cash.ch: Herr Petersen, Sie verwalten den «Nordea 1 - Empower Europe Fund». Wie würden Sie das aktuelle Investitionsumfeld in Europa aus Ihrer Sicht beschreiben?
René Petersen: Wenn man sich anschaut, was gerade alles in der Welt passiert, könnte man meinen, es sei an der Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache: Der europäische Aktienmarkt liegt dieses Jahr gut 13 Prozent im Plus. Wir klettern quasi ständig an einer Wand aus Sorgen hoch - egal ob es um die USA, China oder den Nahen Osten geht. Wir suchen deshalb nicht das Weite.
Stimmt, den Markt scheint derzeit nichts aus der Ruhe zu bringen. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Nein. Wenn man bis Mitte der 1990er-Jahre zurückblickt - vorausgesetzt, man ist langfristig orientiert und hat einen Horizont von mindestens drei Jahren -, lag der Markt auf Drei-Jahres-Sicht in weniger als 25 Prozent der Fälle im Minus. In drei Vierteln der Zeit geht es also aufwärts. Mit einer negativ ausgerichteten Strategie wettet man also schlichtweg gegen die historische Datenlage.
Sie klingen sehr optimistisch. Wo sehen Sie denn aktuell die spannendsten Investmentchancen in Europa und warum?
Unsere «Empower Europe»-Strategie basiert auf drei thematischen Säulen, bei denen wir nicht zufälligerweise auch das grösste Potenzial für Europa in den kommenden Jahrzehnten sehen. Die europäische Wirtschaftsstrategie baute auf drei grossen Abhängigkeiten auf, die wir in einer sich verändernden geopolitischen Lage angehen müssen, um unsere Selbstbestimmung zu wahren. Erstens: Energie-Resilienz. Wir haben uns viel zu lange auf billige Energie aus Russland und jetzt auf Flüssiggas aus den USA verlassen. Zweitens müssen wir bei der Sicherheit unabhängiger von den USA werden. Es ist inzwischen klar, dass die US-Unterstützung nicht selbstverständlich ist. Und drittens: industrielle Wertschöpfungsketten. Wir waren stark von günstigen Produkten aus China abhängig. Europa muss seine Lieferketten diversifizieren und Risiken minimieren. Um diese drei Abhängigkeiten anzugehen, braucht es massive Investitionen - und genau hier werden europäische Unternehmen profitieren.
Zum Thema Industrie: Wie steht es denn um das industrielle Comeback in Europa?
Das hängt stark von der jeweiligen Branche ab. Nehmen wir die Stahlindustrie: Die EU hat Massnahmen ergriffen, um die Branche vor chinesischem Stahldumping zu schützen, was den europäischen Herstellern früher schwer zugesetzt hat. Schauen Sie sich heute mal die Aktienkurse von Produzenten wie Salzgitter, Thyssenkrupp oder der schwedischen SSAB an. Wenn die Marktanteile zu den heimischen Herstellern zurückkehren, steigt auch die Profitabilität. In anderen Bereichen, wie der Halbleiterindustrie, ist eine vollständige Unabhängigkeit zwar unrealistisch, aber der Aufbau lokaler Kapazitäten federt globale Lieferengpässe ab. Zudem reduzieren moderne Produktionstechnologien die Abhängigkeit von Massenfertigung - und damit von China. Unternehmen können kleinere Mengen viel effizienter und näher am Zielmarkt produzieren. Die EU-Förderung kurbelt neue Fertigungsstätten an, wie das Infineon-Werk in Dresden oder den Ausbau von STMicroelectronics in Italien. Darüber hinaus besetzt Europa mit global führenden Ausrüstern wie ASML und ASMI bereits Schlüsselpositionen im Halbleiter-Ökosystem. Alles in allem sehe ich auch hier Fortschritte, die Wertschöpfungsketten wieder nach Hause zu holen.
Zur zweiten Säule: Die Bewertungen von Rüstungsunternehmen haben sich dieses Jahr etwas abgekühlt. Ist das ein Vorteil für Anleger?
Während der Rallye Anfang letzten Jahres waren die Lieferketten in der Rüstungsindustrie überhaupt nicht auf den plötzlichen Auftragsboom vorbereitet, was zu massiven Engpässen führte. Diese Lieferketten lagen im Grunde 30 Jahre lang brach und konnten nicht über Nacht um 40 Prozent pro Jahr wachsen. Mittlerweile passt sich die Lieferkette aber nach und nach an, genau wie der Aktienmarkt. Allerdings hat der Krieg in der Ukraine den Trend hin zu Drohnen und unbemannten Systemen beschleunigt. Die Skepsis am Markt schürte dann zusätzlich die Befürchtung, traditionelle Plattformhersteller wie Rheinmetall oder BAE Systems bauten veraltetes Gerät. In Wirklichkeit erweitern diese Unternehmen ihr Portfolio sehr aktiv um moderne elektronische Kampfführung und Drohnensysteme. Wenn man sich die Auftragsbücher anschaut, sieht man eine enorme Nachfrage bis weit ins nächste Jahrzehnt hinein.
Bei diesen aussergewöhnlichen Wachstumsraten: Welche Titel bevorzugen Sie im Verteidigungssektor?
Ich versuche, mich nicht als Militärexperte aufzuspielen. Und weil sich die Entwicklung in diesem Bereich so extrem schnell dreht, sollten Anleger meines Erachtens breit gestreut vorgehen. Wer am Ende als Gewinner aus dieser Entwicklung hervorgeht, kann heute niemand sagen. Deshalb reicht unser Portfolio von kleinen Spezialisten für Sensortechnik bis hin zu grossen Rüstungskonzernen wie Rheinmetall und Thales. Ganz wichtig dabei: Die richtige Positionsgrösse über das gesamte Thema hinweg ist entscheidend - viel wichtiger, als zu versuchen, den einen Einzelsieger herauszupicken.
Mir ist aufgefallen, dass Schweizer Aktien in Ihrem Fonds so gut wie gar nicht vorkommen, obwohl sie rund 13 Prozent der europäischen Benchmarks ausmachen. Woran liegt das?
Richtig. Der Schweizer Markt macht etwas mehr als 13 Prozent von Indizes wie dem MSCI Europe aus. Allerdings entfallen allein rund 10 Prozent davon auf die zehn grössten Schweizer Konzerne - darunter Namen wie Nestlé, Novartis, Roche oder UBS. Von diesen Unternehmen erwarten wir aus unserer «Empower Europe»-Perspektive keine direkten Profite. Schweizer Firmen mit Fokus auf Automatisierung könnten zwar ins Schema passen, aber für eine neue Position müsste man Kapital von einem anderen Wert abziehen. Wir sind da also sehr wählerisch.
Sie halten aber viele Aktien aus dem Technologiesektor. Und die Schweiz hat in dem Bereich durchaus Marktführer - etwa VAT oder Comet. Warum investieren Sie nicht in diese?
VAT ist ein gutes Beispiel. Das ist ein erstklassiges Unternehmen, aber seine Ausrichtung ist global. Sie liefern Vakuumventile für die weltweite Halbleiterfertigung, statt eine spezifische strukturelle Herausforderung Europas zu lösen. Im Gegensatz dazu hat STMicroelectronics im Grunde ein Monopol bei Chips für die Satellitenindustrie im erdnahen Orbit. Das passt auch viel direkter zu unserem europäischen Themenmandat. Deshalb ziehen wir STM einer VAT vor.
Was sind also Ihre konkreten Kriterien bei der Aktienauswahl?
Die Strategie setzt auf strukturellen Rückenwind aus den drei erwähnten Säulen. Da es sich um jahrzehntelange Trends handelt, halten wir mehrere Gewinner über das gesamte Spektrum hinweg, um das Risiko von Fehlschlägen bei einzelnen Aktien zu reduzieren. Den Makrotrend richtig zu erkennen, aber durch schlechte Umsetzung bei einer Einzelaktie Rendite zu verlieren - das wollen wir aktiv vermeiden. Unser Auswahlprozess bewertet sowohl das gesamte Marktpotenzial als auch die Wettbewerbsposition des Unternehmens in seiner Branche, wofür wir Analysewerkzeuge wie Porters Fünf-Kräfte-Modell nutzen.
Welche Ihrer aktuellen Positionen haben derzeit das grösste Potenzial?
Beim Thema Energie-Resilienz mögen wir Kabelhersteller und Stromnetzbetreiber. Bei der Verteidigung gefällt uns im Grunde fast alles, und bei der Verringerung industrieller Risiken und Automatisierung setzen wir auf Siemens oder Schneider Electric.
Gibt es ein bestimmtes Unternehmen, das Sie gerne aufgenommen oder aufgestockt hätten, wo die Umstände das bisher aber verhindert haben?
ABB.
Ein Schweizer Unternehmen eben doch …
Nun ja, jeder aktive Manager lässt mal Chancen liegen. Ich habe eine Liste mit Dingen, die ich idealerweise tun würde, wenn wir den passenden Anlass dazu bekommen. ABB ist so ein Beispiel, bei dem wir Chancen liegen gelassen haben. Es passt gut zu unseren Strategieparametern. Aber wenn ich die Aktie ins Portfolio hole, muss ich dafür etwas anderes rauswerfen oder bestehende Positionen reduzieren. Eine Neuaufnahme hängt also von mehreren Faktoren ab, die im richtigen Licht stehen müssen, damit es klappt. Bei ABB könnte aber das richtige Licht wahrscheinlich kommen.
Dinge kommen ja oft anders als gedacht. Welche europäischen Länder oder Branchen könnten in den nächsten 12 Monaten überraschen?
Ich denke, Deutschland wird positiv überraschen und wieder als der zentrale Wirtschaftsmotor Europas vorangehen. Deutschland hat in den letzten 15 Jahren eine strikte Haushaltsdisziplin gewahrt und besitzt jetzt den finanziellen Spielraum, um die notwendigen Investitionen in Infrastruktur und Energie zu stemmen. Sie werden uns aus einigen der genannten Abhängigkeiten herausführen müssen, weil sie sozusagen auch am meisten gesündigt haben [schmunzelt]. Deshalb glaube ich nach wie vor daran, dass Deutschland diesen versprochenen Wandel politisch auch liefern wird.
René Møller Petersen betreut bei Nordea als Portfolio Manager die Strategie «Empower Europe». Seine rund 30-jährige Karriere bei verschiedenen Finanzinstituten umfasst ein breites Aufgabenspektrum, das von der globalen Aktienanalyse bis zur Leitung im Bereich der massgeschneiderten Vermögensverwaltung reicht. Er hält einen Master in Wirtschaftswissenschaften der Universität Aarhus.

