Was ist aus dem Biotech-Boom geworden?

Über viele Jahre liess sich mit Biotech-Aktien so gutes Geld verdienen wie in keinem anderen Sektor. Dieses Jahr scheint der Schwung aber weg zu sein. Wie es um die Branche steht.
20.09.2016 14:40
Von Pascal Züger
Ein Mitarbeiter in einem Pharma-Labor.
Ein Mitarbeiter in einem Pharma-Labor.
Bild: Bloomberg

Wer die letzten Jahre an der Börse reich werden wollte, konnte praktisch blind in Biotech-Firmen investieren. Der Nasdaq Biotechnology Index, seines Zeichens wichtigster Branchenindex, hat sich in den letzten 5 Jahren mehr als verdreifacht.

Zwischenzeitlich war es sogar noch mehr: Wie die Grafik unten zeigt, erreichte der Index im Juli 2015 seinen Höhepunkt bei über 4200 Punkten. Seither ging es aber wieder um 27 Prozent abwärts. Allein in diesem Jahr gibt der Index 13,6 Prozent nach.

Entwicklung des Nasdaq-Biotech-Index über die letzten 5 Jahre. Quelle: cash.ch 

Interessant ist, dass ein einzelner Tweet vom 21. September 2015 die Anleger-Stimmung in der Biotech-Branche plötzlich umkippte: 

Die aussichtsreiche amerikanische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton schoss mit diesem Tweet gegen die Preissetzung in der Pharmabranche und machte deutlich, dass sie gegen die angeblichen Wucher-Preise bei Medikamenten vorgehen will - sollte sie zur Präsidentin gewählt werden.

Dies traf zum einen die Kurse der grossen Pharma-Player - innerhalb von gerade mal vier Handelstagen tauchte die Aktie von Novartis damals zwischenzeitlich um knapp 8 Prozent, der Genussschein von Roche gar um 12 Prozent. Auch die ganze Biotechnologiebranche wurde durchgeschüttelt- der Nasdaq Biotech verlor im gleichen Zeitraum beinahe 15 Prozent.

Die Angst vor tieferen Einnahmen

Der abrupte Fall kam nicht von ungefähr: Tiefere Medikamentenpreise würden vor allem Biotech-Firmen treffen. Denn häufig handelt es sich um Unternehmen, die nur ein einziges oder wenige Produkte entwickeln und zur Marktreife bringen wollen. Die Aussicht auf künftige satte Gewinne sorgt üblicherweise für Kursfantasien. Werden diese Firmen nun später einmal nur noch tiefere Preise für ihre Produkte verlangen können, leidet die Attraktivität dieser Aktien enorm.

Fraglich ist, ob Clinton - sollte sie am 8. November zur neuen US-Präsidentin gewählt werden - tatsächlich so rigoros gegen die Pharma-Branche losgehen will, oder ob es sich doch eher um heisse Luft während des Wahlkampfes handelt.

Zumindest die Credit Suisse geht davon aus, dass die Massnahmen in diesem Bereich entweder kaum umgesetzt werden oder nur beschränkte Auswirkungen haben werden, wie einem aktuellen Research-Bericht zu entnehmen ist. Die Aktienkursentwicklung im Biotech-Bereich sei aktuell weniger von Fundamentaldaten als vielmehr durch die Stimmungslage getrieben. Will heissen: Kehrt die Stimmung wieder, ziehen auch die Biotech-Aktien wieder an. Wer diese Ansicht teilt, kann auf den Biotech-Sektor setzen und auf eine baldige Kurserholung hoffen.

Oder steckt hinter der aktuellen Flaute etwa doch mehr als die Aussage Clintons? Erinnerungen an den letzten Boom werden wach: Schweizer Biotechunternehmen erlebten bis 2007 eine mehrjährige Rallye, die mit dem Ausbruch der Finanzkrise ein jähes Ende fand - und manchem Anleger hohe Verluste bescherte.

Reifeprozess im Biotech-Sektor

Gewisse Skepsis macht sich zumindest bei einigen Marktteilnehmern breit: Nachdem die Biotech-Branche 2015 erneut mit Rekordwerten abgeschlossen hat, zeichne sich in diesem Jahr ein gewisser Reifungsprozess ab, erklärte Jürg Zürcher, Biotech-Experte bei der Beratungsgesellschaft EY, an einer Medienkonferenz im Juni.

Dass sich die Entwicklung im laufenden Jahr deutlich abkühlt, soll massgeblich an den zahlreichen Herausforderungen liegen, mit denen die Unternehmen konfrontiert sind: "Insbesondere der zunehmende Preisdruck wegen immer aggressiverer Massnahmen der Krankenkassen und weiterer Kostenträger bereitet Sorgen", betonte Zürcher. 

In Zukunft werde es für Biotech-Unternehmen immer wichtiger, den Wert ihrer Produkte besser zu demonstrieren und sich auf ihre Geschäftsmodelle zu fokussieren. Es sei erfolgsversprechend, nur noch in wenigen ausgewählten therapeutischen Bereichen eine Vormachtstellung zu erringen, um kommerziell wettbewerbsfähig zu sein und das Wachstum anzutreiben, heisst es in einem Bericht von EY.

Kursfeuerwerke weiterhin möglich

Was sollen die Anleger nun tun? Auf einzelne Aktien im Sektor zu setzen war schon immer sehr spekulativ und wird dies auch weiter bleiben. Vor allem bei Firmen, bei welchen der Erfolg von der Einführung eines einzigen Medikaments abhängt. Das Risiko eines hohen Verlusts ist enorm hoch. So büsste etwa die Santhera-Aktie am 14. Juli 2016 ganze 37 Prozent ein, als bekannt wurde, dass sich die Zulassungspläne für das Vorzeige-Medikament Raxone in den USA um einige Jahre hinauszögern.

Ein spannender Biotech-Titel könnte Actelion sein, welcher mit einem Börsenwert von über 17 Milliarden Franken als grösster europäischer Player gilt und auch bereits Gewinne erzielt - als eine der wenigen Schweizer Biotech-Firmen. In diesem Jahr ging es mit dem Titel - entgegen dem negativen Branchentrend - um ganze 20 Prozent aufwärts. Aus den USA bieten sich allenfalls die grösseren Amgen und Biogen als Einzelinvestitionen an.

Für interessierte Privatanleger sind aber Anlagen in breiter abgestützte Produkte ratsamer. Etwa ein ETF auf den Nasdaq Biotech oder eine Investition in eine Beteiligungsgesellschaft wie zum Beispiel BB Biotech. Wobei auch hier Kurstaucher verkraftet werden müssen: Der ETF wie auch die BB-Biotech-Aktie haben in diesem Jahr rund 15 Prozent verloren.

(Mit Material von AWP)