Mit einem Preis von 135 Dollar gehen die Valoren von SpaceX am Freitag um 15.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit an der New Yorker Börse erstmals in den Handel. Das ergibt eine Gesamtbewertung von 1,75 Billionen Dollar für eine Gesellschaft, die 18 Milliarden Umsatz generiert, aber noch keine Gewinne erzielt.
Kein Wunder, bezeichnete der auf sinkende Kurse setzende Leerverkäufer-Veteran Jim Chanos die SpaceX-Bewertung vor dem IPO auf einem Podiumsgespräch in New York als hoffnungslos überbewertet. Diese werde weniger von Fundamentaldaten getragen als von der Begeisterung für Elon Musk und die künstliche Intelligenz. «Das ist wirklich ein Börsengang, der auf Hoffnungen und Träumen basiert», so Chanos.
Die Armada an Retailinvestoren und Anhängern von Elon Musk zeigt sich deswegen wenig beeindruckt. Sie vertrauen seinen Visionen, das Angebot an Aktien wurde hoffnungslos überzeichnet. Entsprechend dürften auch nur wenige Titel bei Privatanlegern landen, was Käufe am ersten Handelstag befeuern könnte - die Investmentbanker an der Wall Street werden alles tun, um dem Börsengang zum Erfolg zu verhelfen.
Ein Teil dieser Begeisterung sei durchaus gerechtfertigt, meint Humberto Nardiello, Aktienfondmanager bei DPAM gegenüber cash.ch. SpaceX habe wiederholt bewiesen, vermeintlich unmögliche technologische Ziele in operative Realität umsetzen zu können.
Der Börsengang sei eine langfristige Wette auf die Umsetzung einer aussergewöhnlichen Vision in einem aussergewöhnlichen Unternehmen mit aussergewöhnlichem Potenzial. Aber auch mit einer Bewertung, die bereits sehr viel zukünftigen Erfolg voraussetzt. «In gewisser Weise ist ein Investment in SpaceX fast eine Venture-Capital-Anlage auf Steroiden - verpackt in die Liquidität des öffentlichen Aktienmarktes», so Nardiello von DPAM.
Der Tag der «Klempner»
Während die Anlegerinnen hitzig über die Börsenbewertung diskutieren, sind an der Wall Street die sogenannten «Plumber» - zu Deutsch Klempner - schon Monate vor dem Börsengang auf den Plan gerufen worden. Während der normale Klempner für die Rohrleitungen in einem Haus zuständig ist, kommt den Spezialisten rund um die US-Börse die Rolle zu, für einen reibungslosen Handel zu sorgen. Denn durch verstopfte Rohre, so die Anspielung, könnte der Handel beeinträchtigt werden und die Reputation der US-Finanzmärkte Schaden nehmen.
Die Erinnerung an vergangene Pannen ist bei Börsianern noch immer präsent. Bei Facebook respektive heute Meta wurde im Jahr 2012 das Listing von technischen Ausfällen überschattet. Händler waren im Unklaren darüber, ob ihre Aufträge ausgeführt worden waren oder nicht. Zudem verdeutlichen Börsenausfälle, «Flash-Crashes» und Phasen hoher Schwankungen, wie schnell sich Störungen auf zunehmend technologieabhängige Märkte ausbreiten können.
Für die Marktteilnehmer reicht der Fokus aber oft über die grossen Börsen und Clearingstellen hinaus. Ein kleinerer Broker, Marketmaker oder Finanzdienstleister, der sich als weniger gut vorbereitet erweist als seine Konkurrenten, kann schnell zu einer Quelle von Störungen werden, so Frank La Salla, Präsident und CEO der Abwicklungsfirma Depository Trust & Clearing Corp (DTCC) gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg.
Gut zu wissen
Der US-Börsenbetreiber Nasdaq dürfte SpaceX schon in 15 Tagen in den Technologieindex Nasdaq 100 aufnehmen. Der Vermögensverwalter Invesco hat dabei berechnet, dass die Firma von Elon Musk rund 1 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung am Index ausmachen dürfte. Diese «verhältnismässig» magere Gewichtung ist darauf zurückzuführen, dass nicht die gesamte Marktkapitalisierung dem Index zugerechnet wird, sondern nur die der frei handelbaren Aktien.
Weil dieser Börsengang für die Wall Street von enormer Wichtigkeit ist, dürfte der erste Handelstag trotz aller Unabwägbarkeiten ein Erfolg werden. Auf der Wettplattform Polymarkets erwarten knapp 50 Prozent, dass SpaceX den Tag mit einem Kursgewinn von mehr als 20 Prozent abschliessen wird. 84 Prozent Wahrscheinlichkeit bestehen auf eine positive Kursentwicklung am ersten Börsentag.
Anlegerinnen und Anleger sollten deshalb das Augenmerk auf die Reaktion der wichtigen US-Börsenindizes richten. Die Kursreaktionen von Broadcom, Nvidia, Oracle und Co. könnten je nach dem einen Vorgeschmack auf das liefern, was in den nächsten Tagen und Wochen folgt. Neigen diese Titel zu einer ausgeprägteren Schwäche, könnte dies ein schlechtes Omen sein, weil Anleger Gelder umschichten.

