Nestlé, Novartis oder Roche: Was ist derzeit der beste Kauf?

Die drei Grossunternehmen Nestlé, Novartis und Roche prägen das Geschehen an der Schweizer Börse ganz besonders. Doch welcher Titel gehört nun in ein Anleger-Portfolio?
30.08.2016 23:55
Von Ivo Ruch
Blick auf Basel, wo die Pharmafirmen Novartis und Roche ihren Hauptsitz haben.
Blick auf Basel, wo die Pharmafirmen Novartis und Roche ihren Hauptsitz haben.
Bild: Bloomberg

Geht es nach Umsatz oder Mitarbeiterzahl, gehören sie zu den grössten Firmen der Schweiz. Geht es nach Börsenwert, sind sie absolute Spitze. Nestlé, Novartis und Roche sind gemeinsam für mehr als 60 Prozent der Performance des Swiss Market Index (SMI) verantwortlich, der wiederum 85 Prozent der Gesamtkapitalisierung des Schweizer Aktienmarktes ausmacht.

Die drei Schwergewichte sind in ihren Geschäftsfeldern unter den globalen Leadern und finden so den Weg in unzählige Anleger-Portfolios weltweit. Aber auch aufgrund ihrer Börsengewichtung zählen der Nahrungsmittelhersteller Nestlé und die Pharmariesen Novartis und Roche zu den beliebtesten Investitionen an der Schweizer Börse. Denn viele Vorsorge-Einrichtungen legen ihr Geld möglichst breit diversifiziert an und bilden dabei ganze Indizes ab.

Doch während in vergangenen Jahren die drei grössten SMI-Aktien als relativ konstant galten und sich auch in turbulenten Zeiten schwankungsresistent verhielten, sind sie in diesem Jahr sehr unterschiedlich unterwegs. cash.ch stellt die Frage, welcher der drei Giganten für Anleger die besten Zukunftsperspektiven bietet.

Nestlé: Vorfreude auf den neuen Chef

Von den drei Vergleichskandidaten kann bislang nur Nestlé auf ein gelungenes Börsenjahr zurückblicken. Mit einer Zwischenbilanz von plus 5 Prozent auf 78 Franken liegen die Westschweizer knapp im oberen Drittel des SMI, der seinerseits 7 Prozent im Minus steht. Die starke Belebung im Nestlé-Aktienkurs (Ende Juni) fiel genau in die Zeit, als bekannt wurde, dass es an der Konzernspitze zu einem Wechsel kommt (siehe Chart unten): Anfang 2017 übernimmt Ulf Mark Schneider das Ruder des weltgrössten Nahrungsmittelherstellers.

Überraschend war vor allem, dass der neue CEO keine konzerninterne Lösung ist. Nestlé hatte in seiner Geschichte erst einmal einen externen Kandidaten zum Konzernchef gemacht. Schneider hingegen ist seit 2003 Chef der deutschen Medtech-Gruppe Fresenius. Unter seiner Führung kletterte die Fresenius-Aktie von 5 auf aktuell 66 Euro. Und so deckten sich viele Börsianer schon einmal vorsorglich mit Nestlé-Aktien ein. In Erwartung einer ähnlichen Vervielfachung des Shareholder Value durch Schneider, der vielerorts als "Manager-Wunderknabe" bezeichnet wird.

Doch Zweifel sind angebracht. Nestlé ist im Vergleich zu Fresenius mit 335'000 Mitarbeitenden ein viel grösseres Unternehmen mit einer weitverzweigten Markenlandschaft. Das Konsum- und Preisumfeld ist in vielen Industrieländern schwierig. Und in den Schwellenländern (insbesondere China) ist eine Wachstumsschwäche längstens Tatsache. In jüngster Zeit hat es das Nestlé-Management denn auch wiederholt verpasst, das eigene Ziel von 5 bis 6 Prozent organischen Wachstums zu erreichen.

Aufschwung erhofft sich Nestlé von neuen Produkten aus dem Gesundheitsbereich. Bei dieser Ausrichtung auf "Ernährung, Gesundheit  und Wohlbefinden", wie es der Verwaltungsrat bezeichnet, soll der Health-Care-Spezialist Schneider behilflich sein. Die Finanzanalysten sind auf jeden Fall skeptisch: Von 27 Ratings lauten 14 auf "Buy", zehn auf "Hold" und drei auf "Sell". Das durchschnittliche Kursziel liegt mit 80 Franken nur knapp über dem aktuellen Aktienkurs.

Fazit: Von einer Personalie gesteuerte Kurssteigerungen stehen meist auf tönernen Füssen. Vor einem langfristigen Engagement sollte erst die Strategie des neuen CEO abgewartet werden. Die Vorfreude könnte sonst Ernüchterung weichen.

Novartis: Mitten in einer Übergangsphase

Unter den beiden Pharma-Schwergewichten hat Novartis derzeit knapp die Nase vorn. Auch wenn das Minus von 10 Prozent in diesem Jahr ungewöhnlich schlecht ist – gerade im Vergleich mit dem Gesamtmarkt. Das Allzeithoch der Novartis-Aktie (103 Franken) liegt zwar erst gut ein Jahr zurück, scheint aber momentan sehr weit weg.

Wie aus Anlass der jüngsten Unternehmenszahlen klar wurde, stagniert der Konzern. Noch immer bereitet beispielsweise die Augensparte Alcon Sorgen. Auch sorgen ablaufende Patente und zunehmende Nachahmerprodukte dafür, dass häufig von einer Übergangsphase bei Novartis die Rede ist.

Noch deutlichere Bremsspuren hinterlassen jeweils Aussagen der US-amerikanischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Wenn sie sich kritisch über die Preispolitik von Biotech- und Pharmaunternehmen äussert, verlieren die Gesundheitsaktien auf breiter Front an Wert. Bevor in den USA die Wahlen nicht abgehalten sind und mehr Klarheit über die zukünftige Wirtschaftspolitik herrscht, dürften auch die Schweizer Pharmaaktien anfällig für Schwankungen bleiben.

Noch ein Blick auf die Meinungen der Experten: Elf Kauf- stehen genauso viele Halten- und eine Verkauf-Empfehlung gegenüber. Gemessen am durchschnittlichen Kursziel (87 Franken) hat die Novartis-Aktie allerdings ein Potenzial von mehr als 10 Prozent.

Fazit: Die Novartis-Führung sollte wieder Schwung ins Wachstum bringen, sonst entwickelt sich der Aktienkurs wie der Umsatz: stagnierend.

Roche: Schwacher «Bon», zuversichtliche Experten

Auf dem aktuellen Stand bei 243 Franken kommt der Genussschein ("Bon") von Roche auf eine Zwischenbilanz in diesem Jahr von minus 12 Prozent. Auch ein solides Halbjahr in Bezug auf die Geschäftszahlen konnte den konstanten Zerfall des Aktienkurses nicht aufhalten. Gewiss: Roche hat in der Krebsbekämpfung eine führende Marktposition. Aber ähnlich wie bei Novartis dämpfen Patentabläufe und ungewisse Aussichten im Schlüsselmarkt USA das Anlegerinteresse.

Verunsichernd wirkt auch, dass Novartis, das einen substanziellen Anteil an Roche hält und diesen gerüchteweise verkaufen möchte – Zeitpunkt und Käufer sind aber unbekannt. Viele Experten sind sich einig, dass dieses Relikt aus der Ära von Daniel Vasella weg muss. Doch die Börse hasst bekanntlich Ungewissheiten.

Im internationalen Vergleich sind aber Novartis wie auch Roche gut aufgestellt. Nicht nur werden die Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2017 von 16 vergleichsweise günstig gehandelt. Auch sind die Dividendenrenditen von 3,5 Prozent attraktiv.

Im Fall von Roche sind die Titel bereits auf einem derart tiefen Niveau angelangt, dass immer wieder von günstigen Einstiegsmöglichkeiten die Rede ist. Laut Angaben von AWP empfehlen 19 Finanzanalysten den Genussschein zum Kauf und nur vier zum Halten. Der Kursziel-Konsens von 295 Franken birgt ein Potenzial von mehr als 20 Prozent.

Fazit: Ungeachtet diverser Unsicherheiten ist klar: Roche hat zu stark gelitten. Fliesst wieder mehr Geld aus dem Nebenwerte-Segment zu den Blue Chips, dürfte Roche zu den Gewinnern gehören.