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Auch bei uns am Schweizer Aktienmarkt steht das Geschehen in diesen Tagen ganz im Zeichen der Quartalsberichterstattung. Wenn sich bei den hiesigen Unternehmen etwas wie ein roter Faden durch die Zahlenkränze zieht, dann dass die Auftragsbücher – mit einigen wenigen Ausnahmen - randvoll sind.
Da überrascht es mich nicht, wenn die Börse wie etwa beim Rüstungszulieferer Cicor Technologies oder bei den Halbleiterausrüstern VAT Group und Comet mit Blick auf die Auftragsbücher grosszügig über die schleppende Umsatzentwicklung während den ersten drei Monaten hinwegschaut.
Die Aktien von Cicor gingen am Tag der Zahlenveröffentlichung sogar um mehr als elf Prozent höher aus dem Handel, obschon der Quartalsumsatz mit knapp 161 Millionen Franken weit hinter den durchschnittlich von Analysten erwarteten 172 Millionen Franken zurückblieb. Dieser Kurssprung dürfte vor allem dem erfreulich starken Auftragseingang geschuldet gewesen sein. Mit 196,4 Millionen Franken an neuen Aufträgen übertraf der Rüstungszulieferer selbst die kühnsten Erwartungen deutlich. Zudem hielt er an der bisherigen Zielbandbreite für den operativen Jahresgewinn (EBITDA) von 70 bis 80 Millionen Franken bei einem Jahresumsatz zwischen 700 und 750 Millionen Franken fest. Das Unternehmen selbst macht die Erreichbarkeit seiner diesjährigen Ziele allerdings davon abhängig, dass die momentane geopolitische Situation keine wesentlichen negativen Auswirkungen auf die Absatzmärkte oder auf die Fähigkeit zur Abarbeitung des Auftragsbestandes hat.
Die Aktien von Cicor Technologies verspüren seit wenigen Tagen wieder Auftrieb (Quelle: www.cash.ch)
Nicht nur bei Cicor – auch bei vielen anderen Unternehmen dürfte die Geschäftsentwicklung des zweiten Quartals ein wichtiger Gradmesser für das Geschäftsjahr 2026 werden. Denn vermutlich lassen sich die unheilvollen Folgen der Eskalation im Nahen Osten erst in den kommenden Wochen langsam abschätzen. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Stunde der Wahrheit schlägt für die Aktienanleger wohl erst, wenn ab Mitte Juli die Berichterstattung fürs zweite Quartal anläuft.
Warnende Worte treffen aus London ein – und zwar von den dortigen Aktienstrategen der UBS um ihren Chefdenker Gerry Fowler. Eigentlich sind Fowler und seine Abteilungskollegen eher bekannt, dass sie nur so vor Zuversicht strotzen. Noch vor wenigen Monaten veranschlagten sie für den Stoxx Europe 600 Index – dieser umfasst die Aktien der 600 grössten europäischen Unternehmen – ein Jahresendziel von 650 Punkten. Das wiederum entsprach zu diesem Zeitpunkt einem rechnerischen Aufwärtspotenzial von satten 15 Prozent.
Mittlerweile liegt das Jahresendziel noch bei 630 Punkten, wobei das viel beachtete Börsenbarometer keine zwei Prozent mehr davon trennen. In einem mir zugespielten Strategiepapier wollen Fowler und seine Mitautoren denn auch verstanden wissen, dass die Aktienkurse zuletzt etwas übers Ziel hinausgeschossen sind. Gleichzeitig warnen sie vor zu hohen Erwartungen an die Unternehmensgewinne. Diese sehen die Strategen der UBS in London im laufenden Jahr um knapp sieben Prozent steigen. Das wiederum liegt klar unter dem Durchschnitt ihrer Berufskollegen bei anderen Banken von mehr als zehn Prozent.
Ihres Erachtens kündigen erste Vorlaufindikatoren stark steigende Herstellkosten an. Folglich rollt eine Welle an Gewinnschätzungsreduktionen auf die europäischen Unternehmen zu – mit Raum für mögliche Enttäuschungen.
Es ist schon ungewöhnlich, die ansonsten nur so vor Zuversicht strotzenden UBS-Strategen gar desillusioniert zu erleben. Als dieselben Experten letztmals davor warnten, dass die Aktienkurse in Europa zu schnell und zu stark gestiegen seien, büsste der Stoxx Europe 600 Index Index in den darauffolgenden vier Wochen knapp fünf Prozent ein. Ich werde die Unternehmensgewinnentwicklung meinerseits jedenfalls genauestens im Auge behalten...
Kommen wir nun aber wieder auf das hiesige Börsengeschehen zu sprechen. Weit oben auf der Liste der Wochengewinner ist PolyPeptide zu finden. Dank der Nachrichtenagentur Bloomberg wissen wir denn auch, dass der Pharmazulieferer angeblich das Interesse von Finanzinvestoren auf sich zieht – wobei solch illustre Adressen wie die schwedische EQT, die amerikanische Kohlberg Kravis Roberts oder auch Advent International als potenzielle Käufer herhalten müssen.
Seitens von PolyPeptide hiess es erst «kein Kommentar». Dann aber räumte das Unternehmen ein, dass man gemeinsam mit dem Mehrheitsaktionär Draupnir eine Überprüfung strategischer Möglichkeiten eingeleitet habe. Hinter Draupnir verbirgt sich der schwedische Industrielle Frederik Paulsen. Über sein Investment-Vehikel hält Paulsen etwas mehr als 56 Prozent der Stimmen.
Anders als die vielen Trittbrettfahrer, welche in den letzten Tagen in der Hoffnung auf das schnelle Geld aufgesprungen sind, dürfte sich der Jubel über den Bloomberg-Artikel bei den langjährigen Aktionärinnen und Aktionären in Grenzen halten. Zur Erinnerung: Der Pharmazulieferer kam Ende April 2021 zu 64 Franken an die Börse. Paulsen trennte sich damals über seine Draupnir von etwas mehr als 10 Millionen Aktien. Ein nettes Sümmchen...
Die langjährige Kursbilanz bei PolyPeptide bleibt trotz dem jüngsten Aufbäumen enttäuschend (Quelle: www.cash.ch)
Sollte er das Unternehmen nun gemeinsam mit einem oder mehreren Finanzinvestoren zu Kursen deutlich darunter wieder von der Börse nehmen, wäre das schon beinahe ein bisschen frech. Das Nachsehen hätten dann insbesondere diejenigen Anlegerinnen und Anleger, welche sich in den Monaten nach dem Börsengang zu Kursen von 140 Franken und mehr zu einem Einstieg verleiten liessen.
Sofern ich mich richtig erinnern kann, sprachen mit der Credit Suisse, Morgan Stanley und der Bank of America wenige Wochen nach dem Börsendebüt sämtliche der drei hauptverantwortlichen Banken Kaufempfehlungen für die Valoren des Pharmazulieferers aus. Die Credit Suisse nahm die Erstabdeckung mit «Outperform» und einem Kursziel von 88 Franken, die Bank of America mit «Buy» und einem Kursziel von 87 Franken und Morgan Stanley sogar mit «Overweight» und einem Kursziel von 90 Franken auf. Die ebenfalls involvierte Berenberg Bank sprach ihrerseits eine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 88 Franken aus, nur um letzteres kurz danach auf 150 Franken anzuheben. Der für Morgan Stanley tätige Pharmaanalyst verlieh seinem «Overweight» lautenden Anlageurteil zeitnah sogar mit einer Kurszielerhöhung auf 155 (zuvor 90) Franken Nachdruck.
Selbst vor dem Hintergrund der jüngsten Übernahmespekulationen erscheinen diese Kursprognosen aus besseren Tagen unerreichbar...
...interessant ist übrigens, dass das UBS Fund Management einer Offenlegungsmeldung zufolge erstmals seit Mitte März wieder weniger als drei Prozent an PolyPeptide hält. Die Meldepflicht erwuchs am vergangenen Dienstag und fällt damit in die Zeit nach der Veröffentlichung des Bloomberg-Artikels. Selbst im Wissen, dass das UBS Fund Management auch die Titelbestände von Drittanbietern meldet, lässt sich immerhin sagen, dass die Skepsis in den Reihen der eigenen Kundschaft gross sein muss.
Vielleicht lichtet sich der Nebel beim Thema PolyPeptide mit Blick auf kommende Woche ja. Mehr dazu am nächsten Freitag, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.
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