Stille Nacht, einträgliche Nacht?

Nach der Korrektur im September hat der SMI seit Mitte Oktober steil um 10 Prozent zugelegt. Setzt der Index noch einen drauf? Startet er zur Jahresend-Rally? Experten geben gegenüber cash Einschätzungen ab.
04.11.2014 01:15
Von Marc Forster und Frédéric Papp
Jahresendrallyes an den Börsen kommen häufig vor.

Tiefzinsen, eine lockere Geldpolitik, gute Unternehmenszahlen, das Weihnachsgeschäft und Fondsmanager, die zum Jahresende gut laufende Aktien kaufen, um die Portfolios besser aussehen zu lassen, könnten die Aktienkurse weiter anschieben.

Allerdings dreht der Aufwärtstrend manchmal im Januar. Einen sichtbaren Dämpfer in der zweiten Januarhälfte gab es in den letzten zehn Jahren vier Mal. Dass der Index im Dezember Anlauf nimmt und bis Mitte oder Ende Januar steigt, ist auch kein seltenes Phänomen. Einen fast kontinuierlichen Anstieg des SMI um satte 10 Prozent von Anfang November bis Ende Januar verzeichneten die Jahre 2012/2013 und 2005/2006.

Negativ mit einem Kursverfall um 15 beziehungsweise 14 Prozent waren die Dreimonats-Perioden über die Jahreswechsel 2007/2008 und 2008/2009 inmitten der Finanzkrise. Von cash befragte Experten haben unterschiedliche Meinungen dazu, was dieses Jahr kursmässig unter dem Christbaum liegen wird:

Thomas Liebi, Chefökonom Swisscanto: "Die Grundlagen für eine Jahresend-Rally sind gegeben. Es ist durchaus möglich, dass der SMI mit etwas Schwung noch über 9000 Punkte steigt. Die Konsumstimmung in den USA ist gut und das dürfte das Weihnachtsgeschäft stützen. Allerdings schlägt sich dieser Optimismus bereits in den Kursen nieder. Die Aktienmärkte werden möglicherweise ein halbes Jahr so volatil bleiben, wie sie es im Oktober waren. Es wirken zwei gegenläufige Kräfte: Die weiterhin expansive Geldpolitik und gute Unternehmenszahlen gegen Unsicherheiten wie die Konjunkturentwicklungen ausserhalb der USA. Auch das Ende des Quantitative Easing der US-Notenbank Fed verunsichert. Da braucht es nicht viel, dass Gewinne mitgenommen werden und die Schwankungen gross bleiben. Zudem zeigen die relativ hohen Bewertungen der Aktien, dass die Luft allmählich dünner wird. Ich kann mir vorstellen, dass wir in einem halben Jahr nach fünfeinhalb Jahren Hausse langsam zu einem Bärenmarkt übergehen werden."

Eric Steinhauser, Anlagechef Bank Rahn & Bodmer: "Im bisherigen Jahresverlauf hat die Schweiz mit 10 Prozent Steigerung (total Return SPI) gegenüber Europa (Stoxx 600 +5 Prozent) sehr gut abgeschnitten. Dies hängt wesentlich mit der unterschiedlichen Sektorengewichtung mit den Zugpferden Novartis, Roche und Nestlé zusammen. Mit Blick auf die November und Dezember gilt es zu beachten, dass die Erholung nach dem jüngsten Kurseinbruch sehr stark gewesen ist. So kann es in den verbleibenden Wochen durchaus eine prononcierte Gegenreaktion geben, was nochmals Einstiegs-Chancen für Trading-Orientierte ergibt. Der Ausblick insbesondere für die Schweizer Schwergewichte bleibt einigermassen gut: Aktienbewertungen sind noch nicht rekordverdächtig hoch und ein tiefer Erdölpreis stützt das Wachstum. Der stärkere Dollar wird der europäischen Konjunktur und noch mehr den Schweizer Aktien etwas Rückenwind geben. Die Währungseinflüsse waren jahrelang negativ, dieser Trend wird jetzt umkehren. Euphorie wäre aber fehl am Platz, denn der Aufwärtstrend der letzten drei Jahre wurde verletzt, und die grossen Unsicherheiten mit Blick auf die Eurozone können so rasch nicht aus dem Weg geräumt werden."

Alex Hinder, Hinder Asset Management: "Vom Saisonalitätsbild her sieht es positiv aus. Rein technisch kann man sagen, dass die Wintermonate immer gute Monate für Aktien sind. Fundamental hilft die Situation in Japan, wo die Notenbank die Geldpolitik weiter gelockert hat und die Märkte mit zusätzlicher Liquidität versorgt. Dadurch steigt auch der Druck auf die Europäische Zentralbank, etwas zu machen. Dann denke ich, dass sich die Mid-Term-Wahlen in den USA positiv auswirken werden. In den USA zieht zudem die Konjunktur an, die Konsumstimmung ist auf einem Siebenjahres-Höchst. Das kann sich auf das Weihnachtsgeschäft und damit auch auf die Finanzmärkte auswirken. In der Schweiz ist es durchaus realistisch, dass der SMI auf über 9000 Punkte steigt."

Caroline Hilb, Anlagestrategin St. Galler Kantonalbank: "Die starke Erholung seit Mitte Oktober war mehr oder weniger eine verfrühte Jahresendrally. Viel höhere Kurse liegen kaum mehr drin. Für den Anleger bleibt das Börsenumfeld anspruchsvoll und undurchsichtig. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, in Aktien investiert zu bleiben. Anleger müssen aber starke Nerven beweisen und Kursschwankungen aushalten können. Ein Prüfstein für die Börsen wird die anstehende Zinswende in den USA sein. Um die Jahreswende könnte sich der Zeitpunkt der Zinserhöhung konkretisieren, was kurzfristig zu Verwerfungen an den Aktienmärkten führen dürfte."

Ein Händler, der nicht namentlich genannt werden will: "Es geht vielen wie mir - die Aktien werden kurzfristig dank Billiggeld weiter nach oben stürmen, aber es bleibt ein ungutes Gefühl dabei. Ich glaube nicht, dass die Geldpolitik der Zentralbanken gesund für die Finanzmärkte ist. Die erneute Aufstockung des Anleihenkaufprogramms der Bank of Japan ist schlicht Wahnsinn und kam aus dem Nichts. Hinzu kommt: Immer mehr institutionelle Anleger wie Pensionskassen erhöhen ihre Aktienquoten. Dies ist ein Zeichen der Überhitzung. In der Vergangenheit haben die Pensionskassen Aktien nahe den Börsenhöchstständen gekauft, bevor es dann nach unten ging. Auch die reihenweise Hochstufung der Analysten-Ratings ist mit Vorsicht zu geniessen. Weiter ist die gestiegene Volatilität ein Hinweis, dass die Börsen womöglich bald wieder nach unten drehen. Ich würde Gewinne realisieren und an der Seitenlinie verharren."