Künstliche Intelligenz schraubt den Bedarf an Rechenleistung immer weiter nach oben: Gemäss Untersuchungen des Strategieberatungsunternehmens McKinsey werden bis 2030 Investitionen von mehr als fünf Billionen Dollar notwendig sein, um Rechenzentren für die bis dann voraussagbaren KI-Anwendungen zu bauen. Dabei ist der Boom bereits seit einiger Zeit in Gang. Schätzungen gehen von über 11'000 schon betriebenen Datencenter weltweit aus, rund ein Drittel davon stehen in den Vereinigten Staaten - dort also, wo die grossen Tech-Unternehmen wie Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft oder Nvidia zu Hause sind und die KI-Entwicklung massgeblich vorantreiben.
Am Bau und Betrieb von Rechenzentren sind auch Schweizer Firmen beteiligt. Auch wenn sie nur einen Teil des Umsatzes damit machen, so ist an ihren teils schon massiv gestiegenen Aktienkursen ablesbar, wie euphorisch die Börse gegenwärtig auf Künstliche Intelligenz und den Rechencenter-Boom reagiert. Fraglich ist dann aber, ob die Decke inzwischen erreicht ist oder noch Raum für weitere Höhenflüge besteht. Im Fokus stehen Namen wie ABB, Belimo und Georg Fischer.
ABB
Das Technologieunternehmen ABB scheint wie gemacht für die Gegenwart der 2020er-Jahre. Die für den Konzern wichtige Elektrifizierungssparte profitiert nicht nur von der Energiewende, sondern eben auch vom Ausbau der Datencenter. Hierbei hat sich ABB etwa bei Applied Digital und Nvidia angedockt und liefert technologische Systeme für die Serverfarmen, welche unter der Ägide der beiden US-Tech-Konzerne entstehen.
Inzwischen kosten die Titel von ABB mehr als 85 Franken, so viel wie noch nie in der Börsengeschichte des schweizerisch-schwedischen Konzerns - und mehr als der Marktkonsens von 76,43 Franken den Valoren zutraut. Gemessen daran sowie an der grossen Anzahl «Hold»-Ratings werden schon in ABB investierte Anleger die Aktie zwar nicht verkaufen. Ein Zukauf ist jedoch ebenfalls nicht angezeigt.
Eine Neubeurteilung wird spätestens Mitte Juli stattfinden. Dann berichtet das von CEO Morten Wierod geleitete Unternehmen über den Geschäftsgang im zweiten Quartal.
Accelleron
Auch die Lösungen von Accelleron sind anhaltend gefragt: «Der laufende Ausbau von Rechenzentren und die stetige Bautätigkeit von neuen Schiffen sollten weiterhin für eine starke und nachhaltige Nachfrage nach unseren Produkten sorgen», sagte CEO Daniel Bischofberger im März bei der Präsentation des Jahresergebnisses 2025. Dieses fiel unerwartet positiv aus. Gerade im High-Speed-Segment war viel Schwung, wie das Umsatzplus von 33,9 Prozent zeigt. Das Wachstum sei durch die anhaltende Dynamik bei den Not- und Primärstromlösungen für Rechenzentren in den USA angetrieben worden.
Die Anleger mögen die Aktien des in Baden ansässigen Technologiekonzerns offenbar: Die Aktie hat sich in den letzten drei Jahren nahezu vervierfacht. Nun bezahlt man rund 80 Franken pro Anteilsschein und damit in etwa so viel, wie der Analystenkonsens ihm zutraut. Daher sind in den nächsten Monaten keine Kurssprünge erwartbar. Anleger, die mit einer gewissen Vorsicht ans Werk gehen, werden vorderhand nicht weiter zukaufen.
Mittelfristig kann das Unternehmen durchaus wieder positiv überraschen. Es hat etwa für 2026 ein organisches Umsatzwachstum von 9 bis 14 Prozent in Aussicht gestellt. Experten gehen von 10 Prozent aus, was durchaus Raum für ein unerwartet positives Abschneiden des Turboladerherstellers lässt.
Belimo
Die Aktie von Belimo hatte zwischen Februar und April zwar einen Anhänger; seither aber hat sie schon fast wieder den Rekordstand vom Sommer 2025 bei 975 Franken erreicht. Aktuell notieren die Titel bei 960 Franken.
Wesentlicher Kurstreiber sind die Kühllösungen für Rechenzentren, die der Klimaspezialist aus Hinwil anbietet. Auf ihnen ruhen auch Hoffnungen für die Zukunft. Mehr als die Hälfte des Umsatzwachstums von Belimo in den nächsten mindestens drei Jahren soll aus dem Geschäft mit Datenzentren stammen, sagen Berechnungen der US-Bank Morgan Stanley. Sie stuft Belimo neuerdings mit «Overweight» ein und traut der Aktie 1100 Franken - ein neues Allzeithoch - zu.
Die Prognose der US-Grossbank gehört allerdings zu den optimistischsten am Markt und steht in scharfem Kontrast zur Meinung von Sebastian Vogel, Analyst der UBS. Er sagt «Sell» bei einem Kursziel von 500 Franken. Ausgedeutscht heisst das: Die Titel von Belimo werden in zwölf Monaten nur noch rund halb so viel wert sein wie die 960 Franken, die man derzeit pro Aktie bezahlt. Anleger werden aufgrund dieser Perspektive in Deckung gehen.
Centiel
Das Unternehmen, das in die Börsenhülle von HT5 (ehemals Hochdorf) geschlüpft ist, hat sich auf unterbrechungsfreie Stromversorgung spezialisiert. Auf eine solche sind unter anderem Spitäler und Banken angewiesen - oder Rechencenter: Vor wenigen Tagen gab das Unternehmen eine auf mehrere Jahre angelegte Vertriebspartnerschaft mit dem US-Unternehmen Neo Critical Power bekannt. Damit wolle man den amerikanischen Markt für Datencenter erschliessen. CEO Gerardo Lecuona sah in der Kooperation mit «einen wichtigen Meilenstein unserer internationalen Wachstumsstrategie».
Die Aktie reagierte prompt und gab nicht mehr nach. Aktuell kostet sie knapp 7,90 Franken. Von den momentan drei bei Bloomberg verzeichneten Centiel-Analysten sieht nur einer noch höhere Notierungen. Der Mittelwert für das Kursziel liegt jedoch bei 6,90 Franken. Anleger, die sich daran orientieren, werden beobachten, ob die Experten demnächst über die Bücher gehen oder ob die Valoren des Stromversorgungsunternehmens zurückfallen. Eine solche Kursdelle kann sich dann für einen Einstieg eignen.
Huber+Suhner
Huber+Suhner steht mit seinen optischen Schaltern fest im Rechencenter-Geschäft, wobei die Konkurrenz allerdings stark und die Aktie schon massiv gestiegen ist. Seit April 2025 ist sie um 300 Prozent auf 251 Franken gestiegen, wobei sie sich gerade in den letzten rund vier Wochen nicht mehr verbessert hat. Das deutet auf eine Konsolidierung auf vergleichsweise hohem Niveau hin. Sie bietet Anlegern Gelegenheit zum Durchatmen.
Dieser Auffassung ist auch Berenberg-Experte Lucas Glemser, der kürzlich eine neue Einschätzung zu Huber+Suhner publiziert hat. Dabei hat er das Preisziel von 200 auf 250 Franken angehoben, womit er vorerst kaum einen weiteren Kursanstieg mehr erwartet. Auch die Herabstufung auf «Hold» von «Buy» spricht für eine Pause, nicht aber für einen Ausstieg bei Huber+Suhner. Denn das Unternehmen aus Herisau kann mittelfristig durchaus weiter zulegen, und zwar nicht nur im Rechencenter-Geschäft, sondern auch in den Bereichen Luftfahrt und Verteidigung.
Sika
Man habe sich als Partnerin von führenden Technologieunternehmen positioniert, welche die digitale Infrastruktur - insbesondere für KI - weltweit prägen, meldete Sika im Juni des vergangenen Jahres. Als Leistungsausweis führte der Bauchemiekonzern das Total von über 1000 Rechenzentren an, die mit Lösungen von Sika gebaut worden seien. «Sikas End-to-End-Lösungen, vom Fundament bis zum Dach, bieten Eigentümern von Rechenzentren Sicherheit», sagte CEO Thomas Hasler.
Die Nachrichten aus der Konzernzentrale zum Beitrag von Sika an die Datencenter-Entwicklung konnten den Aktienkursverfall nicht aufhalten. Die Valoren sanken zwischen Juni 2025 und heute um gut 24 Prozent auf momentan 161 Franken. Zur Belastung wurden mitunter erhöhte Rohstoffkosten und der sich daraus ergebende Druck auf die Margen.
In den letzten Wochen fingen sich die Titel allerdings und haben nun wieder Drall nach oben. Entscheidend für das Anlegervertrauen wird nun sein, wie gut Sika im zweiten Quartal abschneidet. Der Bericht dazu erscheint Ende Juli. Derweil glaubt manch ein Experte an eine Erholung der Aktie: Sie hat gemessen an der durchschnittlichen Analystenerwartung knapp 11 Prozent Aufwärtspotenzial.
Georg Fischer
Das Schaffhauser Traditionsunternehmen hat vor kurzem den Wandel vom Mischkonzern zum Spezialisten für «Flow Solutions» abgeschlossen. Georg Fischer (GF) beliefert nun mehr als ein Dutzend Industriezweige mit Lösungen zur Durchleitung von Wasser, Gas und anderen Stoffen. Ein Anwendungsbeispiel sind Leitungen, durch die in Rechenzentren untergebrachte Systeme gekühlt werden.
Am Aktienkurs ist weder der inzwischen vollzogene Konzernumbau noch die Teilnahme an Bau und Betrieb von Rechenzentren ablesbar. Die Aktie steht bei 44 Franken und damit klar unter dem Höchststand von 77,45 Franken im Spätsommer 2021. Eine Annäherung an dieses Niveau ist jedoch erwartbar, sofern aktuelle Prognosen zutreffen. So stuft der zuständige Experte von Oddo BHF Georg Fischer mit «Buy» ein und sieht ein Kursziel von 68 Franken. Dieses liegt rund sieben Franken über dem Konsens von 61,25 Franken. Auch dieser deutet auf mittelfristig wieder höhere Notierungen der GF-Aktie hin.
Ob der Boom trotz Widerstand weitergeht?
Mittlerweile hebt der eine oder andere Marktbeobachter den Mahnfinger. Sie sehen wachsenden Widerstand der Öffentlichkeit gegen den Bau neuer Rechenzentren, etwa dahingehend, dass der Energieverbrauch zu hoch sei und es zu Netzengpässen komme. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Regulierung verschärft und so der Rechencenter-Boom gebremst wird.
Vollkommen aufhalten wird man die weitere Entwicklung der Rechenzentren allerdings kaum, da enorme Investitionen laufen und der KI-Trend in den kommenden Jahren wohl anhalten wird. Dass er dies tut, zeigt sich an den noch kaum verbreiteten KI-Agenten. Das sind Systeme, die Aufgaben weitgehend eigenständig erledigen und sich so von den bekannten KI-Modellen wie ChatGPT unterscheiden. Fachleute versprechen sich erhebliche Produktivitätsverbesserungen, weshalb nicht abseitsstehen könne, wer mit der Konkurrenz mithalten wolle.

