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Es ist immer wieder erstaunlich, was ein paar Wochen an den Aktienmärkten doch ausmachen können. Wurde in den ersten November-Tagen an der Börse selbst erfreuliche Nachrichten teils mit Kursverlusten begegnet, liessen sich die hiesigen Marktakteure in den letzten Tagen regelrecht zu Panikkäufen verleiten.

Das Interesse galt dabei vor allem den hiesigen Wachstumsaktien wie etwa jenen des Dentalimplantateherstellers Straumann oder des Bauchemiespezialisten Sika. Doch auch einige der diesjährigen Börsenschlusslichter kamen in den Genuss eines kleineren Kursfeuerwerks – wobei die amerikanische Notenbank für den zündenden Funken sorgte.

Mit 5,25 bis 5,5 Prozent blieben die Leitzinsen zwar - wie von Ökonomen erwartet - unangetastet. Allerdings liess Notenbankchef "Jay" Powell gegenüber den Medien durchblicken, dass schon ab dem kommenden Jahr mit ersten Leitzinsreduktionen zu rechnen sei. Damit bestätigt sich, was die zuletzt vergleichsweise zahme Teuerungsentwicklung bereits hatte erahnen lassen.

Die Straumann-Aktien gingen diese Woche in den Steigflug über (Quelle: www.cash.ch)

Der für Goldman Sachs tätige Jan Hatzius sieht die amerikanische Notenbank zwischen März und Juni nächsten Jahres neuerdings gleich drei Zinsschritte um jeweils 25 Basispunkte in Folge vollziehen. Danach sollen in grösseren Abständen weitere Leitzinsreduktionen bis in die Region von 3,25 bis 3,5 Prozent folgen, wenn es nach dem Ökonomen der amerikanischen Investmentbank geht. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Leitzinsen dürften nicht nur schneller, sondern sogar auch noch etwas deutlicher als bisher angenommen fallen.

Auch bei uns signalisierte die Schweizerische Nationalbank (SNB) gestern Donnerstag ein Ende der Leitzinserhöhungen. Und auch mit grösseren Offenmarktinterventionen zur Stärkung des Frankens darf nicht länger gerechnet werden. Direktoriumspräsident Thomas Jordan hält die monetären Bedingungen im Moment für angemessen, wie er gegenüber Medien durchblicken liess.

So überraschend wie das Kursfeuerwerk an den Aktienmärkten vermuten liesse, kommt die geldpolitische Gezeitenwende eigentlich nicht. Die Anleihenkurse nahmen in den letzten Wochen und Monaten die von der amerikanischen Notenbank in Aussicht gestellten Zinsschritte grösstenteils bereits vorweg.

Dennoch wurden gerade die Leerverkäufer hierzulande bei der einen oder anderen Aktie aus dem Sattel geworfen. Regelmässige Leserinnen und Leser meiner Kolumne wissen, dass ich beileibe kein Freund dieser Spezies bin. Eine gesunde Portion Schadenfreude sei mir an dieser Stelle erlaubt...

Den Schwergewichten Nestlé, Roche und Novartis, aber auch anderen defensiven Aktien wie Givaudan oder Swisscom grub das Kursfeuerwerk gestern Donnerstag im späten Handel hingegen das Wasser ab. Wie aus den Handelsräumen hiesiger Banken zu hören war, mussten die Valoren von Givaudan, Roche und Novartis als "Geld-Quelle" für den Kauf von Wachstumswerten herhalten und wurden verkauft. Und auch der grosse Derivat-Verfall von heute Freitag dürfte bereits mitten hinein gespielt und für zusätzlichen Abgabedruck gesorgt haben. Ganz schön deprimierend.

Apropos deprimierend: Für die Valoren von Meyer Burger wurden am Mittwoch erstmals seit den Wochen kurz nach der Bilanzsanierung vom Sommer vor drei Jahren erstmals wieder Kurse von weniger als 16 Rappen bezahlt – wobei erste grössere Deckungskäufe aus dem Lager ausländischer Leerverkäufer noch Schlimmeres verhinderten.

Dem Bekenntnis der Regierung in Berlin zur heimischen Solarindustrie fehlt es ganz offensichtlich an Überzeugung. So sieht das überarbeitete Budget für 2024 fast 13 Milliarden Euro weniger an Mitteln für den Klima- und Transformationsfonds vor. Bis Ende 2027 sind sogar um die 45 Milliarden Euro weniger an Zuweisungen vorgesehen als ursprünglich geplant.

Was das genau für Meyer Burger und andere Unternehmen im Bereich der Erneuerbaren bedeutet, lässt sich noch nicht abschliessend sagen. Zu einem konkreten Hilfspaket für die deutsche Solarindustrie konnte sich die Politik in Berlin bisher jedenfalls nicht durchringen. Zur Erinnerung: Meyer Burger und andere Anbieter ächzen schon seit Monaten darunter, dass chinesische Solarmodulhersteller den europäischen Markt mit Billigmodulen fluten.

Kurszerfall diese Woche bei den Meyer Burger Aktien (Quelle: www.cash.ch)

Der davon ausgehende Preisdruck veranlasste den UBS-Analysten Patrick Rafaisz vor wenigen Tagen dazu, bei seinen Schätzungen den dicken Korrekturstift anzusetzen. Er rechnet bei den Schweizern auf Stufe EBITDA neuerdings erst ab 2025 mit einem ausgeglichenen Ergebnis. Darauf abgestützt streicht er das 12-Monats-Kursziel für die mit "Neutral" eingestuften Aktien auf 27 (zuvor 61) Rappen zusammen.

Weitere Berufskollegen bei anderen Banken dürften diesem Beispiel folgen und ihre Schätzungen und Kursziele ebenfalls unter negativen Vorzeichen überdenken, wie ich am frühen Dienstagmorgen im Insider Briefing vermutete. Und tatsächlich stellt mittlerweile auch Analyst Dani König bei Mirabaud Securities seine Schätzungen in Frage. Er ist nun dabei, diese zu überarbeiten – was ebenfalls in einer einschneidenden Kurszielreduktion münden könnte. An der Kaufempfehlung hält der Mirabaud-Analyst hingegen fest, soviel sei an dieser Stelle schon mal verraten.

Interessant ist übrigens auch, dass jüngst nicht nur der Kurs der Aktien des Solarunternehmens, sondern auch jener der beiden grünen Anleihen der Tochter MBT Systems unter Druck stand. Die im Juli 2027 fällig werdende 3 ½ Prozent Anleihe wird noch zu 78 Cents für jeden Euro gehandelt, jene mit einem Coupon von 3 ¾ Prozent und einer Laufzeit bis im Mai 2029 sogar nur noch zu 66 Cents für jeden Euro. Darauf abgestützt errechnet sich eine jährliche Rendite auf Verfall von mehr als 12 Prozent.

Nicht nur bei den Aktienanlegern, auch bei den Anleiheninvestoren ist also eine gewisse Skepsis in Bezug auf rasche Hilfen aus der Politik zu verspüren – wie die Anleihenkurse unmissverständlich verraten.

Ein frühes Weihnachtsgeschenk machen sich die Verwaltungsräte von Straumann in diesem Jahr gleich selber. Alleine seit Ende November wurden der SIX Swiss Exchange Titelverkäufe aus dem Gremium im Gesamttotal von 19 Millionen Franken gemeldet.

Neugierig wie ich bin habe ich mich mal ein bisschen schlau gemacht: Zur selben Zeit letzten Jahres gab es nicht eine einzige Verkaufstransaktion. Im Wissen um das Kursfeuerwerk der letzten Tage haben sich die Verwaltungsräte des Weltmarktführers aus Basel rückblickend wohl zu früh von ihren Aktien verabschiedet. Für die ersten paar Verkäufe im November lösten sie um die 119 Franken je Stück, für die zuletzt verkauften Titel gab es 122 Franken je Stück. Mittlerweile werden Kurse von 138 Franken und mehr bezahlt.

Während sich der Höhenflug der letzten Tage mit den gemässigteren Zinserwartungen erklären lässt, schliesst man bei der britischen Barclays nicht aus, dass die Straumann-Verantwortlichen beim Ausblick für 2024 tiefstapeln dürften. Deshalb preist die Analystin die Valoren wie bis anhin mit "Overweight" an – wenn auch mit einem leicht tieferen Kursziel von 148 (zuvor 150) Franken.

Zumindest das diesjährige Schlussquartal dürfte überzeugend ausfallen, wenn man Stifel-Analyst Dani Jelovcan Glauben schenken will. Nach einer Telefonkonferenz des Dentalimplantatehersteller mit Analysten geht er auch für die Monate Oktober bis Dezember von einem zweistelligen Wachstum aus. Jelovcan fühlt sich in seiner Kaufempfehlung sowie im 150 Franken lautenden Kursziel bestärkt.

Nach den vielen Notenbankterminen der letzten Tage dürfte der Schweizer Aktienmarkt nun ruhigere Gewässer ansteuern. Mal schauen, was ich kommenden Freitag zu berichten habe, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.

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