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Die Bühne gehörte in den letzten Tagen ganz den hiesigen Schwergewichten Roche und Novartis. Beide Vorzeigeunternehmen aus Basel schrammten im Schlussquartal an den Analystenschätzungen vorbei – was zu Kursverwerfungen führte und den Swiss Market Index (SMI) wertvolle Punkte kostete.

Nicht zuletzt auch weil diese beiden Zahlenkränze medial ausgeschlachtet wurden, verkamen die übrigen Unternehmen mit ihren Jahresabschlüssen schon beinahe zu Statisten. Eine der wenigen Ausnahmen war Julius Bär. Die Zürcher Bank kehrt die Scherben aus dem Signa-Debakel mit dem grossen Besen zusammen. Das besagte Kreditengagement wird auf Null abgeschrieben. Firmenchef Philipp Rickenbacher räumt per sofort seinen Chefsessel. Die Suche nach einem Nachfolger von ausserhalb des Unternehmens hat begonnen.

Und als ob uns Wirtschaftsjournalisten und Börsenkolumnisten die Unternehmensberichterstattung und der Zinsentscheid der amerikanischen Notenbank vom Mittwochabend unserer Zeit nicht schon genug auf Trab halten würde, drehte das Umstufungs-Karussell auch diese Woche munter weiter.

Ich zähle nicht weniger als 16 Umstufungen oder Erstabdeckungen. So stufte etwa der US-Broker Stifel die Aktien von Avolta mit einem Kursziel von 45 Franken von "Hold" auf "Buy" herauf. Bei jenen des Genfer Warenprüfkonzerns SGS ging er bei einem Kursziel von 83 (zuvor 66) Franken von "Sell" auf "Hold" und kehrte damit von seiner Verkaufsempfehlung ab. Vorschusslorbeeren gab es für die künftige Firmenchefin Géraldine Picaud auch seitens von Julius Bär. Die Zürcher Bank stufte die Valoren sogar von "Hold" auf "Buy" herauf und traut ihnen Kurse von bis zu 95 (zuvor 90) Franken zu. Die UBS stufte ihrerseits die Aktien von DKSH von "Neutral" auf "Buy" herauf und veranschlagte ein 12-Monats-Kursziel von 70 (zuvor 73) Franken. Ausserdem nahm sie die Erstabdeckung jener von Sensirion mit "Sell" und einem 12-Monats-Kursziel von gerade einmal 62 Franken auf. Die Liste liesse sich beliebig weiterführen.

Zu grösseren Kursverwerfungen kam es einmal mehr beim Sorgenkind Meyer Burger. Als die Zürcher Kantonalbank die Wiederabdeckung des Solarunternehmens am Mittwoch mit "Untergewichten" und einem Kursziel von 10 Rappen aufnahm, hatten die Aktien zeitweise Kursverluste von mehr als 20 Prozent zu beklagen.

Der zuständige Analyst Bernd Laux findet denn auch unmissverständliche Worte. Seines Erachtens hängt das Überleben von Meyer Burger an einem seidenen Faden, könnte dem Unternehmen ohne eine umfangreiche Rekapitalisierung doch schon in diesem Frühjahr das Geld ausgehen. Und egal wie eine solche Rekapitalisierung aussieht: Die jetzigen Aktionärinnen und Aktionäre dürften alles – oder zumindest fast alles – verlieren.

Die ZKB versetzte den Aktien von Meyer Burger diese Woche einen Dämpfer (Quelle: www.cash.ch)

Beiläufig sei erwähnt, dass die Zürcher Kantonalbank die Aktien bis vor gut zwei Wochen noch mit "Übergewichten" und Kurszielen von 66 Rappen und mehr zum Kauf anpreiste. Nach enttäuschenden Vorabinformationen zum vergangenen Jahr hiess es dann, man wolle dieses Anlageurteil überdenken. Wie ich letzten Freitag berichtete, ist einigen bedeutenden Aktionären die Situation bei Meyer Burger zu brenzlig geworden. Erst reduzierte die britische Vermögensverwaltungstochter von BNP Paribas ihr Aktienpaket auf unter 3 Prozent. Dann vollzog zeitnah auch die Fondstochter der UBS diesen Schritt. Es ist nicht auszuschliessen, dass beide Grossaktionäre gleich ganz ausgestiegen sind.

So leid es mir für den engagierten Firmenchef Gunter Erfurt und seine Belegschaft auch tut, verkommen die Aktien des Solarunternehmens jetzt vermutlich erst recht zum Spielball der Spekulanten. Einzig die Politik könnte hier noch Abhilfe schaffen.

Eine weitere Kaufempfehlung geht für den diesjährigen SMI-Überflieger Lonza ein. Der für die Deutsche Bank tätige Analyst Falko Friedrichs stuft die Aktien des Pharmazulieferers von "Hold" auf "Buy" herauf und veranschlagt neuerdings ein Kursziel von 516 (zuvor 366) Franken.

Friedrichs zeigt sich erfreut darüber, dass die diesjährigen Finanzziele bestätigt werden konnten. Er geht davon aus, dass Lonza künftig wieder zuverlässiger kommunizieren wird und traut dem Basler Unternehmen auf Jahre hinaus zweistellige Wachstumsraten zu.

Nachdem der Pharmazulieferer als SMI-Schlusslicht aus dem Börsenjahr 2023 hervorging, ist es ihm gelungen, vom Prügelknaben zum Wunderkind aufzusteigen – und das in gerade mal fünf Wochen. Chapeau!

Einer der Prügelknaben an der Börse bleibt die Swatch Group. Die Bank of America stuft die Inhaberaktien des Bieler Uhrenherstellers von "Neutral" auf "Underperform" herunter – und das in unmittelbarer Nähe zu den Mehrjahrestiefstkursen.

Wie einem mir zugespielten Kommentar aus der Feder von Analystin Ashley Wallace entnommen werden kann, setzt sie bei ihren diesjährigen Gewinnschätzungen den dicken Korrekturstift an und streicht diese um nicht weniger als 17 Prozent zusammen. Mit ihren neuen Annahmen liegt sie um 3 Prozent unter den durchschnittlichen Markterwartungen. Beides spiegelt sich auch im 200 (zuvor 250) Franken lautenden Kursziel für die Valoren wider.

Vergangenen Freitag berichtete ich davon, dass die Nettoliquidität bei der Swatch Group bis Ende Dezember auf rund 2 Milliarden Franken zusammengeschmolzen sei. Diese Entwicklung ist einerseits erheblichen Investitionen, andererseits aber auch höheren Lagerbeständen geschuldet. Branchenkenner sehen darin eine gewagte Wette des Unternehmens auf einen möglichen Aufschwung.

Doch selbst was eine mögliche Belebung des Tagesgeschäfts anbetrifft, gibt man sich bei der Bank of America ziemlich desillusioniert. Angesichts der hohen in Franken anfallenden Kosten, der hohen Abhängigkeit vom Grosshandel und von geringmargigen Produktkategorien sieht die zuständige Analystin das Unternehmen weniger stark als andere Luxusgüterhersteller von einem möglichen Aufschwung profitieren.

Kommen wir an dieser Stelle noch auf Roche zu sprechen. Seit dem gestrigen Donnerstag wissen wir, dass die Pharma- und Diagnostikgruppe auf ein ziemlich enttäuschendes Schlussquartal zurückblickt. Zum einen hinterliess der starke Franken tiefe Spuren in der Geschäftsentwicklung und zum anderen verkauften sich einige wichtige Medikamente wie Tecentriq, Perjeta oder Polivy nicht im erhofften Umfang. Einzig das Augenmittel Vabysmo wusste zu überzeugen.

Folglich blieb der letztjährige Gruppenumsatz mit 58,7 Milliarden Franken hinter den von Analysten durchschnittlich erwarteten 59,2 Milliarden Franken zurück. Mit einem operativen Kerngewinn in Höhe von 19,24 Milliarden Franken schrammten die Basler selbst an den pessimistischsten Schätzungen vorbei.

Die Börse reagierte mit Enttäuschung auf die Zahlen von Roche (Quelle: www.cash.ch)

Auch die diesjährigen Finanzziele gaben zu reden. Den Aktionärinnen und Aktionären wird ein Umsatzwachstum in Lokalwährungen im mittleren einstelligen Prozentbereich sowie ein Kerngewinnwachstum in einem sehr ähnlichen Umfang in Aussicht gestellt. Einige Analysten – darunter etwa Stefan Schneider von der Bank Vontobel – waren für das laufende Jahr von einem Umsatzwachstum im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich und sogar von einem Kerngewinnwachstum im hohen einstelligen bis tiefen zweistelligen Bereich ausgegangen.

Gerade im Wissen, dass das letztjährige Ergebnis ja um einiges tiefer als erwartet ausgefallen ist, sind diese Finanzziele noch viel enttäuschender. Da die Valoren von Roche gestern Donnerstag zu den hiesigen Börsenverlierern zählten, vermute ich, dass ich mit dieser Einschätzung nicht alleine bin.

Ich bin neugierig, wie Roche-Chef Thomas Schinecker und sein Präsident und Vorgänger Severin Schwan das Unternehmen wieder auf Kurs bringen wollen. Mit dem Wiedereinstieg ins Geschäft mit Diabetesmedikamenten für zig Milliarden alleine ist es jedenfalls nicht getan...

Kommende Woche wird mit der UBS ein weiteres Schwergewicht aus dem SMI den Zahlenkranz vorlegen. Vermutlich steckt der Teufel einmal mehr im Detail. Mehr dazu nächsten Freitag, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.

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