Geschlagene 21,5 Prozent verlor der Goldpreis innerhalb von zweieinhalb Handelstagen zwischen dem Donnerstag, 28. Januar, und dem Montag, 2. Februar. Der Schock darüber fiel wider erwarten milde aus. Bis am Mittwoch holte das gelbe Edelmetall mehr als die Hälfte der Kursverluste wieder auf und notiert zurück über der Marke von 5000 Dollar. Seit Jahresbeginn resultiert ein Kursgewinn von 14,5 Prozent. 

Die Auguren der Deutschen Bank über JPMorgan bis zur UBS bleiben zuversichtlich - mit Kurszielen von 6000, respektive 6300 und 6200 Dollar bis zum Jahresende. Auf kurze Frist sei es dagegen verständlich, wenn die Marktteilnehmer durch die jüngste Kursentwicklung verunsichert seien, schrieb die UBS-Strategin Joni Teves am Dienstag in einer Kundennotiz. 

Eine kurzfristige Konsolidierung sei in dieser Phase angebracht, meint Teves weiter und sieht diese Korrektur langfristig als positiv für den Markt an. «Diese Phase bietet Anlegern die Möglichkeit, langfristige strategische Positionen zu attraktiveren Einstiegskursen aufzubauen. Wir erwarten, dass die Unterstützung bei etwa 4500 Dollar liegen wird», so die UBS-Strategin. 

Die erwartete Unterstützung für den Goldpreis bei 4500 Dollar kommt nicht von ungefähr. Die Strategen der Société Générale in London haben sich die Daten an den Optionsmärkten genauer angeschaut - dort wetten Anleger mit Call-Optionen auf steigende und mit Put-Optionen auf sinkende Preise. Die Analyse lässt einerseits den Einbruch erklären, weil die Anzahl offener Call-Optionskontrakte davor auf ein 10-Jahrestief sank - sprich, die Kursavancen auf den vorhergehenden Rekordpreis von knapp 5600 Dollar am vergangenen Donnerstag wurden nicht mehr von der steigenden Nachfrage durch die Investoren getragen.

Als der Goldpreis am Freitag um 9 Prozent in den Keller rauschte, zeigte sich andererseits ein völlig anderes Bild. Händler und Spekulanten kauften an diesem Tag gemäss Société Générale doppelt so viele Calls als Puts. Die Kapitalflüsse konzentrierten sich im kurzfristigen Verfalldaten auf den Ausübungspreisbereich von 5200 bis 5500 Dollar bei Call-Optionen, während der Put-Handel sich auf den Bereich von 4600 bis 5000 Dollar fokussierte.

Auffällig war besonders das Auftreten längerfristiger bullischer Positionen. In diesem Bereich wurden Call-Optionen mit einem Ausübungspreis von höher als 5000 Dollar und einer Laufzeit bis Dezember 2026 hinzugekauft, ohne dass entsprechende Put-Optionen gekauft wurden. Drei Ausübungspreise bei den Calls liessen aufhorchen: Die Kursniveaus von 10'000, 15'000 und 20'000 Dollar verzeichneten am Tag des Kurssturzes massive Positionsaufbauten. Das heisst, die Händler spekulieren auf weiter überdurchschnittlich steigende Goldpreise bis zum Jahresende - ansonsten verfallen diese Optionen mit den drei hohen Ausübungspreisen wertlos. 

Von wahrscheinlich bis unwahrscheinlich

Manch Marktbeobachter mag sich die Augen reiben und dies für absurd erklären. Aber gerade an den Finanzmärkten kommt es erstens anders, und zweitens als man denkt. Die fundamentalen Faktoren für höhere Edelmetallepreise sind nach der Preiskorrektur allesamt intakt. Die global steigende Staatsverschuldungen, zunehmende fiskalische Dominanz und finanzielle Repression unterstützen diesen Trend ungebrochen, betont der deutsche Vermögensverwalter Berenberg in einer Analyse vom Dienstag. Die Abkehr von nominalen Anlagen wie vermeintlich sicheren Staatspapieren sowie Bargeld und die zeitgleiche Rotation hin zu realen Anlagen werde durch eine erhöhte Inflationsvolatilität und einen strukturell schwächeren Dollar einmal mehr unterstrichen. 

Peter Schiff, renommierter Hedgefonds-Manager, setzt konsequent seit Jahren auf eine steigende Notierung beim gelben Edelmetall und sieht ähnlich wie die Investmentbanken den Goldpreis bei etwa 6000 Dollar Ende 2026. Auf der anderen Seite stellt Schiff klar, dass dieser Preis keine Obergrenze darstellt. Da der Dollar keine Untergrenze habe, gebe es theoretisch auch keine Obergrenze für Gold, so die Argumentation des Hedgefonds-Managers. Langfristig nennt Schiff Werte von bis zu 10'000 oder sogar 20'000 Dollar, bedingt durch massive Verschuldung der westlichen Industrieländer inklusive China und Währungsabwertungen.

Ein weiterer Katalysator könnte ausgerechnet das Runterfahren von gehebelten Positionen in der letzter Woche sein, nachdem die Derivatebörse CME in Chicage die Margen für den Futures-Handel erhöht hatte. In diesem Fall müssen Investoren mehr Geld hinterlegen, um Gold-Futures zu handeln. Entsprechend wurden viele Positionen reduziert oder abgebaut. Das führte dazu, dass der Markt nun neutraler gewichtet ist. Für die Bullen könnte diese Konstellation Gold wert sein, denn ausgedünnte Positionen sind ein idealer Nährboden für höhere Kurse bei steigender Nachfrage nach weiteren Calloptionen.

Mathematisch ist ein solcher Preisanstieg möglich, aber kaum realistisch. Dies, weil die Wahrscheinlichkeit eines derart massiven Preisanstiegs mit 7,4 Standardabweichungen eigentlich gar nie vorkommt. Oder anders ausgedrückt: Ein solcher Fall tritt statistisch betrachtet nur einmal in sechs Milliarden Jahren ein. Einzig wenn die Welt demnächst in Hyperinflation versinkt und die Staatsausgaben vollständig aus dem Ruder laufen, könnte das Szenario eintreten. 

Weitaus realistischer ist ein Anstieg des Goldpreises auf das Preisziel von 6300 Dollar, das von JPMorgan ausgerufen wird. Die Wahrscheinlichkeit hierzu beträgt 28 Prozent und kommt statisch alle vier Jahre vor. Dazu müssten Zentralbankenken und Investoren beim Gold weiter kräftig zulangen, da für einen Preisanstieg von 3 Prozent 100 Tonnen Gold zusätzlich über dem aktuellen Niveau von 380 Tonnen pro Quartal gekauft werden müssten, erläutern die Analysten von JPMorgan.

Um auf eine Preissteigerung von 31 Prozent bis zum Preisziel von 6300 Dollar zu kommen, müsste die Goldnachfrage während der nächsten 11 Monate pro Quartal wohl um 200 bis 300 Tonnen über der durchschnitten Kaufmenge von Zentralbanken, private und institutionellen Investoren und Schmuckverarbeitern liegen. 

Wie Anlegerinnen und Anleger konkret in Commodities oder Edelmetalle wie Gold und Silber investieren können, lesen Sie hier

Thomas Daniel Marti
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