Elon Musk wollte, dass Teslas elektrische Türgriffe die Zukunft verkörpern – elegant, nahtlos und Sinnbild des coolen Images, das er Elektroautos zuschrieb. Der Plan ging auf: Innerhalb gut eines Jahrzehnts wurden berührungsempfindliche Griffe zu einem Markenzeichen modernen Automobildesigns. Von Detroit bis Shenzhen übernahmen Hersteller den von Tesla geprägten Look. Doch Fahrer und Branchenanalysten warnen inzwischen, dass dieses vielfach kopierte Konzept ein Sicherheitsrisiko birgt. Elektrische Türen können Menschen aus ihren Fahrzeugen aussperren – oder ihnen im Ernstfall den Ausstieg erschweren. Einige Vorfälle endeten tödlich.

Laut der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA stieg die Zahl der Beschwerden über elektrische Türen 2024 markenübergreifend um 65 Prozent. Unter 520 eingegangenen Meldungen der vergangenen zehn Jahre finden sich zahlreiche Berichte über eingeschlossene Kinder und Haustiere nach Stromausfällen. Tesla verzeichnet die meisten Beschwerden und ist nun Gegenstand einer US-Sicherheitsuntersuchung im Zusammenhang mit den Risiken seiner Türen. Die Behörden kündigten die Prüfung im September an, kurz nachdem Bloomberg News über tödliche Vorfälle im Zusammenhang mit Teslas Türen berichtet hatte. Doch Fahrer meldeten ähnliche Probleme auch bei anderen Herstellern.

Personen in Wagen eingeschlossen

In einer Beschwerde behauptete ein Besitzer, die Batterie und Türen eines Fisker Ocean seien auf einem Supermarktparkplatz ausgefallen, sodass der Fahrer, seine ältere Mutter und sein kleiner Sohn zwei Stunden lang im Wagen festsassen. In einem anderen Fall schilderte ein Fahrer mit Mobilitätseinschränkungen aufgrund eines Beinleidens, wie er durch den hinteren Laderaum eines Lexus-SUV von 2024 kriechen musste, nachdem sich die Türen nicht öffnen liessen – der Vorgang verursachte so starke Schmerzen, dass er in der Notaufnahme landete. Der Besitzer eines Ford Mustang Mach-E berichtete, er habe – gemeinsam mit seinem Bruder, seinem Neffen und zwei Hunden – drei Stunden von zu Hause entfernt vor dem geparkten Fahrzeug gestanden, ohne hineingelangen zu können.

Nun erwägen Aufsichtsbehörden in China und Europa neue Vorschriften, um sicherzustellen, dass Fahrer und Passagiere stets eine Ausstiegsmöglichkeit haben. Mehrere Hersteller – darunter Tesla und der Elektroauto-Konkurrent Rivian – überarbeiten die Funktionsweise der Griffe oder ihrer manuellen Notmechanismen. «Wir prüfen fortlaufend, ob es eine bessere Lösung gibt», sagte Tesla-Aufsichtsratschefin Robyn Denholm in einem Interview. Eine Möglichkeit, die erwogen werde: die Schlösser automatisch öffnen zu lassen, wenn die Batteriespannung niedrig ist.

Sicherheitsbefürworter sagen, die US-Regierung müsse ihre Standards aktualisieren, falls die gesamte Branche keine zuverlässigeren Lösungen finde. «Sicherheit muss eingebaut sein», sagte Jake Fisher, Senior Director für Autotests bei Consumer Reports, der elektrische Türen für eine gefährliche, unnötige Innovation hält. «Wenn man etwas verändert, muss es intuitiv sein, um potenziell ein katastrophales Problem zu verhindern.»

In den USA sind 274 Millionen Autos und Lastwagen zugelassen. Laut einer Analyse von Bloomberg und Consumer Reports sind derzeit etwa 70 Modelle mit elektrischen Türen ausgestattet – darunter Elektrofahrzeuge wie Rivians Pick-up-Trucks und Verbrenner wie diverse Range-Rover-SUVs. Häufig liegen die äusseren Türgriffe bündig in der Tür, andere sehen mechanisch aus, funktionieren aber per Fingerdruck. Innen genügen teilweise einfache Druckknöpfe.

Notentriegelungen «ziemlich versteckt»

Für Designer ist der Reiz nicht nur optisch – solche Griffe sind relativ günstig, benötigen wenige bewegliche Teile und können den Luftwiderstand reduzieren. Doch sie können auch ausfallen oder einfach aufhören zu funktionieren, wenn die versorgende Batterie leer ist. Hersteller haben deshalb manuelle Notentriegelungen eingebaut. Diese sind jedoch oft schwer zu finden – versteckt unter Fussmatten oder hinter Paneelen. Bei einem Unfall oder Notfall könnten Fahrer und Passagiere Mühe haben, sie rechtzeitig zu finden. «Sie sind ziemlich versteckt», sagte Janette Fennell, Präsidentin der Nonprofit-Organisation Kids and Car Safety, die sich für Massnahmen einsetzt, um zu verhindern, dass Kinder und Haustiere in Fahrzeugen eingeschlossen werden. «Wir haben Fälle gesehen, in denen Menschen in Panik geraten sind und wirklich nicht wussten, was sie tun sollen. Denken Sie an ein Fahrzeugfeuer. Sie müssen schnell rauskommen können.»

Das Problem begleitet Tesla seit Jahren. Die Familien zweier College-Studenten, die 2024 nach einem Cybertruck-Crash nahe San Francisco starben, verklagten das Unternehmen im Oktober. Sie warfen Tesla «katastrophale Konstruktionsfehler» vor, die ihre Kinder im brennenden Fahrzeug eingeschlossen hätten.

Eine Bloomberg-Recherche zu Tesla befasste sich in diesem Jahr mit mehreren Vorfällen, bei denen Menschen verletzt wurden oder starben, weil Ersthelfer und Umstehende nach schweren Unfällen Schwierigkeiten hatten, die Türen zu öffnen. Die NHTSA gab im September bekannt, dass sie die elektrischen Türen von mehr als 174'000 Tesla-Model-Y-SUVs untersucht. Laut der Bloomberg-Analyse gingen bei den Behörden in den letzten zehn Jahren 210 Beschwerden über Türen von Tesla und 310 Beschwerden über elektrische Türen anderer Autohersteller ein. Viele Fahrer berichteten, sie seien aus ihren Fahrzeugen ausgesperrt oder darin eingeschlossen worden. Weitere 60 Fahrer – darunter Tesla-Besitzer und Eigentümer anderer Marken – reichten Beschwerden ein, die zwar die Sicherheit elektrischer Türkonzepte infrage stellten, aber keinen konkreten Defekt schilderten. Einige kritisierten sogar die US-Regierung dafür, dass solche Autos überhaupt verkauft werden dürfen.

«Das wird definitiv ein wachsendes Kundenthema sein», sagte Frank Hanley, Senior Director Auto Benchmarking bei J.D. Power, der die viel beachtete Initial Quality Study verantwortet. «Wir sehen in unseren Daten Jahr für Jahr, dass Kunden sagen, sie seien schwieriger zu bedienen.»

US-Regulierer haben keine spezifischen Vorschriften für elektrische Türsteuerungen. Doch sie haben bestehende Vorschriften genutzt – die darauf abzielen, einen sicheren Ein- und Ausstieg aus Fahrzeugen zu gewährleisten –, um Untersuchungen einzuleiten und Hersteller zu Rückrufen bestimmter elektrischer Türsysteme zu veranlassen. So veranlassten Fragen der Behörde Ford Motor und Fisker zu Rückrufen ihrer Elektrofahrzeuge, um türbezogene Defekte zu beheben – noch bevor die NHTSA ihre Tesla-Untersuchung eröffnete. Die Behörde lehnte eine Stellungnahme ab.

Tesla will Türgriffe überarbeiten

Als Ausfallsicherung kombinieren die Hersteller ihre Innenhebel oder -knöpfe mit manuellen Notentriegelungen, die die Türen im Notfall öffnen. Fahrer und Passagiere müssen allerdings wissen, wo sich diese befinden. In verschiedenen Tesla-Modellen liegen die manuellen Hintertür-Entriegelungen hinter Lautsprechergittern, in Türtaschen oder unter Teppichen. In Rivians Pick-ups und SUVs der Jahre 2025 und 2026 ist das Kabel für die manuelle Entriegelung auf dem Rücksitz hinter einer Türverkleidung versteckt, die entfernt werden muss.

Die Positionen der Notfallmechanismen sind in der Bedienungsanleitung des Fahrzeugs zu finden. Doch in einem Notfall bleibt keine Zeit, darin zu blättern, warnen Sicherheitsexperten. Zudem haben viele Hersteller gedruckte Handbücher abgeschafft und setzen auf das Bordinfotainmentsystem – das jedoch bei Stromausfall ebenfalls nicht funktioniert.

Daher beginnen einige Autohersteller, sowohl die elektrischen Griffe als auch ihre manuellen Notfallsteuerungen zu überdenken. Bloomberg kontaktierte jede Firma, gegen die eine laufende NHTSA-Beschwerde zu Türen vorlag, und fragte nach geplanten Designänderungen. Einige sagten, sie prüften ständig Verbesserungen, andere nannten konkrete Schritte.

Das Start-up Fisker, gegen dessen Fahrzeuge viele Beschwerden eingegangen waren, meldete im vergangenen Jahr Insolvenz an und stellte den Betrieb ein. Die anderen Unternehmen reagierten unterschiedlich: Hyundai Motor widersprach der Einstufung seiner Türen oder Griffe als elektrisch, da der Verriegelungsmechanismus mechanisch sei. Allerdings fahren die Aussengriffe seiner Elektro-Modelle im Normalbetrieb elektrisch aus und ein – bei leerer Batterie lassen sie sich durch Druck auf ein Griffende und mithilfe eines physischen Schlüssels öffnen. Kia, eine Hyundai-Tochter, bezeichnet seine Türöffnungssysteme ebenfalls als mechanisch, obwohl auch dort einige Griffe elektrisch aus- und einfahren.

Rivian plant laut mit der Sache vertrauten Personen, bei seiner nächsten SUV-Generation eine sichtbarer platzierte manuelle Entriegelung in der Nähe der elektrisch betriebenen Innenhebel der Hintertüren einzubauen. Teslas Chefdesigner erklärte im September, das Unternehmen überarbeite seine Türgriffe, um die manuelle Freigabe intuitiver zu machen. 

Mehrere Unternehmen kombinieren bereits elektrische und manuelle Systeme in einem Griff. Der Mustang Mach-E von Ford, der BMW iX3 sowie einige Cadillac- und Lexus-Modelle verfügen über Innenhebel, die bei leichtem Zug elektronisch und bei stärkerem Ziehen manuell öffnen – bei Lexus erfolgt die manuelle Öffnung durch Ziehen statt Drücken. Ein BMW-Sprecher sagte, das Konzept sei sinnvoll, da Fahrer im Notfall ohnehin stärker ziehen würden.

«Nutzererfahrung entspricht nicht dem Sicherheitsgefühl» 

Auch die Lucid Group nutzt diesen Typ Griff in ihren Luxus-E-Autos. Zeb Coughenour, Senior Manager für Innenraumdesign, sagte, er sei nach dem Fall eines Mannes in Texas überzeugt worden, der zusammen mit seinem Hund laut Polizei an Hitzschlag starb, weil er den manuellen Nothebel in einem Corvette-Modell nicht finden konnte. «Ein Kabel unter dem Kartenfach könnte zwar Kosten sparen», sagte Coughenour. «Aber diese Nutzererfahrung entspricht nicht dem Sicherheitsgefühl – weder für mich noch für einen Nutzer in Panik.» 

General Motors sagte, es habe den Nothebel der Corvette-Türen inzwischen besser sichtbar gemacht. Grafiken am Griff, der sich auf dem Boden neben der Tür befindet, erklären seine Funktion. GM baute ausserdem eine «Bystander Access»-Funktion ein, die E-Türen nach einem Unfall entriegelt, damit Ersthelfer oder Passanten Insassen befreien können.

Stellantis entwickelte ein ähnliches System für Jeep- und Dodge-Modelle mit elektrischen Türen: Bei Airbag-Auslösung entriegeln sich sämtliche Türen automatisch. Stellantis und Ford statten ihre elektrischen Türen zudem mit Superkondensatoren aus, die als Batterie-Backup dienen, um die Verriegelung auch dann mit Strom zu versorgen, wenn die 12-Volt-Batterie versagt. Ford aktualisierte im Zuge eines diesjährigen Rückrufs ausserdem die Software des Mach-E, sodass die Türgriffe noch zwölf Minuten Strom erhalten, nachdem die kleine Batterie, die sie normalerweise versorgt – getrennt vom Hauptakku des Fahrzeugs – ausgefallen ist.

Viele Sicherheitsbefürworter bevorzugen ein Zwei-in-einem-Griffdesign und halten es für die intuitivste Lösung. Sie sagen, die Regierung müsse Standards festlegen, falls das Problem anhält. China bewegt sich bereits in diese Richtung: Dort erwägen Behörden Regeln, die versenkte oder versteckte Griffe verbieten würden, nachdem es zu mehreren tödlichen Unfällen gekommen war. Und im Oktober erklärten europäische Aufsichtsbehörden, sie würden Vorschriften stärken, um sicherzustellen, dass Insassen nach einem Unfall sicher aussteigen können – eine «zentrale Priorität».

«Wenn die Autoindustrie hier nicht reagiert, könnte sie mit deutlich strengeren Vorgaben enden», sagte Fisher von Consumer Reports. Er betont, dass Verbraucher ursprünglich gar nicht nach elektrischen Türgriffen verlangt hätten. Es sei vielmehr eine Innovation, die die Hersteller selbst vorangetrieben hätten – eine, die seiner Ansicht nach Autos nicht besser gemacht habe. Mindestens aber müssten sie sicher sein. «Wie ist das eine Verbesserung?», fragte Fisher. «Mir ist kein Verbraucher bekannt, der es zu schwierig findet, an einem Türgriff zu ziehen.»

(Bloomberg/cash)