Der Iran-Krieg und seine Folgen für die Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks werden in der neuen ‌Woche die ⁠SMI- und Dax-Richtung vorgeben. Angesichts der noch nicht absehbaren Folgen des Ölpreisschocks dürfte die US-Notenbank bei ihrer mit Spannung erwarteten Ratssitzung Börsianern zufolge eine weitere Zinspause einlegen. Auch die Europäische Zentralbank könnte noch ⁠abwarten und mögliche Zinserhöhungen im Kampf gegen die Inflation hinauszögern. Die nächste Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank steht erst im Juni an.

«Die Lage am Golf bleibt angespannt, der Konflikt gerät zur Hängepartie. Wie schnell ein Ausweg gefunden wird, lässt sich kaum abschätzen», fasst LBBW-Stratege Uwe Streich zusammen. ‌In der alten Woche kam der Dax auf einen Verlust von rund zwei Prozent bei einem Stand per Freitagnachmittag von knapp über ‌24'200 Punkten. Am hiesigen Aktienmarkt ging es mit dem Swiss Market Index (SMI) im Wochenvergleich um 1,9 Prozent nach unten. Der Verlust wäre allerdings noch etwas höher ausgefallen, wenn die Titel von Nestlé nicht um 2,7 Prozent zugelegt hätten.

Der Nahe Osten und die Erdölpreise bleiben auch in der kommenden, verkürzten Börsenwoche im Fokus der Anleger. Die Schweizer Börse bleibt am Freitag, den 1. Mai, aufgrund eines Feiertages geschlossen. «Mit jedem Tag, erst recht mit jeder Woche, in der die Versorgung mit ​Öl, Gas, Helium, Harnstoff et cetera weiter stockt, steigen die negativen Folgen für Konjunktur und Preise», sagt Streich.

Solange die Seeblockade in der Strasse von Hormus bestehen bleibt, werden die Ölpreise Experten zufolge aus dem Ruder laufen und die Inflationssorgen zunehmen. Die USA ringen um die Kontrolle der Meerenge, über die vor dem Krieg etwa ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion transportiert wurde. Öl kostet weiter mehr als 100 Dollar je Fass: Im Wochenvergleich verteuerte sich die Nordseesorte Brent um 18 Prozent und US-Leichtöl WTI um 16 Prozent - der ‌zweitgrösste Zuwachs seit Kriegsbeginn. «Eine Deeskalation ist nicht in Sicht», sagt Tamas Varga vom Ölmakler PVM.

Zentralbanken dürften die Pausetaste weiter gedrückt halten

An den Finanzmärkten haben sich die Zinssenkungsfantasien für dieses Jahr angesichts der Unsicherheiten verflüchtigt. Experten erwarten, dass die Federal Reserve (Fed) den Leitzins am kommenden Mittwoch in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent halten wird. «Die US-Geldpolitiker werden wohl angesichts der Unsicherheiten um den ​Irankonflikt auf der anstehenden Sitzung weder den Leitzins ändern noch klare Signale über ihre zukünftigen Schritte senden. Neue Projektionen wird es dieses Mal turnusgemäss ​nicht geben», sagt Helaba-Strategin Claudia Windt. Es dürfte die letzte Sitzung unter Fed-Chef Jerome Powell sein, wenn bei ​seiner Ablösung alles termingerecht läuft.

Die EZB zeigt sich entschlossener als ihre US-Kollegen, die Inflation einzudämmen. Die deutlich über das EZB-Ziel von zwei Prozent hinausgeschossene Teuerung führte zu Spekulationen auf mehr als zwei Zinserhöhungen in diesem ‌Jahr. Am Donnerstag dürften die Währungshüter um Chefin Christine Lagarde nach Meinung der meisten Analysten aber zunächst stillhalten und erst im Juni die Zinsen anheben. Damit wollen die Zentralbanker verhindern, dass ein durch den Krieg ausgelöster Energieschock die Wirtschaft der Eurozone aus dem Gleichgewicht bringt.

«Die EZB wird versuchen, eine Wiederholung der Ereignisse von 2011 zu vermeiden. Sie braucht Klarheit darüber, dass sie ​Zinserhöhungen nicht sofort ​wieder rückgängig machen muss. Das ist ein Grund, im Juni statt im April zu handeln», ⁠sagt Ruben Segura-Cayuela, Leiter Research Europe bei der Bank of America. 2011 wurden die Zinsen innerhalb von ​vier Monaten zweimal erhöht, während die Rohstoffpreise ⁠stiegen, was die Schuldenkrise der Eurozone verschärfte. Die Bank of Japan wird am Dienstag über die Zinsen entscheiden, auch dort erwarten Experten keine Veränderung.

Flut von Marktdaten und Bilanzen

Die Auswirkungen des ‌Krieges auf die Konjunktur stehen weiter im Mittelpunkt: Zum Start der wegen des Maifeiertages um einen Tag verkürzten Handelswoche steht das GFK-Konsumklima an. Am Dienstag veröffentlicht die EZB ihren Bank Lending Survey und das Conference Board präsentiert die April-Zahlen zum US-Konsumentenvertrauen.

Im Fokus stehen zudem die Inflationsdaten aus Deutschland am Mittwoch und ‌die aus der Eurozone am Donnerstag. Auch die vorläufigen Schätzungen für das Wirtschaftswachstum im Euroraum und in den USA im ersten Quartal werden ​am Donnerstag veröffentlicht.

Unterdessen läuft die Bilanzsaison auf Hochtouren: Während es am Montag ruhig bleibt, legen Bucher, Idorsia und Novartis am Dienstag das Ergebnis für das erste Quartal vor. Santhera präsentiert die Zahlen für 2025 und SIG macht eine Aussage zum ersten Quartal.

Am Mittwoch ist die Reihe an der UBS, Sandoz, Straumann und Amrize mit den Erstquartalszahlen. Darauf folgt am Donnerstag Oerlikon mit einem Trading-Update zum ersten Quartal und Leclanché mit dem Ergebnis für das abgelaufene Geschäftsjahr.

Spannend wird es in den USA am Mittwoch nach US-Handelsschluss, wenn mit Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft gleich vier der wichtigsten Börsenschwergewichte ihre Berichte vorlegen. Einen Tag später wird Apple seine Bücher öffnen.

In Deutschland stehen im Wochenverlauf unter anderem die Bilanzen von Deutsche Börse, Adidas, Mercedes-Benz und Deutsche Bank an. «Angesichts der derzeit besonders herausfordernden Situation sollten die Ausblicke von höherer ‌Bedeutung für die künftige Kursentwicklung sein als die Zahlen ​selbst», sagt LBBW-Experte Streich.

(Reuters/cash)