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Der Schweizer Aktienmarkt steuert auf eine leicht negative Wochenbilanz zu. Am breit gefassten Swiss Performance Index (SPI) gemessen, errechnet sich – Stand Freitagmittag – ein Minus von 1,6 Prozent. Dieses darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Anlegerinnen und Anlegern auch weiterhin ein starkes Nervenkostüm abverlangt wird.
Hohe einstellige, wenn nicht gar zweistellige Kursausschläge sind nämlich an der Tagesordnung. So auch gestern Donnerstag wieder – etwa bei den Aktien von Accelleron, PolyPeptide und Bachem. Denn die Jahresberichterstattung ist gespickt mit Überraschungen – egal ob in Bezug auf das letztjährige Ergebnis, die Dividendenpolitik oder den Ausblick der rapportierenden Unternehmen. Was man sonst eigentlich nur vom Börsengeschehen in New York her kennt, greift langsam aber sicher über den «grossen Teich» zu uns über. Man kann schon fast von amerikanischen Verhältnissen sprechen.
Doch auch die UBS trägt das ihre dazu bei und lässt mit Aktienumstufungen oder Kurszielveränderungen «die Kurse tanzen», wie in hiesigen Börsenkreisen fast schon poetisch auf die geballte Marktmacht der Grossbank angespielt wird. Seit sie sich im Zuge der Rettung die Credit Suisse einverleibt hat, drückt die grösste Schweizer Bank hierzulande an gewissen Tagen selbst übermächtige Gegenspieler wie J.P. Morgan oder Goldman Sachs gegen die Wand.
So zu sehen etwa am Mittwoch, als ihr Londoner Analyst Christopher Tong die Aktien des IT-Dienstleisters Also von «Buy» auf «Neutral» zurückstufte und damit eine kleinere Kurslawine lostrat. Im frühen Handel kosteten die Papiere zeitweise fast neun Prozent weniger als am Vorabend.
Der UBS-Analyst senkt seine Gewinnschätzungen zwar «bloss» um bis zu 13 Prozent, streicht sein Zwölf-Monats-Kursziel gleichzeitig jedoch auf 170 (zuvor 310) Franken zusammen. Er warnt einerseits vor einem Vorstoss amerikanischer Anbieter auf den europäischen Markt und andererseits vor indirekten Folgen der stark gestiegenen Preise für Speicherchips fürs Unternehmen.
Dass die Anpassungen bei den Gewinnschätzungen in keinem Verhältnis zur Kurszielreduktion stehen und die überarbeiteten Annahmen noch immer über den durchschnittlichen Markterwartungen liegen, lässt erahnen, dass der Londoner Analyst womöglich viel Luft aus seinem Bewertungsmodell abgelassen haben muss.
Zwei Tage zuvor sorgte sein Arbeitskollege Joern Iffert bei den Gurit-Aktien für einen satten Tagesgewinn. Eine Erhöhung des Zwölf-Monats-Kursziels auf 25 (zuvor 19) Franken bei einem «Neutral» lautenden Anlageurteil reichte aus, um die Notierungen bis Börsenschluss um fast neun Prozent steigen zu lassen.
Iffert lobt die Fortschritte bei der Neuausrichtung des Windgeschäfts sowie mit der steigenden Bedeutung der Margenentwicklung in diesem Geschäftszweig. Längerfristig geht er beim Hersteller von Verbundwerkstoffen daher von höheren Gewinnmargen aus. Allerdings liegen der Kurszielerhöhung um bis zu zwei Prozent tiefere Gewinnschätzungen zugrunde.
Als er diese Zeilen schrieb, dürfte ihm noch nicht bewusst gewesen sein, dass er seiner Berufskollegin Laura Bucher bei Octavian damit eine Steilvorlage liefern würde. Bucher nahm diese dankend an und stufte die Valoren von «Hold» auf «Buy» herauf. Um den operativen Fortschritten, den freundlicheren Absatzmärkten und der noch immer nicht sehr hohen Bewertung Rechnung zu tragen, veranschlagt sie ein Kursziel von 52 (zuvor 13,50) Franken.
Seit Januar zeigt die Aktienkursentwicklung bei Gurit steil nach oben (Quelle: www.cash.ch)
Mit ihrer Kaufempfehlung stiess die Octavian-Analystin am Dienstag bei den hiesigen Marktakteuren auf offene Ohren und bescherte den Aktien von Gurit eine Tagesavance von mehr als 25 Prozent. Letzteres mag übrigens auch dem ansonsten eher engen Markt in diesen Titeln geschuldet gewesen sein. An dieser Stelle sei noch kurz erwähnt, dass der Börsenwert des Herstellers von Verbundwerkstoffen mittlerweile fast dreimal so hoch ist wie noch zu Jahresbeginn. Damit führen diese Aktien die diesjährige Gewinnerliste mit komfortablem Abstand an.
Auch die Herunterstufung der UBS für die Aktien von Also erweist sich als inspirierend, kassiert nun selbst die für die Berenberg Bank tätige Analystin Chiara Di Giammaria ihre Kaufempfehlung für die Valoren und geht mit einem Kursziel von 165 (zuvor 320) Franken von «Buy» auf «Hold». Sie hegt zusehends Zweifel daran, dass der IT-Dienstleister seine Mittelfristziele angesichts des schwierigen Umfelds erreichen kann.
Neugierig wie ich bin, habe ich kurz in meinen Unterlagen nachgeschaut: Ursprünglich geht die Kaufempfehlung auf Anfang August 2025 zurück, als Kurse von etwas mehr als 240 Franken bezahlt wurden. Ausserdem stammt sie aus der Feder von Vorgängerin Nicole Winkler. Damals war noch davon die Rede, dass das Unternehmen in strukturell wachsenden Märkten tätig ist und von Trends wie der künstlichen Intelligenz, Cloud-Diensten oder Cybersicherheit profitieren werde. Ausserdem wurde die geringe Kapitalbindung des Geschäftsmodells gelobt.
Gut sechs Monate später und 90 Kursfranken tiefer, scheint man bei der Berenberg Bank wieder auf dem harten Boden der Realität angekommen zu sein – wobei die Analystin nun für ihre Vorgängerin geradestehen muss. Unter anderem streicht sie die bankeigenen Gewinnerwartungen um bis zu 29 Prozent zusammen.
Um noch einmal auf die UBS zurückzukommen: Mit einem Minus von gut 20 Prozent seit Januar wird der Grossbank die undankbare Rolle des diesjährigen SMI-Schlusslichts zu teil. Mitunter ein Grund ist die wiedererwachte Eigenmitteldiskussion, losgetreten durch Aussagen des Unternehmens selbst im Geschäftsbericht für 2025. Im Bericht beziffern die Autoren den zusätzlichen Eigenkapitalbedarf auf 22 Milliarden Dollar, würde der im Raum stehende Vorschlag des Eidgenössischen Finanzdepartements vollumfänglich umgesetzt. Das sind übrigens 2 Milliarden Dollar weniger als noch im Juni vergangenen Jahres.
Wie der für Kepler Cheuvreux tätige Analyst Nicolas Payen schreibt, dürfte sich der regulatorische Nebel rund um das strengere Eigenmittel-Regime vermutlich in den nächsten ein bis zwei Monaten lichten und einen klareren Blick auf die Dinge zulassen. Er selber glaubt, dass die Folgen für die UBS nicht ohne wären, sollte der Gesetzgeber am bisherigen Vorschlag festhalten. An der Kaufempfehlung sowie am Kursziel von 40 Franken hält der Analyst dennoch fest.
Seit Wochen bekunden die UBS-Aktien ziemlich Mühe (Quelle: www.cash.ch)
Dass sich die UBS-Aktien am Ende der diesjährigen SMI-Tabelle wiederfinden, dürfte auch den Hiobsbotschaften für die Finanzindustrie aus Übersee geschuldet sein. Ich denke da etwa an die Meldung, wonach beim 33 Milliarden Dollar schweren Private-Credit-Vehikel des amerikanischen Branchennachbarn Cliffwater erstmals Rücknahmen von mehr als sieben Prozent des Anlagevolumens eingegangen seien. Zuvor waren mit Blue Owl schon einem anderen ähnlich gelagerten Anbieter grössere Rücknahmen nachgesagt worden. Mit Morgan Stanley und J.P. Morgan scheinen gleich zwei Wall-Street-Schwergewichte die Rücknahmebedingungen für eigene Investment-Vehikel auf diesem Gebiet verschärft zu haben.
Mir kommt es so vor, als ob man in Zeitlupe zuschauen kann, wie ein Dominostein nach dem anderen fällt. Ich begegnete dieser Abfolge von Ereignissen schon vor gut drei Wochen mit folgenden Worten:
Seither ist die Nervosität nicht eben kleiner geworden. Das bekommen selbst unsere Nachbarn in Deutschland zu spüren. Am Mittwoch wurden neue zehnjährige Staatsanleihen im Umfang von 5 Milliarden Euro zur Zeichnung aufgelegt. Wie mir berichtet wird, gingen an diesem Tag allerdings bloss für 4,5 Milliarden Euro Zeichnungen ein. Letztendlich wurden sogar nur Anleihen im Umfang von 3,8 Milliarden Euro bei Investoren platziert – und das erst noch mit einer Rendite von 2,89 Prozent auf Verfall. Bei der vorangegangenen Platzierung im Februar betrug die Rendite auf Verfall noch 2,73 Prozent.
Es macht ganz den Anschein, als ob die Investorengemeinde die Schuldenpläne der Regierung in Berlin nicht länger mittragen will. Werden neuerdings selbst deutsche Staatsanleihen zum Ladenhüter? Was wäre das für eine Schmach.
Vielleicht wissen wir ja schon nächsten Freitag genaueres, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.
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