Die US-Aktienmärkte haben wider Erwarten ein fulminantes Comeback gegeben. Der auf Rekordniveau notierende Nasdaq 100 Index kann dabei auf 14 Tage mit steigenden Kursen zurückblicken – das ist die längste Gewinnserie seit 1990. Auf einem Allzeithoch notiert auch der S&P 500 Index. 

Verschiedene Gründe haben die Rallye befeuert. Das gewichtigste Argument: Die offengelegten Quartalszahlen der US-Unternehmen fielen bisher positiv aus, die Erwartungen wurden erfüllt. Deshalb ist in der letzten Woche der durchschnittliche erwartete Gewinn im S&P 500 Index um 4,2 Prozent angestiegen, wie Daten von Bloomberg zeigen. 

Noch imposanter fällt der Ausblick aus, wenn die von den Analysten geschätzten Gewinnerwartungen auf Einzeltitelebene zusammenaddiert werden. Können die Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten die Gewinne wie erwartet steigern, so liegt der faire Wert des S&P 500 Index bei 8290 Punkten. Das entspricht einem Aufwärtspotenzial von rund 16 Prozent. 

Die Strategen an der Wall Street haben in den vergangenen zwei Monaten die Kursziele denn auch nicht wesentlich nach unten angepasst. Die Investmentbank Oppenheimer hat per Ende Jahr weiterhin mit 8100 Punkten beim S&P 500 das höchste Kursziel auf dem Zettel, gefolgt von der Deutschen Bank mit 8000 Punkten. 

Die UBS sieht den breiten US-Leitindex zum Jahresende bei 7500 Punkten notieren. Seit Beginn des Konflikts empfiehlt die Schweizer Grossbank Anlegerinnen und Anlegern, sich auf mittelfristige Aktiengewinne zu positionieren.

Die UBS-Strategen sehen weiterhin ein gutes Potenzial für eine Rallye im restlichen Jahr, gestützt durch solides Gewinnwachstum und ein positives makroökonomisches Umfeld. Die Experten gehen jedoch davon aus, dass die Entwicklungen im Nahen Osten und die Energiepreise auch weiterhin massgeblich die kurzfristige Performance des Aktienmarktes beeinflussen werden.

Mark Haefele, Chief Investment Officer bei UBS Global Wealth Management, bevorzugt im aktuellen Umfeld Aktien im Bereich Konsumgüter, Finanzen, Gesundheitswesen, Industrie und Versorger. «Anleger sollten angesichts der unsicheren geopolitischen Lage zudem auf eine breite Portfoliodiversifizierung achten und ausreichend in Qualitätsanleihen, Gold, Rohstoffe und alternative Anlagen wie Hedgefonds investieren.»

Marktteilnehmer falsch positioniert

Neben diesen fundamentalen Gründen gibt es auch strukturelle, markttechnische Gründe. Einerseits waren die US-Fondsmanager Ende März untergewichtet und müssen nun zu höheren Preisen nachkaufen. Das gilt auch für die am meisten geshorteten Aktien, welche ein regelrechtes Kursfeuerwerk hinlegten. So zog etwa die Aktie des Autovermieters Avis innert Monatsfrist um mehr als 500 Prozent an. Entsprechend sind Hedgefonds gezwungen, ihre Wetten auf sinkende Kurse mit Verlust aufzulösen. Diese Nachfrage befeuert die Rallye entsprechend weiter. 

Die von Spotgamma ausgewerteten Optionsdaten erklären einen weiteren Teil der Marktdynamik. Seit Anfang sind die Volatilitätserwartungen eingebrochen. Der Volatilitätsindex (VIX) auf den S&P 500 ist seit dem 31. März um 40 Prozent gefallen, von über 30 auf unter 18 Punkte. Zudem hat sich der Preis für das Rohöl unter 100 US-Dollar stabilisiert, da sich die geopolitischen Spannungen etwas gelegt haben. Eine erneute Eskalation um die Strasse von Hormus bleibt vorerst aus. 

Zudem hatte in den vergangenen zwei Wochen die Optionsaktivität sprunghaft zugenommen, insbesondere der Kauf von Call-Optionen, die weit aus dem Geld liegen. Diese Kaufwelle ist auf eine Mischung aus echtem Optimismus, «Fear of Missing Out» und erzwungenen Absicherungen zurückzuführen.

Da der S&P 500 stark zugunsten von Call-Käufen tendiert, spielt die Dynamik zwischen Händlern und Dealern eine entscheidende Rolle, so Spotgamma weiter. Wenn Händler Call-Optionen kaufen, müssen die Händler, die diese verkaufen, Futures kaufen, um delta-neutral zu bleiben. Steigt der Markt, erhöht sich der Wert dieser Call-Optionen, und die Händler müssen zusätzliche Futures zur Absicherung erwerben. Dadurch entsteht ein sich selbst verstärkender Rückkopplungsmechanismus, der dem Markt kontinuierlich Gebote liefert.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor sind die tieferen Bewertungen bei den Technologieaktien. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis für die zehn kapitalstärksten Titel im S&P 500 hat sich von 38 auf 25 zurückgebildet. Die zehn grösstkapitalisierten Valoren sind Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft, Amazon, Broadcom, Meta, Tesla, Walmart und Berkshire Hathaway.

Die Korrektur der hohen Bewertungen bildet eine deutlich solidere Basis für weitere steigende Kurse, sofern der diskutierte Friedensprozess im Nahen Osten nicht aus dem Ruder läuft. Die tieferen Bewertungen wegen der steigenden Gewinne lassen sich auch am breiten Markt ablesen. Das durchschnittliche KGV des S&P 500 Index hat sich von 24 auf 21 zurückgebildet und liegt nun wieder nahe des fünfjährigen Mittelwerts.

 

Thomas Daniel Marti
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