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Die letzten Tage hatten es am Schweizer Aktienmarkt mal wieder faustdick hinter den Ohren. Nicht weniger als 39 Unternehmensabschlüsse sorgten dafür, dass es uns Wirtschaftsjournalisten und Börsenkolumnisten nicht langweilig werden sollte. Eigentlich waren es sogar deren 40 Abschlüsse – wartete am frühen Dienstagmorgen doch auch gleich noch die Swatch Group mit ihrem Zahlenkranz für die erste Jahreshälfte auf. Kommt es nur mir so vor, oder wollte der Uhrenhersteller aus Biel uns Journalisten das Leben noch ein bisschen schwerer machen...?
Werfen wir bei dieser Gelegenheit doch gleich mal einen Blick auf den Zahlenkranz. Mit 3,12 Milliarden Franken setzte die Swatch Group in der ersten Jahreshälfte zwar etwas mehr als vor einem Jahr um und übertraf damit die durchschnittlichen Analystenschätzungen mit einer länger nicht mehr gesehenen Leichtigkeit. Dennoch brach der operative Gewinn (EBIT) um knapp 24 Prozent ein und verfehlte mit 52 Millionen Franken selbst die pessimistischsten Erwartungen.
Einmal mehr strotzte die Medienmitteilung nur so vor Superlativen («starke Beschleunigung der weltweiten Verkäufe im Mai und Juni», «deutliche Profitabilitätssteigerung im zweiten Halbjahr») und der üblichen Selbstbeweihräucherung («sehr deutliche Marktanteilsgewinne»).
Man hätte bei dieser Gelegenheit durchaus auch einräumen können, dass aus der anlässlich der Jahresergebnisveröffentlichung von Mitte Februar in Aussicht gestellten Gewinnbelebung in der ersten Jahreshälfte nichts wurde. Stattdessen schmolz der Halbjahresgewinn um weitere sechs Prozent auf gerade einmal 16 Millionen Franken. Zum Vergleich: Analysten waren durchschnittlich von 95 Millionen Franken ausgegangen, wobei die Schätzungen zwischen 38 und 212 Millionen Franken lagen.
Aufstieg und Fall der Swatch-Inhaberaktien in den letzten Wochen (Quelle: www.cash.ch)
Ich bleibe deshalb bei meiner früheren Aussage, wonach der Aktienkurs bei der Swatch Group bis vor einigen Tagen weit übers Ziel hinausgeschossen war – wobei ich nicht mehr ganz so weit gehen würde wie die für die UBS tätige Luxusgüteranalystin Zuzanna Pusz. Sie streicht ihre diesjährigen Gewinnschätzungen um knapp 60 Prozent zusammen und beisst sich mit einem überarbeiteten Zwölf-Monats-Kursziel von 90 (zuvor 92) Franken für die Inhaberaktien an ihrer Verkaufsempfehlung fest. Es ist das mit Abstand tiefste mir bekannte Kursziel überhaupt.
Wie auch immer man am Hauptsitz in Biel dieser Verkaufsempfehlung gegenüberstehen mag - die UBS-Analystin und Firmenchef Nick Hayek werden in diesem Leben vermutlich keine Freunde mehr...
Während die Swatch Group diese Woche nicht ohne Grund die Schlusslaterne trägt, zeigt sich die Börse bei anderen Unternehmen schon beinahe kleinlich. Es ist, als würde man verzweifelt nach Haaren in der (Zahlen-)Suppe suchen. Ich denke da etwa an Lonza, Julius Bär, Givaudan oder auch Nestlé.
Dem Kursfiasko bei Lonza begegnete ich am Mittwoch mit folgenden Worten:
...und weiter...
Für die Aktien von Nestlé ging es gestern Donnerstag zeitweise sogar um mehr als sieben Prozent nach unten. Dass der Nahrungsmittelmulti aus Vevey im zweiten Quartal mit einem Volumenwachstum von 1,8 Prozent an den von Analysten durchschnittlich erwarteten 1,9 Prozent vorbeistrammte, reichte schon aus, um eine Kurslawine loszutreten.
Einen Punkt hat auch der für die UBS tätige Analyst Guillaume Delmas, wenn er schreibt, dass die operative Gewinnmarge (EBIT) nach Ausklammerung der Folgen einer Umstellung bei der Verbuchung von Pensionsverpflichtungen eigentlich bei 16,1 Prozent und nicht bei den ausgewiesenen 16,4 Prozent gelegen hätte. In Analystenkreisen war man von einer operativen Gewinnmarge in Höhe von 16,3 Prozent ausgegangen.
Und dann wäre da noch der Verkauf der Hälfte des Wasser-Geschäfts für umgerechnet 2,8 Milliarden Franken an den Finanzinvestor Platinum Equity. Im Zuge dessen fallen ausserordentliche Wertberichtigungen in Höhe von 1,3 Milliarden Franken an.
Das dürfte sich Jefferies-Analyst David Hayes wohl anders vorgestellt haben, als er die Nestlé-Aktien keine 24 Stunden vor der Ergebnisveröffentlichung von «Hold» auf «Buy» heraufstufte und seiner neu gewonnenen Zuversicht mit einem überarbeiteten Kursziel von 99 (zuvor 84) Franken den nötigen Nachdruck verlieh.
In der mir zugespielten Unternehmensstudie hält Hayes unter gewissen Vorbehalten sogar Aktienkurse von bis zu 111 Franken für möglich. Er traut dem Nahrungsmittelmulti unter Firmenchef Philipp Navratil einen raschen und erfolgreichen Turnaround zu.
Die Kaufempfehlung des Jefferies-Analysten ist mitunter der Grund, weshalb die Valoren in den Tagen vor der Ergebnisveröffentlichung einen guten Lauf hatten. Auch Aussagen des UBS-Analysten, wonach sich das Volumenwachstum im zweiten Quartal stärker als erwartet belebt haben könnte, dürften beigetragen haben – was auch die stark unterkühlte Börsenreaktion erklären würde.
Doch nicht nur die vielen Quartals- und Halbjahresergebnisse wirbelten die hiesigen Aktienkurse kräftig durcheinander. Auch die UBS sorgte mit ihren Aktienempfehlungen und Kurszielanpassungen mal wieder für viel Bewegung. Die Marktmacht der grössten Schweizer Bank beeindruckt mich immer aufs Neue.
Am Dienstag löste eine Kaufempfehlung für die Aktien des Börsenneulings Centiel ein wahres Kursfeuerwerk aus. Nach einer Heraufstufung von «Neutral» auf «Buy» bei einem Zwölf-Monats-Kursziel von 7,63 (zuvor 6,32) Franken durch Chefanalyst Sebastian Vogel gingen die Valoren des Anbieters von Systemen für die unterbrechungsfreie Stromversorgung alleine an diesem Tag um 17 Prozent höher aus dem Handel.
Die Aktien von Centiel vollzogen diese Woche einen Kurssprung (Quelle: www.cash.ch)
Tags darauf sprach seine Londoner Berufskollegin Kavya Deshpande eine Kaufempfehlung für die Aktien des Hörgeräteherstellers Sonova aus. In einer 35 Seiten starken Unternehmensstudie erhöhte sie das Anlageurteil von «Neutral» auf «Buy» und unterlegte diesen Schritt mit einer Erhöhung des Zwölf-Monats-Kursziels auf 242 (zuvor 206) Franken. Das alleine reichte schon aus, um die Kurse in der Spitze um sieben Prozent steigen zu lassen.
In die andere Richtung geht es heute Freitag für die Aktien der SFS Group. Nach einer Herunterstufung von «Buy» auf «Neutral» durch UBS-Analyst Joern Iffert fallen die Valoren weit unter das neue Zwölf-Monats-Kursziel von 145 (zuvor 130) Franken zurück.
Mir fällt auf, dass die UBS eine immer grössere Anzahl von Trittbrettfahrern hinter sich schart. Mittlerweile wird schon vorbörslich munter mit Derivaten auf die Aktienumstufungen der Grossbank spekuliert – und dies mit immer üppigeren Umsätzen. Das wiederum würde auch die teils extremen Kursausschläge bei den betroffenen Aktien erklären.
Kommen wir an dieser Stelle noch kurz auf PolyPeptide zu sprechen. Am Montag unterbreitete Samsung Biologics den Aktionärinnen und Aktionären des Pharmazulieferers ein Barangebot in Höhe von 1,5 Milliarden Franken, was 44,31 Franken je Aktie entspricht.
Dass das Unternehmen von einer industriellen Käuferin geschluckt wird, überrascht mich. Noch im April mussten prominente Finanzinvestoren wie die schwedische EQT, die amerikanische Kohlberg Kravis Roberts oder auch Advent International als kaufkräftige Interessenten herhalten.
Gerade für langjährige Aktionärinnen und Aktionäre kommt das Barangebot einem Tritt ans Schienbein gleich. Zur Erinnerung: PolyPeptide kam im April 2021 zu 64 Franken je Aktie an die Börse. Wer damals Titel aus Emission zugeteilt erhielt, wird nun mit etwas mehr als 44 Franken je Aktie abgespeist.
Erst recht das Nachsehen hat, wer sich in den Monaten nach dem Börsengang von den vielen Kaufempfehlungen bei Kursen von 140 Franken und mehr zum Einstieg verleiten liess.
Bereits Mitte April schrieb ich in diesem Zusammenhang wie folgt:
Mit einer Offertnachbesserung oder einem Gegenangebot ist vermutlich nicht zu rechnen, hat Ankeraktionär Frederik Paulsen der Käuferin sein Mehrheitspaket doch bereits zugesichert. Das Angebot belohnt somit vor allem die Trittbrettfahrer, welche sich im April dieses Jahres im Zuge der Übernahmespekulationen einnisteten.
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