In den USA wird in 26 Tagen gewählt. Am 3. November bestimmen die amerikanischen Wähler ihren neuen Präsidenten und die Machtverteilung im US-Kongress. Gemäss der US-Nachrichtenwebseite FiveThirtyEight wird der demokratische Präsidentschaftsanwärter Joe Biden dabei aktuell mit einer 82-prozentigen Wahrscheinlichkeit der neue Machthaber im Weissen Haus.

Was bei der medialen Konzentration auf das Präsidentschaftsamt untergeht, auch der US-Kongress könnte durchgehend demokratisch werden – Repräsentantenhaus und Senat. Im Durchschnitt geben 49,2 Prozent der befragten Amerikaner an, im November demokratisch zu wählen. Die Republikaner kommen hingegen nur auf 42,7 Prozent.

Für das Repräsentantenhaus bedeutet dies, dass die Demokraten mit hoher Wahrscheinlichkeit die Mehrheit behalten werden - alles andere wäre eine Sensation. Im Senat ist die Ausgangslage nicht so eindeutig. Doch im Angesicht, dass die Republikaner aktuell nur 53 der 100 Sitze innehaben und insgesamt 35 Sitze zur Wahl stehen – davon sind momentan 23 in den Händen der Republikaner -, könnte die republikanische Dominanz im Senat tatsächlich enden.

Demokratischer Untersuchungsbericht birgt Brisanz

Der mögliche Ausgang mit einem durchgehend demokratischen US-Kongress und einem demokratischen Präsidenten - eine sogenannte "Blue Wave", denn mit der Partei wird traditionell die Farbe blau assoziiert - bekommt für Anleger weltweit seit Dienstag eine neue Brisanz. Denn im US-Kongress brauen sich unter demokratischer Führung Pläne zusammen, die Tech-Konzerne zu einem faireren Wettbewerb zu zwingen.

In einem 450-Seiten langen Untersuchungsbericht schildert die demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus, was ihre Schlussfolgerungen aus einer zuvor durchgeführten Untersuchung in die grossen Tech-Konzerne sind. Die Vorschläge des Unterausschusses könnten die Grundlage für neue gesetzliche Regelungen bilden. cash.ch präsentiert die weitreichendsten Vorschläge:

  • Der Bericht schlägt eine strukturelle Separierung der Tech-Konzerne vor. Damit sollen dominante digitale Plattformen nicht in zusätzliche, benachbarte Plattformen einsteigen können. In der Konsequenz heisst dies, dass eine Zerschlagung der Tech-Konzerne drohen könnte - Stichwort Desinvestition. Ein mögliches Szenario bestünde darin, dass Google sich aus Youtube zurückzuzieht oder Facebook aus WhatsApp.
  • Eine zweite weitreichende Schlussfolgerung sieht vor, dass die Kartellbehörden grundsätzlich von einer Wettbewerbsverzerrung ausgehen müssen, wenn sich dominante digitale Plattformen zusammenschliessen. Die Beweislast, dass dies nicht so ist, wird auf die Tech-Konzerne abgeschoben. Zukünftige Übernahmen und Fusionen würden so stark erschwert werden.
  • Die dritte weitreichende Schlussfolgerung sieht vor, dass dominante Plattformen ihre eigenen Produkte und Dienstleistungen nicht bevorzugen dürfen. Mehr noch: Dominierende Tech-Konzerne müssen ihre Produkte und Dienstleistungen mit denen von Wettbewerbern kompatibel machen und den Usern erlauben ihre eigenen Daten zwischen den Anbietern zu transferieren.

Klar, diese Vorschläge entspringen der Handschrift der Demokraten. Doch sollten sich Anleger nicht darauf verlassen, dass die Republikaner bei einem Sieg im Senat die Tech-Konzerne weiterhin einfach gewähren lassen. Der Bericht bekam Repräsentantenhaus einerseits den Support von fünf Republikanern, andererseits bereitet die Partei von Lincoln selbst einen eigenen Bericht vor, wie mit den Big Tech umzugehen sei.

Demokraten haben vier Tech-Konzerne im Visier

Der Bericht der Demokraten bleibt aber nicht in einer allgemeinen Sprache. Die Abgeordneten benennen auch gleich vier amerikanische Technologiekonzerne, die ein Monopol in ihren Domänen innehaben:

  • Facebook: Das Unternehmen mit den gleichnamigen sozialen Netzwerk hat gemäss dem Bericht eine Monopolstellung in der Onlinewerbung und im Markt der sozialen Netzwerke. Dabei kommt im Bericht hauptsächlich der Aufkauf von Instagram zur Sprache. Der Kauf habe darauf abgezielt einen realen Konkurrenten zu eliminieren. Der Bericht stützt sich dabei auf ein Zitat eines ehemaligen hochrangigen Instagram-Mitarbeiter. Dieser teilte dem Kongress mit, dass Facebook-Chef Mark Zuckerberg nach der Übernahme "brutale Machtkämpfe zwischen Instagram und Facebook" beobachtet habe. Dabei habe Zuckerberg das natürliche Wachstum von Instagram zugunsten von Facebook selbst verlangsamt.
  • Amazon: Der Bericht wirft dem Online-Händler vor eine Monopolstellung gegenüber den Drittanbieter auf Amazon und den eigenen Zulieferern zu verfügen. Der Marktanteil im Onlinehandel läge vermutlich eher bei über 50 Prozent und nicht wie allgemein berichtet bei 40 Prozent. Zudem werfen die Abgeordneten Amazon vor, das Unternehmen verwende ungerechtfertigterweise Daten und Informationen von den Drittanbietern auf dem Amazon Marketplace. Diese Daten würden von Amazon dazu benutzt, um das eigene Handelsgeschäft zu stärken.
  • Apple: Die Monopolstellung von Apple liegt im Markt für Softwaredistribution für Geräte mit dem iOS-Betriebssystem. Der Bericht wirft Apple vor, ihre Marktposition gegenüber App-Entwicklern auszunutzen. Apple wird auch beschuldigt, den Musikdienst Apple Music gegenüber anderen Streaming-Anbietern wie Spotify zu bevorzugen. Ausserdem müssten die Wettbewerber einen Teil ihres Umsatzes an den direkten Konkurrenten Apple abgeben.
  • Google: Das Tochterunternehmen von Alphabet hat ein Monopol in der Onlinesuche und dem Werbemarkt, der mit der Onlinesuche verbunden ist. Der Bericht wirft dem Giganten vor, ein Ökosystem von verschiedenen Monopolen zu betreiben und Nutzerdaten für den Erhalt der eigenen Dominanz zu verwenden.

Korrekturrisiko bleibt bestehen

Unternehmen, die einst selbst Start-ups gewesen seien, "haben sich in die Art von Monopolen verwandelt, wie wir sie zuletzt in der Ära der Öl-Barone und Eisenbahn-Magnaten gesehen haben", heisst es in dem Bericht. "Diese Firmen haben zu viel Macht" - und diese Macht müsse eingeschränkt und einer angemessenen Aufsicht unterworfen werden.

Diese Ansage verfehlte seine Wirkung an den Börsen nicht. Die Aktien von Amazon verloren am Dienstag 3,1 Prozent, Alphabet 2,2 Prozent, Apple 2,9 Prozent und Facebook 2,3 Prozent. Der Technologieindex Nasdaq gab am Dienstag 1,6 Prozent nach.

Die von Bloomberg befragten Analysten geben sich aktuell zwar noch sehr "bullish" gegenüber den genannten Tech-Titeln. Sie sehen gar bei jedem ein grosses Aufwärtspotenzial: 12 Prozent bei Facebook, 19,7 Prozent bei Amazon, 6,6 Prozent bei Apple und 21,4 Prozent bei Alphabet. Es wird sich in den kommenden Wochen jedoch zeigen, ob sich Kurszieländerungen aufgrund des neuen Risikos ergeben.

Klar, eine Zerschlagung der Tech-Konzerne wäre eine radikale Massnahme und auch bei einem durchgehend demokratischen US-Kongress nicht garantiert. Trotzdem könnten Änderungen im Kartellrecht in Kraft treten, was die Wachstumsaussichten der Technologiekonzerne mindern würde. Und rein die Diskussion in den Medien wird in den kommenden Wochen auf den Titeln lasten. 

Daher ist im Moment beim Kauf der genannten Tech-Konzerne grosse Vorsicht angebracht - befinden sich die Aktien doch schon jetzt auf einem sehr luftigem Niveau. Und wer das Risiko durch Gewinnmitnahmen reduzieren will, macht sicherlich nichts falsch.