Die Handelsaktivitäten der Vaudoise-Aktie sind relativ tief, denn zwei Drittel des kleinkapitalisierten Unternehmens gehören der Genossenschaft Mutuelle Vaudoise. Bis Mitte 2015 war Vaudoise dennoch jahrelang ein gutes Investment gewesen: Seit der Finanzkrise hatte sich der Kurs um das Eineinhalbfache erhöht, am Markt zog die Aura der Solidität, die das Unternehmen umgibt. Im Vergleich von heute zu 2015 hat der Kurs hingegen kaum zugelegt, auch wenn dazwischen Schwankungen stattfanden.

Die Vaudoise macht immer wieder von sich reden, weil sie die mit Abstand bestkapitalisierte Schweizer Versicherung ist. Das Eigenmittelerfordernis der Finma wird um fast das Dreifache übertroffen. Ein Plus ist auch die Übernahme einer kleinen Vermögensverwaltung dieses Jahr, die das Lebensversicherungsgeschäft ergänzt.

Fazit: So durchwachsen der Kurs, so unattraktiv sind derzeit die Aussichten. In der Nichtleben-Versicherung brachten Unfall und Gesundheit im ersten Halbjahr unbefriedigende Ergebnisse ein. Ein Dividendentitel ist Vaudoise deswegen nicht, weil die Genossenschaft Überschüsse den Kunden im Folgejahr bei den Prämien gutschreibt. Die Vaudoise bleibt ein solides und äusserst kapitalstarkes Unternehmen, aber eine Wachstumsstory zeichnet sich noch nicht ab. Die Bank Vontobel hat das Kursziel kürzlich von 540 auf 535 Franken (aktueller Kurs: 521,50 Franken) gesenkt.

Kennzahlen der mittelgrossen Schweizer Versicherer

  Kurs 6 Monate (in %) Kurs 12 Monate (in %) Kurs-Gewinn-Verhältnis 2017 Dividendenrendite (in %)
Helvetia -8,5 +3,9 12,5 4
Bâloise +9,7 +30 12,6 3,5
Swiss Life +3,1 +33,3 11,2 3,3
Vaudoise +2,4 +5,9 12,2 2,3