Bei 135 Dollar ist die Aktie von SpaceX auf den tiefsten Stand ihrer noch jungen Börsengeschichte gefallen. Am 12. Juni schlossen sie ihren ersten Handelstag bei 160,95 Dollar ab. Der seither eingefahrene Verlust beläuft sich auf 16 Prozent. «Es gab zuletzt nichts, was die Anleger ⁠an die Gründe erinnert hätte, warum sie SpaceX gekauft haben», sagt Steve Sosnick, Chefanalyst bei Interactive Brokers. 

 Am Mittwoch fielen die SpaceX-Titel zeitweise sogar auf 132,15 Dollar, nachdem sie in den ersten Tagen nach ihrer Erstnotiz auf bis zu 225,64 Dollar hochgeschnellt waren. «Das nährt die These, dass der ‌Kursanstieg der Aktie auf Spekulation und Überhitzung beruht und nicht auf echten Fundamentaldaten», sagt Matthew Maley, Chef-Marktstratege des ‌Vermögensverwalters Miller Tabak. Gabriel Shahin, Chef des Anlageberaters Falcon, bezeichnet dies dagegen als «normale, wenn ​auch schmerzhafte» Entwicklung. An seiner Beurteilung der Geschäftsaussichten ändere sich vorerst nichts.

Der Kursrutsch der ⁠Aktien ist nicht nur eine Nervenprobe für die Investoren. Er könnte auch die Pläne anderer hochkarätiger Börsenkandidaten wie OpenAI oder ⁠Anthropic durchkreuzen. Investoren fragen sich nun, wie sich das Börsengeschehen um SpaceX und Co. entwickeln wird.

Warten oder Gas geben?

Über die Auswirkungen auf die Börsenpläne der KI-Entwickler OpenAI und Anthropic sind sich Experten uneins: «Niemand möchte, dass ein Börsengang floppt oder der Ausgabepreis gedrückt wird», betont Greg Halter, Chef-Analyst des Anlageberaters Carnegie. Er gehe davon aus, dass Unternehmen eher einen Rückzieher machten als potenziellen Investoren beim Preis entgegenzukommen.

Für Ryan Lee, Manager beim Finanzdienstleister Direxion, spielt die Kursentwicklung von SpaceX bei diesen Entscheidungen dagegen keine ‌Rolle. «Wenn ich OpenAI oder Anthropic wäre und Kapital für das Wettrüsten um die Entwicklung von KI-Modellen benötigte, würde ich versuchen, dem anderen zuvorzukommen.» Der ChatGPT-Entwickler OpenAI hat bereits einen vertraulichen Antrag auf Zulassung an der US-Technologiebörse Nasdaq eingereicht.

Kursentwicklung bei SpaceX ist kein Ausreisser

Mit dem Kursrutsch unter den Ausgabepreis steht SpaceX nicht allein da. Die Aktien ​des Chipkonzerns Cerebras entwickelten sich nach ihrem fulminanten Debüt im Mai ähnlich. Auch die Titel der Facebook-Mutter Meta legten nach ihrer ​Erstnotiz im Mai 2012 vorübergehend den Rückwärtsgang ein.

Eine Reuters-Analyse von 50 Börsengängen seit ​2010 ergab, dass die Papiere von 21 dieser hoch bewerteten Unternehmen binnen zwei Monaten nach ihrer Erstnotiz unter den Ausgabepreis gerutscht sind. Sie notieren inzwischen zwar meist wieder im Plus, ihre Kursgewinne sind ‌mit durchschnittlich 61 Prozent aber nur etwa halb so hoch wie diejenigen der übrigen 29 Börsenwerte. «Kursschwankungen nach einem IPO sind normal», betont Falcon-Experte Shahin.

Quartalsergebnisse rücken in den Fokus

Trotz der jüngsten Kursverluste bleibt SpaceX eine der teuersten Aktien an der Wall Street. Ihr Kurs liegt beim 49-Fachen des Umsatzes je Anteilsschein. Der ​Elektroautobauer Tesla, der ​ebenfalls zum Firmenimperium des Milliardärs Musk gehört, kommt lediglich auf ein Kurs/Umsatz-Verhältnis von 15. ⁠Einigen Experten zufolge ist die hohe Bewertung von SpaceX gerechtfertigt, obwohl der Konzern im vergangenen ​Jahr rund fünf Milliarden Dollar Verlust ⁠machte. Die Satelliten-Tochter Starlink fahre hohe Gewinne ein. Zudem könne SpaceX auf US-Staatsaufträge für Raketenstarts bauen.

Die nächste Bewährungsprobe für Musk und seine Fähigkeit, Investoren bei der Stange ‌zu halten, sind die für Anfang August erwarteten Quartalsergebnisse. Sollte er einen klaren Weg in die Gewinnzone aufzeigen, könnten SpaceX-Aktien ihre Rally wieder aufnehmen, sagt Maria Llerena, Chef-Analystin des Vermögensverwalters Domini.

Auslaufende Haltefristen

Ein Risikofaktor sind jedoch auslaufende Haltefristen für Altaktionäre und SpaceX-Beschäftigte. Bis zum Jahresende ‌können etwa 40 Prozent der Papiere frei gehandelt werden, nachdem beim Börsengang etwa ein Zehntel davon auf den Markt ​gekommen war. Milliardär Musk muss seinen Anteil von 61 Prozent bis mindestens Mitte 2027 halten.

Einige Kleinanleger könnten daher die Nerven verlieren, gibt Shahin zu bedenken. Viele von ihnen hätten Geld investiert, dessen Verlust sie sich nicht leisten könnten. Musk hatte einen ungewöhnlich hohen Anteil von 30 Prozent der SpaceX-Emission für Privatinvestoren reserviert. Damit wollte er die ‌Unterstützung durch seine Fans würdigen.

(Reuters/cash)