Eine Reihe chinesischer Hersteller planen den Eintritt am europäischen Nutzfahrzeugmarkt und wollen dort die Dominanz von Platzhirschen wie Daimler, Volvo den Volkswagen-Marken MAN und Scania oder Iveco brechen. Ihr Ansatz: Sie wollen ihre Elektrofahrzeuge 30 Prozent unter dem derzeitigen europäischen Durchschnittspreis von 320.000 Euro anbieten, wie mehrere chinesische und europäische Manager sagten. Sie dürften dabei davon profitieren, dass emissionsfreie Nutzfahrzeuge in China bereits heute auf einen Marktanteil von 29 Prozent kommen - verglichen mit 4,2 Prozent in Europa.
Einer der Angreifer ist Windrose. Das Startup wurde erst 2022 gegründet und tritt weltweit mit einem einzigen Modell an, dem Global E700. Windrose «hat nur genug Geld für einen Lastwagen», sagte Gründer Wen Han. Die Entwicklungskosten liegen Han zufolge bei gerade einmal 99 Millionen Euro, das Fahrzeug selbst soll 250.000 Euro kosten. Einer der Trucks soll an den belgischen Logistiker Gilbert de Clercq gehen. Er habe ihn bestellt, weil ihn das Preis-Leistungs-Verhältnis angesprochen habe, sagte Filip de Clercq: Die Reichweite wird mit 670 Kilometern angegeben, die Ladezeit mit 35 Minuten, das ist mehr als doppelt so schnell wie bei vielen aktuell verfügbaren europäischen Lastwagen. «Der Wettbewerbsvorteil von China ist, dass sie Europa bei der Technologie drei Jahre voraus sind», sagte er.
Auch andere chinesische Hersteller setzen auf eine Fertigung in Europa. So baut BYD seine Lastwagen im eigenen Werk in Ungarn. Das Startup SuperPanther, das von Xiaomi unterstützt wird, lässt seine Fahrzeuge im ehemaligen MAN-Werk in Steyr in Österreich montieren. «Wenn unsere Lastwagen in Europa zusammengebaut werden, ist das ein sehr gutes Verkaufsargument», sagte SuperPanther-Vertriebschef Frank Schulz. Um die Sorgen der europäischen Flottenbetreiber zu lindern, vereinbarte das Unternehmen zudem eine Zusammenarbeit mit dem Werkstättenbetreiber Alltrucks, einem Gemeinschaftsunternehmen von Knorr-Bremse und Bosch.
Bislang sind viele Logistiker den etablierten Marken treu, wovon Hersteller wie Daimler oder MAN profitierten. Doch zugleich haben sie ihre Kosten genau im Blick, und die Unternehmen spüren den Druck. Noch blieben ein oder zwei Jahre Zeit, sagte Chris Heron, Generalsekretär des Branchenverbandes E-Mobility Europe. «Oder die Chinesen machen uns fertig.» Um dem zuvorzukommen, drückt etwa MAN auf die Kosten und verlagert Teile der Produktion von München in sein polnisches Werk in Krakau, begründet mit der Konkurrenz aus China. Die chinesischen Konkurrenten seien «schnell, innovativ und entschlossen», sagte Volvo-Chef Martin Lundstedt. «Das Rennen läuft.»
Mehr Unterstützung gefordert
Hinter den Kulissen drängen Lobbygruppen wie E-Mobility oder der Auto-Branchenverband ACEA die Europäische Kommission dazu, die Nachfrage nach Elektro-Lastwagen anzukurbeln, bevor die chinesischen Anbieter Fuss fassen. Dabei geht es um Themen wie Autobahnmaut oder CO2-Vorgaben für Flottenbetreiber. «Wir brauchen ein deutlich höheres Tempo bei der Einführung von Nullemissions-Fahrzeugen in Europa», sagte Thomas Fabian, beim ACEA zuständig für Nutzfahrzeuge.
Im Dezember hatte die EU-Kommission vorgeschlagen, die CO2-Vorgaben für Nutzfahrzeugbauer zu lockern und die Nachfrage nach den Fahrzeugen anzukurbeln. Dass das Interesse gross ist, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden. Dort hat die Regierung im Januar ein Subventionspaket mit einem Volumen von 95 Millionen Euro aufgelegt, das nach einem einzigen Tag ausgeschöpft war. «Das zeigt, dass es auch um den Preis geht», sagte Stef Cornelis, bei der Lobbygruppe Transport & Environment zuständig für Nutzfahrzeuge.
Scania setzt zudem auf Hilfe aus China. Der schwedische Lkw-Hersteller hat zwei Milliarden Euro in ein Werk in der Volksrepublik investiert, in dem zunächst Diesel-Lastwagen und später Elektrofahrzeuge gebaut werden sollen. Um im Wettbewerb zu bestehen, wurden chinesische Entwickler eingestellt. Scania-Chef Christian Levin sagte bei einer Tour durch die Elektro-Lastwagenfertigung im Werk in Södertälje bei Stockholm, es sei der grösste Vorteil der chinesischen Hersteller, von einer Innovation schnell zu industrieller Fertigung zu kommen. «Das ist etwas, was wir in Europa lernen müssen.»
(Reuters)

