Nach acht Jahren Börsen-Hausse - Die sieben drängendsten Fragen zur Rekordjagd am Aktienmarkt

Die Strategen einer deutschen Bank nehmen die «Trump-Rally» zum Anlass, sich grundsätzliche Gedanken zur Entwicklung der Aktienmärkte zu machen.
29.03.2017 09:46
Von Lorenz Burkhalter
Der Bulle vor der Wallstreet steht für Investoren, die an steigende Aktienkurse glauben.
Der Bulle vor der Wallstreet steht für Investoren, die an steigende Aktienkurse glauben.
Bild: freeimages.com

Die Niederlage vom Freitag bezüglich der Gesundheitsreform selbst im republikanisch dominierten Kongress zeigt der US-Regierung bereits ihre Grenzen auf. Und auch die von Präsident Trump in Aussicht gestellte Unternehmenssteuerreform und das Infrastrukturpaket scheinen nicht mehr länger in Stein gemeisselt.

Wie die Aktienstrategen der den deutschen Volks- und Raiffeisenbanken gehörenden DZ Bank nun schreiben, dürften frühestens im Laufe des Sommers entsprechende Pläne öffentlich werden. Sie erwarten deshalb, dass vorerst Ruhe um Präsident Trump und die Hoffnung auf Börsengeschenke einkehren wird. Da eine typische US-Aktie heute so teuer wie selten zuvor handelt, müssten nun Gewinnanstiege auf Unternehmensseite folgen. Ansonsten besteht die Gefahr eines kräftigen Rücksetzers, schreiben die Experten.

Mit Blick auf die Börsenentwicklung der letzten Monate und Jahre stellen die Strategen die sieben drängendsten Fragen rund um die Rekordjagd am Aktienmarkt auf - und geben Antworten dazu.

1. Warum sind seit März 2009 die Kurse in den USA deutlich stärker gestiegen?

Bankeigenen Berechnungen zufolge hat sich der amerikanische S&P-500-Index seit März 2009 vervierfacht (die ausgeschütteten Dividenden wiederangelegt). Dem steht ein Plus von 222 Prozent beim deutschen Leitindex DAX gegenüber. Der viel beachtete Euro Stoxx 50 liegt sogar "nur" um 148 Prozent über dem damaligen Stand.

Die Experten führen die deutlich bessere Entwicklung amerikanischer Aktien auf das erfolgreiche staatliche Krisenmanagement nach dem Lehman-Kollaps zurück und die rasche Bereitstellung günstiger Liquidität in bis dato unbekannter Höhe durch die US-Notenbank. Darüber hinaus habe das exponenzielle Wachstum im Bereich des mobilen Internets geholfen. Und tatsächlich stünde die Börse in New York ohne Unternehmen wie Alphabet, Apple, Facebook oder Amazon heute um einiges schlechter da.

2. War die "Trump"-Rally seit November 2016 gerechtfertigt?

Die Bilanz unter Präsident Trump fällt in der Analyse eher ernüchternd aus. Die neue Regierung habe bisher keine grossartigen Erfolge auszuweisen. Dennoch schätzen  die Strategen den seit den 8. November 2016 eingesetzten Kursaufschwung bei amerikanischen Aktien als gerechtfertigt ein.

Geholfen haben neben der Hoffnung auf entlastende fiskalpolitische Massnahmen auch der kräftig anziehende Rohölpreis sowie die steigenden Kapitalmarktzinsen. Dadurch werden die Unternehmen aus den Wirtschaftszweigen Finanzen und Energie wieder deutlich mehr verdienen und zum ohnehin gut laufenden Technologiesektor aufschliessen können.

3. Hat sich am Aktienmarkt bereits wieder eine Blase gebildet?

Diesbezüglich wird zumindest teilweise Entwarnung gegeben. Es gibt weiterhin keine klaren Parallelen zur dotcom-Blase von 1998 bis März 2000. Es sei keine marktbreite Euphorie an den Aktienmärkten zu verspüren, schreiben die Experten.

In Teilmärkten der Wirtschaft gibt es jedoch hier und dort Tendenzen zur Blasenbildung zu erkennen. Beispiele sind Unternehmen der "Sharing Economy" (Fahrdienst Uber oder Unterkunftsvermittler Air BnB), welche von Private Equity Investoren mittlerweile horrend bewertet werden.

Was den deutschen Aktienmarkt anbetrifft, errechnet die DZ Bank für den DAX auf Basis der Schätzungen für das laufende Jahr gerademal ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13,5 und eine Gewinnrendite von 7,4 Prozent. Bei den im Euro Stoxx 50 berücksichtigten Unternehmen wird das KGV mit 14,5 angegeben.

4. Wodurch könnte der Aktienmarktaufschwung ein Ende finden?

Hier gibt es keine konkrete Antwort. Allerdings verrät ein Blick in die Vergangenheit, dass ein Aktienmarktaufschwung fast immer von einem Ölpreisschock oder einer Rezession bei gleichzeitig hohen Leitzinsen ausgebremst worden ist.

Die Strategen halten es deshalb für wenig wahrscheinlich, dass zeitnah einer dieser Gründe den laufenden Aufschwung am Aktienmarkt beenden wird.

5. Wird der Aufschwung noch seinen 9. Geburtstag erleben?

Indizien für einen Rückschlag fehlen weitgehend. Der Aufschwung an den Aktienmärkten könnte sogar noch einige Jahre anhalten wird. Insbesondere die Aussichten auf weltwirtschaftliche Zuwächse sowie die Möglichkeit fiskalpolitischer Impulse stimmen überraschend positiv.

Zudem weisen die Strategen darauf hin, dass die Aktienmärkte üblicherweise erst mit der letzten Leitzinserhöhung im Zyklus in eine Korrekturphase eintreten. Selbst die USA stehen aber gerade erst am Beginn eines neuen Zinszyklus.

6. Ab wann werden steigende US-Renditen zur Gefahr?

Grösster Risikofaktor für das Ende des laufenden Aktienzyklus sind stark ansteigende globale Leitzinsen. Diese werden Aktien relativ gesehen gegenüber Anleihen unattraktiver machen und die Refinanzierungskonditionen der Unternehmen verschlechtern.

In den USA wird erst für Mitte 2019 ein Höhepunkt der Leitzinsen bei 2,5 Prozent erwartet. Für zehnjährige US-Staatsanleihen werden dann Renditen von 3 Prozent vorhergesagt. Eine Normalisierung des Zinserhöhungszyklus an den Aktienmärkten wird zunächst noch positiv aufgenommen.

7. Was bedeutet das für die Anleger?

Die Richtung der seit November beobachteten Kursentwicklung stimmt - daran lassen die DZ-Bank-Strategen keine Zweifel. Nichtsdestotrotz ging es etwas gar schnell nach oben, was mit Blick auf die teils sehr hohe Bewertung insbesondere für den US-Aktienmarkt gilt.

Bis zum nächsten Wahltermin innerhalb Europas (im April wählt Frankreich eine neue Regierung) wird mit einer Konsolidierung der hiesigen Aktienmärkte gerechnet. Im weiteren Jahresverlauf trauen die Experten dem DAX dann aber einen Anstieg um 4 Prozent auf 12'500 Punkte zu. Neben heimischen Aktien setzen sie deshalb auch auf solche aus den Schwellenländern.