Der Bitcoin macht seinem Ruf als volatiles Investment einmal mehr alle Ehre. Seit dem Rekordhoch von 124'720 Dollar am 6. Oktober 2025 hat sich der Preis zwischenzeitlich auf 60'001 Dollar bis am vergangenen Freitag mehr als halbiert, ehe sich die älteste Kryptowährung der Welt am Montagnachmittag wieder auf 69'500 Dollar erholte.
Der Kursrutsch in der abgelaufenen Woche wurde am Freitag von der koreanischen Kryptohandelsplattform Bithumb irrtümlich verschärft - mehr dazu hier. Zuvor war es ein Kommentar des legendären Investors Michael Burry, welcher die Stimmung drückte. Er warnte vor Wochenfrist, der Bitcoin befinde sich in einer Todesspirale. Und als wäre das nicht schon genug, doppelte am Wochenende die «Financial Times» mit einem Kommentar nach, dass der Bitcoin um 70'000 Dollar überbewertet sei.
Wer den Bitcoin wegen der Talfahrt der letzten Monate komplett abschreibt, könnte danebenliegen. Diese Preiskorrekturen von und mehr als 50 Prozent sind keine Seltenheit, sondern eine Charaktereigenschaft dieser Kryptowährung. Halbierungen gab es in den Jahren 2018, 2019, 2021, 2022 sowie 2025/2026 und Kurskorrekturen bis zu 35 Prozent 2024 und 2025. Das heisst: In den vergangenen zehn Jahren kam es in sieben Jahren zu Kursrückgängen von mehr als 33 Prozent und in der Hälfte der Fälle gar zu Rückschlägen um 50 oder mehr Prozent.
Alles wird in Sippenhaft genommen
Die klassischen Gründe für die Preiskorrektur sind einfach aufzuzählen. Erstens sind die Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen seit dem letzten Preishoch des Bitcoin um 10 Prozent angestiegen. Zweitens ist nach dem Flash-Crash Anfang Oktober, als gehebelte Positionen «en masse» liquidiert wurden, die Stimmung bei den privaten Anlegern und Spekulanten im Keller. Deshalb versuchten Spekulanten ihr Glück bei den Edelmetallen und auf Wettplattformen.
Dieses Abwenden von den Kryptomärkten zeigt sich besonders auf dem wichtigen südkoreanischen Markt. In den grossen Gaming-Hallen in Seoul, wo Hunderte von Interessierten vor einer grossen Leinwand gemeinsam spekulieren, ist der Bitcoin aktuell kein Thema mehr. Es wird vielmehr auf den südkoreanischen Leitindex Kospi spekuliert, welcher seit letztem Oktober um mehr als 50 Prozent hinzugewann. Einzelne Titel wie Chunil Express stiegen um 645 Prozent, Dongyang um 632 Prozent, Keyang Electric um 466 Prozent oder Seah Besteel um 236 Prozent.
Südkoreanische und internationale Spekulanten haben sich im zweiten Halbjahr 2025 nicht nur aus den Kryptowährungen zurückgezogen, sondern auch aus den US-Technologiewerten. Firmen wie Hubspot (-49 Prozent), ServiceNow (-45 Prozent), Snowflake (-40 Prozent), Unity Software (-36 Prozent) oder AppLovin (-32 Prozent) kämpfen mit ähnlich hohen Kursverlusten.
Nebst spezifischen Faktoren weist Daniel Hartmann, Chefökonom von Bantleon, auf die allgemeine Marktstimmung hin. «Wahrscheinlich war aber einfach die Luft raus – auf Märkten, bei denen zuletzt vor allem spekulative Kräfte am Werk waren. Mithin dürfte ein kleiner Rücksetzer ausgereicht haben, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen», so der Experte von Bantleon.
Ins gleiche Horn bläst auch Andrew Lapthorne, Leiter quantitatives Research von Société Générale. Drohnenhersteller, Uranbergbauunternehmen, Bitcoin und Silber sowie verlustbringende US-Nebenwerte hätten gemeinsam, dass sie alle im Fokus spekulativer Kapitalflüsse von Investoren standen, die auf steigende Kurse spekulierten. «Nun stürzen sie alle gleichzeitig ab. Dies dürfte langfristig gut für die Märkte sein, ist aber kurzfristig schmerzhaft für die Spekulanten», so der SG-Experte trocken.
Derivatmärkte treiben den Preis
Ferner haben die Derivatmärkte einen zunehmend grösseren Einfluss. Marktteilnehmer verweisen dabei auf die Volumenausweitung der stark gehebelten Positionen im Jahr 2025, welche die Rallye angetrieben hatte. Mit dem Preisrückgang tritt inzwischen das Gegenteil ein: Die Positionen werden im Rekordtempo geschlossen und die Liquidität an den Derivatmärkten trocknet aus. Dies führt entsprechend zu einer Preisübertreibung nach unten.
Dieses Deleveraging von gehebelten Positionen hatte die Wahrscheinlichkeit scharfer Korrekturbewegungen erhöht, so die Experten von der Research-Boutique Cryptoquant. Damit bleibe der Verkaufsdruck trotz der jüngsten Aufwärtskorrektur hoch. Ohne starke Nachfrage nach ETFs könnten sich die Preise entsprechend weiter zurückbilden, so die Argumentation der Experten von Cryptoquant.
Mit dem Abflauen der spekulativen Überhitzung haben sich die von Bitcoin Suisse beobachteten Kernindikatoren weiter verschlechtert. Das Angebot an Stablecoins ging zurück, die Zuflüsse in US-Spot-ETFs drehten klar ins Negative, und die BTC-Bestände auf Börsen nahmen zu. «Zusammengenommen deutet dies eher auf Distribution als auf Akkumulation hin und spricht für eine länger anhaltende Korrekturphase statt für eine kurzfristige Trendwende», erklärte Dominic Weibel, Leiter Research bei Bitcoin Suisse, auf Anfrage von cash.ch.
Ein spezielles Augenmerk gilt dem Einstandspreis. Die Daten von Coinglass zeigen einen durchschnittlichen Einstandspreis der spekulativen Bitcoin-Halter von 95'300 Dollar. Damit steht ein Grossteil der kurzfristigen Spekulanten mit mehr als 25 Prozent unter Wasser. Diese Positionen würden nun sukzessive abgebaut, wenn es zeitnah nicht zu einer Kursbewegung nach oben kommt.
Investierende, die Bitcoin seit drei respektive mehr als sechs Jahren halten, profitieren weiterhin von einer starken Wertsteigerung. Dieser Vorteil des langfristigen Haltens schrumpft aber, je höher sich das Preisniveau etabliert. Das bedeutet, dass es mit jedem Zyklus schwieriger wird, durch blosses Halten eine überdurchschnittliche Rendite zu erzielen. Entsprechend sind je länger desto mehr Trader-Qualitäten gefragt.
Rebalancing bleibt das A und O beim Bitcoin
Wer strategisch an ein Bitcoin-Investment herangeht, ist weiterhin mit einem konsequenten monatlichen Rebalancing gut beraten. Das bedeutet, gestaffelt ein- und auszusteigen. Steigt der Bitcoin, so werden so viele Bitcoins verkauft, bis das Exposure wieder auf die definierte Gewichtung von zum Beispiel 2 Prozent zurückfällt.
Sinkt der Bitcoin-Kurs dagegen und der Anteil im Portfolio fällt unter 2 Prozent, werden Bitcoins hinzugekauft, bis die Gesamtallokation von 2 Prozent wieder erreicht ist. Dieser Prozess wird Ende jeden Monats oder Quartals wiederholt. Das schützt zwar nicht vor Kursverlusten, aber bei Höchstkursen werden Gewinne realisiert und nicht zum Höchstpunkt neue Positionen eingegangen, die später bleischwer auf dem Depotwert lasten können.

