Schweizer Aktienfavoriten - Eine Börse, die fast nur noch Extreme kennt

Der cash Insider über seine Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2020, den SMI sowie über das «doppelte Spiel» einiger Banken bei den hiesigen Indexschwergewichten.
06.07.2020 12:30
cash Insider
Eine Börse, die fast nur noch Extreme kennt

Der cash Insider berichtet im Insider Briefing börsentäglich von brandaktuellen Beobachtungen rund um den Schweizer Aktienmarkt und ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv.

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Zwei Schritte vor und einer wieder zurück - treffender liesse sich die Entwicklung des Swiss Market Index (SMI) in den vergangenen vier Wochen wohl kaum umschreiben. In der Spitze konnte das Börsenbarometer zwischenzeitlich zwar bis in die Nähe von 10'300 Punkten vorstossen. Dann ging ihm allerdings die Puste aus.

Dass neuerdings ausgerechnet die drei Indexschwergewichte Nestlé, Roche und Novartis Mühe bekunden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn ihnen ist es zu verdanken, dass der Schweizer Aktienmarkt in den letzten Jahren im europäischen Vergleich regelmässig Spitzenplätze belegte. Und auch während der pandemiebedingten Krise der letzten Monate stellten diese Valoren ihre defensiven Qualitäten eindrucksvoll unter Beweis.

Doch defensive Qualitäten sind nicht länger gefragt und die drei Indexschwergewichte – gemeinsam sind sie beim SMI für fast 60 Prozent der Gesamtkapitalisierung verantwortlich – immer öfter "zu langweilig". Insbesondere ausländische Grossinvestoren ziehen seit Wochen Gelder aus den Valoren von Nestlé, Roche und Novartis ab.

Mit offenen Karten, wie etwa Merrill Lynch das macht, spielen nur die allerwenigsten. Bis Mitte Mai hätten nicht nur der Schweizer Aktienmarkt, sondern auch die hierzulande prominent vertretenen Pharmawerte während zwei Jahren um 40 Prozent besser als der Weltaktienindex abgeschnitten, so rechnet die amerikanische Investmentbank in einem Strategiepapier vor. Doch den Autoren zufolge haben sich die Pharmawerte seither um rund acht Prozent, der Schweizer Aktienmarkt immerhin noch um fünf Prozent schlechter entwickelt. In Erwartung steigender Anleihenrenditen sehen die Strategen den Schweizer Aktienmarkt in der zweiten Jahreshälfte gleich noch einmal um acht Prozent schlechter abschneiden als der Weltaktienindex. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Anleger sollten sowohl Aktien aus der Schweiz als auch Pharmawerten nur ein unterdurchschnittliches Gewicht in ihren Wertschriftenportefeuilles einräumen.

Auf den zweiten Blick zeugt diese taktische Empfehlung aber nicht von Überzeugung. Schliesslich empfehlen die Analysten von Merrill Lynch nicht nur die Genussscheine von Roche (Kursziel 360 Franken) sondern auch die Aktien von Nestlé (Kursziel 122 Franken) und Novartis (Kursziel 104 Franken) eigentlich zum Kauf.

Bilanz der letzten Jahre

Jahr Aktienfavoriten SPI
2013 +40,1 Prozent +23,9 Prozent
2014 +11,4 Prozent +15,2 Prozent
2015 +  4,1 Prozent +  2,4 Prozent
2016 -   3,7 Prozent -   1,7 Prozent
2017 +23,6 Prozent +20,1 Prozent
2018 - 19,1 Prozent -   8,8 Prozent
2019 +25,4 Prozent +30,6 Prozent
2020* -   5,4 Prozent -   3,5 Prozent

* Schlusskurse vom 3. Juli 2020

Wer nun glaubt, dass die amerikanische Investmentbank mit diesen Widersprüchen alleine dasteht, der irrt. Wenige Wochen ist es her, da stufte der bekannte Stratege Christopher Potts von Kepler Cheuvreux sowohl die Sektoren Nahrungsmittel und Pharma als auch den Schweizer Aktienmarkt von "Neutral" auf "Underweight" herunter. Und siehe da: Auch die Analysten von Kepler Cheuvreux preist mit Nestlé (Kursziel 115 Franken) zumindest eines von drei Indexschwergewichten zum Kauf an. Wenigstens eine Verkaufsempfehlung für die Valoren von Roche und Novartis? Fehlanzeige.

Ziemlich eindeutig: Die Lonza-Aktien (rot) im 12-Monats-Vergleich mit jenen von Nestlé (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Das schnelle Geld lockt sowieso nicht in den langweiligen Indexschwergewichten. Stattdessen dreht sich hierzulande seit Wochen um einige wenige Spezialsituationen wie Lonza (Covid19-Impfstoff, mögliche Verschmelzung von Specialty Ingredients mit ähnlich gelagerten Geschäftsaktivitäten eines Rivalen), Zur Rose (pandemiebedingt starkes Tagesgeschäft, deutscher Bundestag winkt Gesetz für E-Medikamentenrezepte durch), Logitech (pandemiebedingt starkes Tagesgeschäft) oder Swissquote (rege Handelsaktivitäten, stark laufendes Tagesgeschäft).

Und wie so oft kommt der Appetit auch an der Börse erst beim Essen. Die Hoffnung auf das schnelle Geld zieht im grossen Stil neue Gelder an und lässt die Kurse und die Bewertung dieser Aktien gleichermassen kräftig steigen. Bei Zur Rose ist frühestens in zwei Jahren mit einem positiven Ergebnis zu rechnen. Und selbst dann errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in Höhe von mehr als 130 (!!!). Da sind Lonza (KGV von 36) oder Logitech (KGV von 28) fast schon Schnäppchen.

Dieses Spiel mit dem Feuer geht so lange gut, wie immer neue Gelder in diese Aktien fliessen. Kein Trend an der Börse hält ewig und irgendwann beissen den Letzten die Hunde.

Doch zurück zur unterdurchschnittlichen Kursentwicklung der Valoren von Nestlé, Roche und Novartis. Denn diese hat zumindest aus meiner Sicht durchaus etwas Gutes: Meine Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2020 konnten in den letzten Wochen Boden gegenüber dem breit gefassten Swiss Performance Index (SPI) gutmachen. Zuletzt errechnete sich trotz einer hohen taktischen Barmittelquote von 17'000 Franken nur noch ein durchschnittliches Minus in Höhe von 5,4 Prozent. Dem steht ein um 3,5 Prozent tieferer SPI gegenüber.

Ich nutze die Gelegenheit, um die bestehenden Titelpositionen bei OC Oerlikon und UBS wieder auf rund 10'000 Franken aufzustocken. Beide Transaktionen gegen zu Lasten der Barmittel.

Wichtige Erkenntnisse erhoffe ich mir von der anlaufenden Halbjahresberichterstattung. Der Zahlenkranz des Sanitärtechnikkonzerns Geberit vom heutigen Montag ist wohl bloss ein kleiner Vorgeschmack auf das sein, was uns über die Sommermonate erwarten könnte. Wenn sich heute überhaupt etwas zuverlässig voraussagen lässt, dann dass für Überraschungen unterschiedlichster Art gesorgt sein dürfte.

Aktuelle Positionen Aktienfavoriten

Titel Anzahl Einstand akt. Wert* Erfolg G/V
Barmittel       17'103,41    
ABB N     425   23,58     9'597,25 -     556,75 -     5,56 Prozent
AMS I 1'100      8,98     9'597,25 + 3'760,37 +  64,42 Prozent
LafargeHolcim N     185   53,90   10'640,00 -  2'004,95 -   15,86 Prozent
Swatch Group N    200   41,62     7'400,00 -     924,00 -   11,10 Prozent
UBS Group N    817    12,24     9'019,68 -     980,40 -     9,80 Prozent
Ascom N    930    10,74     8'732,70 -  1'255,50 -   12,57 Prozent
Klingelnberg N    411    24,30     5'445,75 -  4'541,55 -   45,47 Prozent
OC Oerlikon N    993    10,94     7'606,38 -  3'260,43 -   30,00 Prozent
Stadler Rail N    250   39,30     9'540,00 -     285,00 -     2,90 Prozent
           
Total       94'549,92   -     5,44 Prozent

* Schlusskurse vom 3. Juli 2020

Dass letztendlich die Erwartungshaltung der Marktakteure über die Vorzeichen der Kursbewegungen entscheidet, macht die Sache nicht eben einfacher. So ist die Frage nicht ob die Swatch Group in den ersten sechs Monaten einen Verlust eingefahren hat, sondern vielmehr wie hoch dieser ausfällt und was bereits eingepreist ist. Schliesslich gehören die Inhaberaktien mit einem Minus von 30 Prozent seit Jahresbeginn zu den Schlusslichtern aus dem SMI.

Standardwerte (aus dem Swiss Leaders Index):

ABB (-5,6 Prozent)

Allen Unkenrufen zum Trotz konnte ABB-Chef Björn Rosengren am Rande des Investorentages punkten. Seine Dezentralisierungspläne kommen gut an. Ausserdem will er sämtliche Geschäftsaktivitäten auf den Prüfstand stellen. Weitere Bereichsverkäufe sind damit nicht auszuschliessen. Und wenn wir schon beim Thema Bereichsverkäufe sind: Seit wenigen Tagen ist die milliardenschwere Power-Grid-Transaktion mit dem japanischen Partnerunternehmen Hitachi unter Dach und Fach. ABB will nun in einem ersten Schritt bis zu 10 Prozent der ausstehenden Aktien zurückkaufen und anschliessend vernichten. Für diese Pläne gibt sich das Unternehmen keine 12 Monate Zeit. Wenn das dem Aktienkurs nicht helfen sollte, dann weiss ich auch nicht mehr weiter...

AMS (+64,4 Prozent)

Der Kurs der Aktien von AMS stieg und stieg, bis Handelsblatt Online von einer Untersuchung der österreichischen Finanzmarktaufsicht gegen die Unternehmensspitze im Zusammenhang mit dubiosen Titeltransaktionen berichtete. Zuerst dementierte der Sensorenhersteller den Bericht vehement, nur um wenige Tage später einräumen zu müssen, dass nun doch ermittelt wird – allerdings nicht gegen das Unternehmen selbst. Einige Analysten sehen dahinter denn auch eine gezielte Schmutz-Kampagne gegen Firmenchef Alexander Everke. Und dennoch: Sollte sich der Verdacht erhärten, dass sich Mitglieder des Verwaltungsrats oder der Geschäftsleitung bereichert haben, sind personelle Konsequenzen unausweichlich. Es wäre schon ziemlich bitter, wenn die Unternehmensspitze nach der umstrittenen Osram-Übernahme über Eigengeschäfte straucheln würden. Das Tagesgeschäft scheint bei AMS allerdings auch weiterhin zu laufen. Mal schauen, wie sich der Apple-Zulieferer im vergangenen zweiten Quartal geschlagen hat.

Swatch Group (-11,1 Prozent)

Die Swatch Group bleibt eines der wenigen Sorgenkinder und eines der Schlusslichter bei den Unternehmen aus dem SMI. Dass die Börse kürzlich eher unterkühlt auf die gewohnt optimistischen Aussagen von Nick Hayek reagierte, hat sich der Firmenchef selbst ein bisschen zuzuschreiben. Hayek strotzt seit Jahren nur so vor Zuversicht. Die Ergebnisentwicklung hinkt den Aussagen leider oftmals hinterher. Wenn der Uhrenhersteller aus Biel in wenigen Wochen sein Halbjahresergebnis vorlegt, gilt mein Interesse insbesondere den Lagern. Diese waren schon vor der Krise besorgniserregend voll – eine Entwicklung, die man unbedingt im Auge behalten muss.

UBS Group (-9,8 Prozent)

Auch die Aktien der UBS konnten in den letzten Wochen weiter Boden gutmachen. Weiterer Rückstellungsbedarf im Kreditgeschäft ist nicht von der Hand zu weisen, sollte jetzt aber auch nicht unbedingt dramatisiert werden. Die grösste Schweizer Bank steht in vielerlei Hinsicht noch gut da. Nach dem sowohl qualitativ als auch quantitativ starken ersten Quartal hoffe ich auf ein Folgequartal, das sich gewaschen hat. Ich erhoffe mir vor allem, dass der Zahlenkranz einmal mehr auch von seiner Qualität her überzeugen kann. Das wiederum setzt einen überzeugenden Ergebnisbeitrag aus dem Wealth Management voraus. Ich erhöhe diese Titelposition wieder auf rund 10'000 Franken.

Nebenwerte:

Ascom (-12,6 Prozent)

Die Aktien von Ascom zählen zu den Börsengewinnern der letzten Wochen. Beim Berner Telekommunikationsspezialisten häufen sich die Erfolgsmeldungen. Noch lässt sich allerdings nicht abschätzen, ob diese Erfolgsmeldungen die Handschrift des Führungsduos Jeannine Pilloud und Valentin Chapero tragen, oder ob sich die Auftragslage ohne grosses Zutun verbessert hat. Es wäre jedenfalls mehr als erfreulich, würde sich bei der "Dauerbaustelle" Ascom nach langen Jahren endlich der Turnaround einstellen.

OC Oerlikon (-30,0 Prozent)

Stünde die Aktienkursentwicklung für die Vitalzeichen eines Unternehmens, man würde OC Oerlikon in diesen Tagen auf der Intensivstation vermuten. Dass der Abschwung in der Automobil und Luftfahrtindustrie nicht spurlos am Spezialisten für Oberflächentechnologie vorübergeht, ist auch mir bewusst. Von einer schwerwiegenden Krise zu sprechen wäre dennoch übertrieben. Insbesondere vom Textilmaschinengeschäft verspreche ich mir im zweiten Quartal stabilisierende Impulse für das Konzernergebnis. Schon vor vier Wochen schrieb ich an dieser Stelle, dass ich die Aktien bei Kursen unter 10 Franken als ziemlich attraktiv erachte. Nun lasse ich auf Worte Taten folgen und stocke die Titelposition wieder auf rund 10'000 Franken auf.

Bisherige Transaktionen Aktienfavoriten

Datum Titel   Anzahl Kurs   Total
27.12.2019 ABB N Kauf 425 23,58 Franken 10'050,50-
27.12.2019 LafargeHolcim N Kauf 185 53,90 Franken 10'000,50-
27.12.2019 Lonza N Kauf 28 355,50 Franken 9'983,00-
27.12.2019 Swatch Group I Kauf 37 269,80 Franken 10'011,60-
27.12.2019 Temenos N Kauf 65 154,05 Franken 10'042,25-
27.12.2019 UBS N Kauf 817 12,24 Franken 10'029,08-
27.12.2019 Ascom N Kauf 930 10,74 Franken 10'017,20-
27.12.2019 Klingelnberg N Kauf 411 24,39 Franken 10'016,30-
27.12.2019 OC Oelikon N Kauf 876 11,41 Franken 10'024,16-
11.02.2020 Put WTEA1V Kauf 3'250 0,25 Franken 874.00-
02.03.2020 Put WTEA1V Verkauf 3'250 0,58 Franken 1'856,00+
02.03.2020 Swatch Group I Verkauf 37 223,20 Franken 8'229,40+
02.03.2020 Swatch Group N Kauf 200 41,62 Franken 8'353,00-
26.03.2020 AMS I Kauf 540 9,27 Franken 5'034,80-
01.04.2020 AMS I Kauf 560 8,70 Franken 4'901,00-
09.04.2020 OC Oerlikon N Kauf 117 7,45 Franken 900,65-
24.04.2020 Put AMSBBZ Kauf 11'000 0,065 Franken 744,00-
30.04.2020 Put AMSBBZ Verkauf 11'000 0,03 Franken 301,00+
04.05.2020 Lonza N Verkauf 28 431,00 Franken 12'039,00+
26.05.2020 Temenos N Verkauf 65 149,20 Franken 9'669,00+
26.05.2020 Stadler Rail N Kauf 250 39,30 Franken 9'854,00-
02.06.2020 AMS I Verkauf 450 15,55 Franken 6'968,50+
02.06.2020 LafargeHolcim Kauf 65 41,13 Franken 2'702,45-

 

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Aktuell+/-%
SMI10'096.98+0.30%
Nestle N108.26+0.80%
Roche Hldg G316.05+0.32%
Novartis N75.93-0.11%
SPI12'524.95+0.29%
Zur Rose Group N257.50-0.96%
Lonza Grp N573.20+0.95%
Swissquote Grp Hl N81.90-0.97%
Logitech Intl N67.72+1.23%
UBS Group N10.995-0.77%
OC Oerlikon N8.025+0.63%
Geberit N514.60-0.16%
ABB N23.79+0.89%
LafargeHolcim N43.52+0.02%
ams I16.740-2.22%
Klingelnberg N14.750+3.87%
Ascom Hldg N10.420+1.56%
The Swatch Grp I191.50-0.88%
Stadler Rail N36.16-1.42%
OSRAM Licht N43.50+0.46%
Apple Rg455.61+3.49%
TEMENOS N137.40-0.43%