cash.ch: Herr Funk, der Schweizer Aktienmarkt hat sich im laufenden Jahr trotz des Kriegs im Nahen Osten positiv entwickelt. Wie blicken Sie als Fondsmanager auf die kommenden Monate bis Ende Jahr?

Thomas Funk: Wir haben eine extrem spannende Ausgangslage. Denn die Einkaufsmanagerindizes ziehen wieder an. Daran wird sichtbar, dass die Nachfrage ihren Tiefpunkt durchschritten hat und es nun allmählich aufwärts geht. Die bislang veröffentlichten Zahlen bestätigen dies. Die Auftragseingänge von Unternehmen wie Georg Fischer und Bossard haben überraschend stark zugenommen.

Ist das auch einer der Gründe, weshalb Sie den Industriesektor in Ihrem Portfolio hoch gewichten?

Ja, doch in der Industrie gibt es ohnehin viele spannende Unternehmen. Neben Georg Fischer und Bossard sind wir in Halbleiterzulieferer wie VAT und Inficon sowie in klassische Industrietitel wie Sulzer und Burckhardt Compression investiert. Das sind strukturell gut aufgestellte Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell und innovativen Produkten. An unserer Titelauswahl zeigt sich auch, dass man sich als Anleger innerhalb des Industriesektors gut diversifizieren kann.

Ihr Fonds fokussiert sich auf kleine und mittelgrosse Unternehmen und setzt dabei auch auf Galderma und Sandoz. Werden sie diese beiden Positionen nach deren Aufnahme in den SMI aufgeben?

Zum Stichtag der Indexumstellung werden wir keine Aktien von Galderma und Sandoz mehr besitzen. So halten wir es immer, wenn es Änderungen an den Indizes gibt. So muss man zwar gute Titel aufgeben, wird aber andererseits gezwungen, das gesamte Aktien-Universum zu durchforsten, ob es Unternehmen gibt, die nach einer Schwächephase wieder Fuss fassen, oder an der Schwelle zu weiterem Wachstum stehen.

Wie sehr belastet der Verkauf von Galderma und Sandoz die Performance Ihres Fonds?

In der Regel gibt man Titel ab, wenn sie über längere Zeit gut gelaufen sind, so nun auch bei Galderma und Sandoz. Das schmerzt gewiss. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass gerade Galderma auch im SMI weiter zulegen wird - worin ja doch eine gewisse Ironie steckt.

Warum?

Galderma gehörte einst zu Nestlé, Sandoz zu Novartis. Beide wurden als Sorgenkinder angesehen und aus den Konzernen ausgegliedert. Und nun entwickeln beide, Sandoz und Galderma, derart gewaltige Wachstumskräfte, dass sie in den SMI aufsteigen. Da sieht man, was Fokus und entschlossene Führung ausmachen kann.

Wäre es aus Sicht von Nestlé und Novartis sinnvoller gewesen, die beiden Unternehmen zu behalten - oder brachten gerade die Spin-offs den Knoten zum Platzen?

Die reine Wahrheit gibt es hier nicht. Jedes Unternehmen braucht zu jedem Zeitpunkt eine geeignete Governance. Wichtig ist also, dass die Führungsstruktur eine gesunde Mischung aus Risiko, Innovation und Wachstum ermöglicht. So betrachtet ist es wahrscheinlich, dass die Ausgliederungen zum idealen Zeitpunkt geschah.

Was trauen Sie Sandoz und Galderma noch zu?

In Galderma steckt enormes Wachstumspotenzial. Die Produkte sind innovativ und stossen auf eine hohe Nachfrage, die über starke Vertriebskanäle bedient werden kann. Bei Sandoz war ich aufgrund des kompetitiven Generikageschäftes untergewichtet. Das Generikageschäft ist schwierig, wenn auch ein wichtiger Pfeiler des Gesundheitsmarktes. Darum wird das Management immer wieder von Neuem zeigen müssen, wie die Firma wachsen und die Profitabilität halten oder ausbauen kann. Das gelingt zurzeit mit Biosimilars.

VAT, Comet und Inficon zählen zu den Top-Positionen in Ihrem Fonds. Was überzeugt Sie?

Die ganze Welt spekuliert auf den Halbleitersektor. Das mag ich nicht und beobachte darum diese Titel ganz genau. Ich denke aber, dass wir kurz vor einer weiteren Wachstumswelle im Halbleitersegment stehen. Sie wird sich der Wertschöpfungskette entlang Schritt für Schritt nach hinten durchfressen - von den Hyperscalern bis eben zu den Zulieferbetrieben wie VAT, Comet und Inficon. Sie bieten absolute Kerntechnologien für den KI-Boom an.

Sind diese Unternehmen auch robust genug, dass sie einen Rückgang des KI-Booms verkraften können?

Für das Wachstum ist es entscheidend, dass der KI-Boom weitergeht. Ein blosses Dahinsäuseln des KI-Trends würde natürlich auch VAT, Comet und Inficon schwächen. Das Risiko besteht, und man sollte es im Auge behalten. Deshalb ist ein breites Portfolio sinnvoll.

Lindt&Sprüngli ist in Ihrem Fonds und kommt aus einem anderen Segment. Warum ist der Schokoladenhersteller ein gutes Investment?

Meine Grosseltern waren in den Nachkriegsjahren die grössten Verkäufer von Lindt&Sprüngli Schokolade im Berner Oberland. Sie sagten immer, Schokolade sei ein grossartiges Geschäft. Damit hatten sie Recht. Aber man muss es verstehen und richtig anpacken. Lindt&Sprüngli hat genau das getan. Das Management hat die Marke globalisiert, das Unternehmen ist hoch profitabel und investiert konsequent in Wachstum. Zudem gelang es, den Schock bei den Kakaopreisen aufzufangen. Jetzt geht es darum, dass das Volumenwachstum angekurbelt wird.

Das Volumen ist im ersten Halbjahr gesunken, laut Lindt&Sprüngli aufgrund von Preiserhöhungen. Zeigt dies nicht, dass die Premiumstrategie des Unternehmens an Grenzen stösst?

Man muss unter die Oberfläche schauen. Beispielsweise hat der Iran-Krieg in den Travel Retail Shops auf den Umsatz gedrückt, das hat nichts mit den Preisen zu tun. Auf der anderen Seite findet Russell Stover, das einstige Lindt Sorgenkind in den USA, nun endlich zu Wachstum. Ausserdem ist Wachstum nicht einfach linear. Der Schock bei den Kakaopreisen ist absorbiert, nun liegt der Fokus der Firma wieder bei den Volumen.

Ihr aktiv verwalteter Fonds hat im ersten Halbjahr etwas schwächer abgeschnitten als der Benchmark, der SPI Extra. Woran lag es?

Wir wollen auf drei Jahre hinaus eine Outperformance erzielen, was zugegeben momentan auch nicht gelungen ist. Der Grund ist: Wir haben schlicht keine Marktbreite. Die Börse war konzentriert auf wenige Titel und Themen. 2024 bis Anfang 2025 haben Finanztitel dominiert, seit letztem Herbst sind es die Halbleiterwerte. Auch defensive Schweiz orientierte und wenig wachsende Dividendentitel waren sehr gesucht. Doch in der Breite lief der Markt nicht.

Sie vertreten die Auffassung, dass sich aktives Management - Stockpicking - im SMI gerade jetzt wieder lohnt. Warum tut es das?

Für eine erfolgreiche Aktienauswahl sollte man sich auf Bereiche konzentrieren, die man kennt. Ein Fokus nur auf die 20 SMI-Titel ist aber zu eng. So richtig interessant wird es im breiteren Markt. Die enorme Aufmerksamkeit für künstliche Intelligenz gekoppelt mit einer hohen Risikoaversion führte dazu, dass sich Bewertungsdivergenzen aufbauten. Das heisst, die Marktteilnehmer fokussieren sich auf die Themen KI und sichere Dividendenzahler, vernachlässigen jedoch andere Marktsegmente wie strukturelle Wachstumsfirmen. Bei Letzteren haben sich die Bewertungen deutlich reduziert. Das ist eine gute Grundlage für Stockpicking. Doch es gibt auch im SMI-Firmen, die Bewertung abgebaut haben. Ein Blick auf «Dogs», das heisst Unternehmen, die in letzter Zeit schlecht performt haben, lohnt sich. Wir sind in beispielsweise in Sika und Partners Group investiert. Dabei bleiben wir.

Was sind die Vorteile dieses Stockpickings gegenüber dem Ansatz, dass man passiv investiert und über einen Indexfonds den gesamten Markt erfasst?

Man geht davon aus, dass passive Anlagen deutlich günstiger sind als aktive Anlagestrategien. In den letzten Jahren hat aber die Fondsindustrie eine neue Kategorie von Anlageklassen lanciert. Bei uns heissen sie R-Shares, also R-Aktien. Hier ist der Aufpreis zu passiven Fonds im Rahmen. Im Schweizer Small & Mid Cap Bereich investieren passive Fonds meistens nur in die 30 liquidesten Titel und lassen den ganzen Rest, also 150 Firmen weg. Bezogen auf den SMI und den breiter gefassten Swiss Performance Index SPI finde ich, dass die grössten Firmen zu stark gewichtet sind. Anleger sollten sich breiter aufstellen.

Welche Nachteile ergeben sich für Anleger durch das Stockpicking im SMI?

Wie gesagt, man sollte einen breiteren Fokus haben als den SMI. Für Investoren, die Stockpicking selbst machen möchten, braucht es in erster Linie gute Nerven. Es ist eine emotionale Sache, kann Frust auslösen und die Euphorie des Erfolges verleitet in der Folge gerne zu Fehlern, die substanzielle Kapitalverluste verursachen können. Es besteht das Risiko, dass man eine schlechtere Performance realisiert, als verdient wäre. Wichtig ist es, ehrlich zu sich zu sein und den eigenen Erfolg zu messen. Als professioneller Investor mache ich das laufend. Ich habe ein klares Ziel vor Augen und messe mich dagegen.

Wie funktioniert dieses Stockpicking überhaupt? Eine Anleitung für Privatanleger.

Viele Wege führen nach Rom. Mein erster Chef brachte mir ein gutes Sprichwort bei: «Verlierer können wieder siegen, tote Helden bleiben liegen.» Das heisst: auf die Defensive achten und das ist für uns die Qualität einer Firma. Gute Firmen können vieles überleben, weil sie sich anpassen, sie vertragen auch einen falschen Timing-Entscheid des Anlegers. Aber Qualität konkret zu identifizieren, da wird es schwieriger. Es gibt harte und weiche Faktoren. Wir interessieren uns stark für Unternehmen, die den investierten Franken in das Geschäft gut verzinsen und durch Reinvestitionen wachsen können. Gerade solche Firmen sind in letzter Zeit im Einkauf deutlich günstiger geworden.

Werden Sie konkreter, welche harten und weichen Faktoren gibt es?

Bei den harten Faktoren sind es teilweise einfache Dinge wie Marktanteile, Marktstruktur und Kundenportfolio. Weicher wird es schon bei Innovationskraft, einem zentralen Punkt für Schweizer Unternehmen. Deren Bedeutung wird meistens unterschätzt. Hier wird sich in den nächsten Jahren viel tun. In Asien sind die Innovationszyklen und damit die Lernraten der Firmen viel schneller als in Europa. Wir müssen schneller werden, und bei Unternehmen wie Straumann sieht man das auch. Schliesslich die Gretchenfrage: Wie steht es um die Qualität des Managements? Die wichtigste Aufgabe eines Verwaltungsrates ist es, den richtigen CEO oder die richtige CEO zu ernennen. Wenn alles vorteilhaft zusammenkommt, stimmt die Rendite auf dem investierten Kapital und die Firma wächst.

Thomas Funk ist Fondsmanager beim Vermögensverwalter GAM. Dort ist er für den ​​«Swiss Sustainable Small & Mid Cap Equity»-Fonds zuständig. Vor seiner Zeit bei GAM, verwaltete er den «Swiss Small Stocks Fund» der Bank Hofmann, einer Tochtergesellschaft der Credit Suisse. Er war auch für das Research der Schweizer Small- und Mid-Caps verantwortlich. Funk hat einen Master-Abschluss in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre der Universität Bern und ist CFA Charterholder.

Reto Zanettin
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