Fast fünf Jahrzehnte lang hat Heiko Thieme seine Landsleute dazu aufgefordert, in den Aktienmarkt zu investieren - mit wenig Erfolg. «Früher gab es den Witz, dass es in Deutschland einfacher ist, Steine zu zertrümmern als Aktien zu verkaufen», sagte Thieme, ein ehemaliger Börsenmakler und Fondsmanager, der unter anderem bei der Deutschen Bank und White, Weld & Co. tätig war.
Geld war selten das Problem, da die Deutschen zu den diszipliniertesten Sparern der Welt gehören. Das Problem war die Risikoaversion, die tief in der deutschen Geschichte der Hyperinflation verwurzelt ist und dazu führte, dass die Zahl der Aktionäre nur einen Bruchteil des Niveaus anderer Industrieländer erreichte.
«Ich habe alles gehört», so Thieme. «Die Börse ist ein Casino, das ist nur etwas für Reiche, Trading ist Wegelagerei.» Doch nun, da der deutsche Aktienmarkt seit drei Jahren boomt und 2025 bereits Gewinne von mehr als 20 Prozent verzeichnete, scheint sich das Blatt zu wenden. Seit 2022 haben mehr als 3 Millionen Deutsche begonnen, in Aktien zu investieren. Laut einer BlackRock-Umfrage ist dies der grösste Anstieg in Europa nach Grossbritannien.
Die Zahl der Deutschen, die Aktien besitzen, ist im Vergleich zu vor zehn Jahren um 44 Prozent gestiegen, und das Vermögen in börsengehandelten Fonds (ETFs) ist seit 2017 um schätzungsweise 200 Prozent auf 343 Milliarden Euro geklettert, wie Branchendaten zeigen. Die Rallye selbst ist natürlich ein Grund für das neue Interesse.
«Finfluencer» spielen eine entscheidende Rolle
Aber es steckt noch mehr dahinter: der Einfluss von Hunderten von Social-Media-Influencern und Bloggern, die jungen Menschen vermitteln, dass sie durch die Börse reich werden können. Während «Finfluencer» ein globales Phänomen sind, spielen sie in Deutschland eine entscheidende Rolle dabei, die Denkweise zu ändern.
Seit Langem sind die Deutschen darauf konditioniert, überschüssiges Geld auf extrem sicheren, aber renditeschwachen Bankkonten zu horten. Der 82-jährige Thieme ist selbst zu einem Finfluencer geworden. Er hat 190'000 Follower auf Instagram und sagt, dass er zu seiner eigenen Überraschung einen Wandel in der Anlegerpsychologie spürt. «Wir kommen bei der jüngeren Generation gut an», sagt er.
Für Europas grösste Volkswirtschaft steht viel auf dem Spiel. Gesunde Renditen aus Aktien würden es deutschen Haushalten ermöglichen, ihre Altersvorsorge in den kommenden Jahrzehnten abzusichern - ein zentrales Anliegen in einer schnell alternden Gesellschaft. Darüber hinaus würde ein dynamischer Kapitalmarkt auch zur Lösung eines Problems beitragen, das alle europäischen Länder seit Jahren beschäftigt: der Mangel an risikobereiten Investoren, die bereit sind, vielversprechende Unternehmen zu finanzieren und damit einer seit Langem stagnierenden Wirtschaft einen nachhaltigen Impuls zu geben.
«Die Erschließung des Privatanlegermarktes ist einer der Schlüssel zur Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft», sagte Arun Sai, Senior Multi-Asset-Stratege bei Pictet Asset Management. «Das ist notwendig, um die systemische Lücke bei der Finanzierung von Start-ups und Unternehmen in der Frühphase zu schliessen, und es ist entscheidend, um einen positiven Kreislauf auf dem Kapitalmarkt in Gang zu setzen.»
Ursula Huber, eine 37-Jährige aus München, die in der Bio- Lebensmittelbranche arbeitet, ist eine von denen, die den Sprung gewagt haben. Nach Jahren extrem niedriger Zinsen begann sie, sich für Aktien zu interessieren, inspiriert von «Madame Moneypenny», einer Website, die Frauen dazu ermutigt, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen und sich über die Börse ein Einkommen für den Ruhestand aufzubauen.
Huber hat einen Teil ihrer Ersparnisse in zwei Aktien-ETFs investiert, weil «man mit einem Bankkonto keine vernünftigen Renditen erzielt». Jetzt erwarten sie und ihr Partner Anfang nächsten Jahres ihr erstes Kind und hoffen, ihrem Nachwuchs einen frühen Start als Aktieninvestor zu ermöglichen. «Traditionell legt man in Deutschland, wenn man ein Kind bekommt, etwas auf ein Bankkonto, aber jetzt denke ich, dass ein ETF die beste Option ist. Das ist der Plan», sagte Huber.
Gestiegenes Interesse auch in den sozialen Medien
Das gestiegene Interesse ist auch in den sozialen Medien zu beobachten. Auf Reddit wimmelt es in Foren wie r/Aktien und r/finanzen nur so von Nachrichten zum Thema Geldanlage. Letzteres hat mehr als eine Million Mitglieder, 40 Prozent mehr als vor einem Jahr.
Auch Broker tragen ihren Teil dazu bei, die Begeisterung anzufachen. In der Frankfurter U-Bahn hängen Plakate für Opern, Musicals und Schokolade neben Bildern von relativ neuen Firmen wie N26, die für die Möglichkeit werben, Aktien und Fonds zu kaufen. Trade Republic, eine vor zehn Jahren gegründete Investmentplattform mit Sitz in Berlin, ist mit riesigen Werbetafeln vertreten. Der Online-Broker der Commerzbank, Comdirect, ist besonders aktiv in der Werbung und hat für seine Kampagne Mitglieder des Fussballvereins Borussia Dortmund und zuletzt den Rapper Reezy engagiert.
Sogar die DWS, der fast 70 Jahre alte Vermögensverwalter der Deutschen Bank, steigt in das Spiel ein: Das Unternehmen hat im Juni einen Instagram-Account gestartet. In einem seiner Beiträge erklärt ein Mann angehenden Anlegern den S&P 500 und den Dax-Index, während ein anderer Frauen zum Investieren auffordert, mit der Überschrift: «Ladies, ein Ehemann ist keine Altersvorsorge.»
Trotz der aktuellen Dynamik an den Aktienmärkten fällt es vielen Deutschen schwer, sich von ihrer Bargeldgewohnheit zu lösen. Die Haushalte halten 37 Prozent ihres Vermögens in Banksparverträgen, fast viermal so viel wie in den USA und sieben Prozentpunkte mehr als im benachbarten Frankreich. Im vergangenen Jahr waren nur 20 Prozent der Finanzvermögen der Haushalte in Aktien angelegt, gegenüber 42 Prozent in den USA, wie Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zeigen.
Manuel Koch, ein Journalist, der in den sozialen Medien engagierte Videos zum Thema Aktieninvestitionen veröffentlicht, verweist verzweifelt auf Äusserungen des früheren Finanzministers (und späteren Bundeskanzlers) Olaf Scholz, der einmal erklärte, er besitze keine Aktien und habe sein gesamtes Geld auf einem Bankkonto. «Er war kein gutes Vorbild für die Deutschen», sagte Koch. «Die Leute haben Angst vor dem Markt, sie sehen ihn als Spekulation und bevorzugen weiterhin Bankkonten. Aber ich sage ihnen: ‘Das Bankkonto dieses Jahrhunderts ist Ihr ETF-Plan’.»
Beim Platzen der Dotcom-Blase erlitten Kleinanleger Verluste
Die Zurückhaltung der Deutschen in Investitionsfragen wird oft auf die Hyperinflation im 20. Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg und die wirtschaftlichen Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs zurückgeführt. Das mag zwar weit zurückliegen, doch mehrere Studien, darunter eine oft zitierte wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 2009, kommen zu dem Schluss, dass selbst jahrzehntealte Erfahrungen die Risikobereitschaft älterer Haushalte beeinflussen können.
Es gibt auch aktuellere Gründe für die Zurückhaltung: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als die Dotcom-Blase platzte, erlitten Kleinanleger Verluste durch Aktien der neu privatisierten Deutschen Telekom und durch den Zusammenbruch des Neuen Marktes, einem Segment der Frankfurter Börse für Technologieaktien. In jüngerer Zeit ging das Zahlungsunternehmen Wirecard - das als heimische Fintech-Erfolgsgeschichte galt - 2020 infolge eines Bilanzskandals pleite.
Die Neigung zum Sparen statt zum Anlegen hat Konsequenzen: Laut der Europäischen Zentralbank liegt das durchschnittliche Vermögen der deutschen Haushalte unter dem Medianwert der Eurozone. Diese Lücke ist umso gravierender, als Deutschland wie viele andere Länder eine wachsende Zahl von Rentnern versorgen muss. Das umlagefinanzierte Rentensystem des Landes hängt davon ab, dass die derzeitigen Arbeitnehmer die Leistungen für die derzeitigen Rentner bezahlen, und die Zahl der Rentner pro Arbeitnehmer steigt rapide an.
Laut Bruegel, einer Wirtschaftsforschungsgruppe in Brüssel, wird es bis 2050 in Deutschland fast einen Rentner pro zwei Arbeitnehmer geben. Für Christian Hecker, Mitbegründer von Trade Republic, ist eine Aktienanlagekultur unerlässlich, um die Rentenlücke zu schliessen. Er zieht Parallelen zu den USA, wo 1978 mit der Einführung der beitragsorientierten Altersvorsorgepläne «401k» ein Aktienboom einsetzte.
In Europa ist Schweden das meistzitierte Beispiel, wo durch Rentenreformen dank der Einführung steuerlich begünstigter persönlicher Anlagekonten, sogenannter ISKs, eine Nation von Aktionären entstanden ist. Ähnliche Instrumente gibt es unter anderem in Grossbritannien und Frankreich, und Polen erwägt deren Einführung. In Deutschland gibt es derzeit nichts Vergleichbares.
«Ich denke, dass die Entwicklung wie in Amerika oder Schweden enden wird, wo die meisten Menschen in Aktien investieren», so Hecker. «Mit den richtigen Reformen kann man einen Generationswechsel einleiten, der 20 Jahre dauern dürfte.» Bundeskanzler Friedrich Merz, ein Wirtschaftsanwalt, der im Aufsichtsrat der Deutschen Börse tätig war, gilt als anlagekundiger als sein Vorgänger. Bislang hat er eine umfassende Rentenreform aufgrund von Kontroversen innerhalb seiner Zweiparteienkoalition vermieden, aber er hat die Einführung von Anlagekonten für alle Sechsjährigen ins Gespräch gebracht, bei denen der Staat monatlich 10 Euro für den Kauf von Aktien einzahlt, bis die Begünstigten 18 Jahre alt sind.
«Investiert in Aktien, die Regierung wird euch nicht retten»
Eine Reihe von Brokern und Fondsmanagern, darunter BlackRock, Amundi und Vanguard, forderten Merz und andere Politiker im Juli auf, die Einrichtung privater Rentenkonten zu beschleunigen. Dieser Plan hat jedoch keine Chance, da Merz’ sozialdemokratischer Koalitionspartner ihn ablehnt. Viele deutsche Privatanleger verfolgen die Debatte aufmerksam und sind besorgt.
«Alle Politiker erzählen uns, unsere Rente sei sicher», sagt Michael Domke, 40, IT-Mitarbeiter bei einem Rundfunkunternehmen in München. «Aber diejenigen von uns, die in ETFs investieren, wissen, dass sie lügen, dass sich die Balken biegen.» Er begann während der Pandemie, sich mit dem Markt zu beschäftigen, und kaufte kürzlich Anteile eines Fonds, der den paneuropäischen Stoxx 600 Index nachbildet. Er habe mit seinen Eltern über Anlagen gesprochen und werde seiner Mutter möglicherweise dabei helfen, ein Konto für den Kauf eines ETF zu eröffnen, so Domke.
«Ich gehe nicht hausieren, um den Leuten zu sagen, sie sollen investieren, aber wenn das Thema Renten aufkommt, sage ich meinen Freunden: ‘Investiert in Aktien, die Regierung wird euch nicht retten’.»
Die zunehmende Beliebtheit von Aktien in Deutschland ist jedoch mit einer wichtigen Einschränkung verbunden: Derzeit fließt ein Grossteil des Geldes noch in US-Aktien, insbesondere in die größten Technologieunternehmen. Von den zehn Aktien, die deutsche Kunden von eToro im ersten Halbjahr 2025 am häufigsten hielten, waren neun amerikanische Titel, darunter Nvidia, Tesla und Microsoft. Der einzige deutsche Wert in dieser Liste war laut Angaben des Brokers der Rüstungskonzern Rheinmetall.
Das könnte sich ändern. Deutsche Aktien sind in diesem Jahr eines der heissesten Themen an den globalen Märkten. Der Dax liegt weit vor dem S&P 500, gestützt durch die Pläne der Regierung für massive Konjunkturausgaben in den Bereichen Verteidigung und Infrastruktur. Das weckt das Interesse der Anleger an Militärunternehmen wie Rheinmetall, Renk und Hensoldt, die Renditen ähnlich wie amerikanische Technologiewerte erzielen.
Diese Verschiebung zeigt sich auch in den Fondsströmen: Laut DWS ist das Gesamtvermögen eines globalen börsengehandelten Fonds, der die USA ausschliesst, auf 3,5 Milliarden Dollar angestiegen, verglichen mit 4 Millionen Dollar bei seiner Auflegung im März 2024.
Für Joachim Klement, Stratege bei Panmure Liberum, ist derzeit vor allem die allgemeine Verlagerung hin zu Anlagen wichtig, die letztlich die lokalen Märkte und die Handelsliquidität ankurbeln dürfte. Er hofft, dass es diesmal anders laufen wird als Ende der 1990er Jahre, als die Deutschen von der Dotcom-Saga zu Aktien gelockt wurden - und dann auf die Nase fielen. «Es hängt davon ab, ob sich die Anleger in den nächsten Jahren erneut bei einem grossen Crash die Finger verbrennen», sagte Klement. «Anders als Ende der 90er Jahre befinden wir uns nicht in einer Blase, was bedeutet, dass wir uns nicht so viel die Finger verbrennen werden. Solange das der Fall ist, bin ich optimistisch.»
(Bloomberg)