Das erste Halbjahr 2026 am Schweizer Aktienmarkt war geprägt von einer Seitwärtsbewegung mit einer grossen Schwankungsbreite. Der Swiss Market Index (SMI) notiert netto rund 0,8 Prozent höher als noch zum Jahresbeginn, während der marktbreite Swiss Performance Index (SPI) - um Dividenden bereinigt - etwa 0,1 Prozent zugelegt hat. Zwischenzeitlich haben die beiden Indizes über 6 Prozent zugelegt und fast 14 Prozent verloren. 

Im internationalen Vergleich fällt das Kursplus der Schweizer Indizes bescheiden aus: Der US-Leitindex S&P 500 avanciert rund 7 Prozent, der Nikkei 225 sogar über 23 Prozent und selbst der europäische Stoxx 600 kann 2,8 Prozent zulegen.

Insbesondere ABB und Swisscom stachen in der ersten Jahreshälfte hervor. Mit Kursgewinnen von rund 34 beziehungsweise 13 Prozent zeigten sich beide Titel weitgehend immun gegenüber geopolitischen Spannungen, etwa dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Beim Geschäftsmodell von Swisscom dürfte dies offensichtlich sein, doch auch ABB wurde laut CEO Morten Wierod bislang nicht wirklich vom Konflikt im Nahen Osten getroffen. Nachdem auch die im Vorjahr eingeführten US-Zölle bislang einen geringen Einfluss hätten, ist es nachvollziehbar, dass Anlegerinnen und Anleger solche Unternehmen aktuell bevorzugen.

Alte Bekannte: KI als Treiber und Zinsen als Schlüssel

Mit Blick auf die zweite Jahreshälfte stellt sich nun die Frage, ob sich dieses Muster fortsetzt oder ob sich die Kräfteverhältnisse verschieben. Zwar müssen sich die Gewinner und Verlierer der ersten Monate nicht zwangsläufig wiederholen, doch die zentralen Treiber dürften weitgehend die gleichen bleiben: KI, Zinsen und Inflation. Neue Faktoren wie ein neuer Fed-Chef, ein potenzieller vorzeitiger Rücktritt von EZB-Präsidentin Christine Lagarde sowie die Midterm-Wahlen in den USA im Herbst dürften indes zu neuen, unerwarteten Wendungen führen.

Die künstliche Intelligenz wird auch im zweiten Semester das Börsengeschehen bestimmen - im Guten wie auch im Schlechten. Laut UBS-Daten haben Large Caps in den vergangenen zwölf Monaten die Small Caps um mindestens 15 Prozentpunkte outperformt. Besonders interessant: Bis auf die Sektoren Kommunikation und Technologie - die Heimat der KI-Megacaps - notieren die allermeisten Sektoren im Minus. Auf Zweimonatssicht sinken sogar Energie- und Rohstoff-Aktien deutlich. Sie hatten jüngst enorm vom Öl- oder Goldpreisanstieg profitiert.

Wie lange diese Dynamik aufrechterhalten werden kann, ist einzig und allein abhängig von den Leitzinsen. Das Platzen der Dotcom-Blase innerhalb von 12 Monaten nach den ersten Zinserhöhungen in den USA war ebenso wenig ein Zufall wie der Kollaps des Subprime-Hypothekenmarkts 2007, dem ebenfalls Zinsanhebungen vorausgingen. Beide Male waren starkes Wirtschaftswachstum und steigende Energiepreise die Vorläufer.

Einen ersten Vorgeschmack einer möglichen Trendwende erhielten Anlegerinnen und Anleger am vergangenen Freitag, als KI‑Aktien deutlich korrigiert und die internationalen Börsen unter Druck gesetzt haben. Der Nasdaq 100 verlor etwa 4,8 Prozent - der grösste Tagesverlust seit dem «Liberation Day» vor über einem Jahr.

Daher wird das Thema Zinsen weiterhin im Mittelpunkt stehen. Wie gut wird der neue Fed-Chef Kevin Warsh die Unabhängigkeit der US-Notenbank vom Finanzministerium verteidigen wollen? Die potenziellen Folgen könnten fatal sein.

Doch selbst unabhängig von der Warsh-Frage wirken die Zinsfuturesmärkte etwas selbstgefällig: Die ersten Zinserhöhungen in den USA werden erst für Ende Januar 2027 erwartet. Doch das Renditeniveau der zweijährigen US-Treasuries - ein verlässlicher Vorlaufindikator für die Leitzinsen - liegt bereits etwa zwei Zinserhöhungen höher.

Frankenstärke: Der entscheidende Faktor für die SNB?

In der Schweiz wird mit einer ersten Zinserhöhung erst gegen Ende 2027 gerechnet. Thomas Stucki, Anlagechef der St.Galler Kantonalbank und SNB-Experte, betont, dass die Schweizer Nationalbank im heutigen Umfeld nicht automatisch den Zinsentscheiden der EZB folgen muss. 

Dennoch könnten Leitzinsanpassungen auch hierzulande früher eintreten als bisher angenommen. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) hatte im April 2026 wegen der anhaltend hohen Energiekosten eine Zinserhöhung für die Sitzung am 11. Juni signalisiert, dämpfte aber gleichzeitig die Erwartungen an eine zweite Anhebung. EZB-Direktorin Isabel Schnabel bestätigte kürzlich jedoch, dass das Basisszenario zwei Zinserhöhungen für 2026 vorsieht. Inwiefern sich das Gerücht über den frühzeitigen Rücktritt von Christine Lagarde aus dem EZB-Präsidium als richtig erweist und sich auf die künftige Zinsentwicklung auswirkt, darf ebenfalls mit Spannung verfolgt werden.

Letztlich könnte jedoch die Frankenstärke oder -schwäche den genauen Zeitpunkt einer SNB-Zinsanpassung bestimmen. Ähnlich wie nach der Covid-19-Pandemie könnte ein starker Franken den Inflationsdruck aus dem Ausland abschwächen - und umgekehrt.

Nachdem das Franken-Euro-Paar im März auf ein Rekordtief bei 90 Rappen gefallen war, gehen die meisten Expertinnen und Experten heute nicht mehr davon aus, dass dieses Level in Kürze wieder erreicht wird. Vielmehr erwartet der Konsens bis Jahresende einen Wechselkurs von 92 Rappen. Dies dürfte nicht nur den starken Franken abschwächen, sondern auch die Inflation in der Schweiz leicht ansteigen lassen. In Kombination mit den Zinserhöhungen in der Eurozone würde zudem die Wahrscheinlichkeit wachsen, dass die SNB ihrerseits die Zinsen anhebt muss.

SMI-Kursziele: Zwischen Verunsicherung und durchschnittlichem Wachstum

Wer konkrete Antworten in Form von Kurszielen für das zweite Halbjahr sucht, stösst auf zwei Welten: eine von Verunsicherung geprägte Top-Down-Perspektive und eine Bottom-up-Analyse, die unspektakuläre, aber stabile Wachstumsraten prognostiziert – trotz der mutmasslich revolutionären Auswirkungen der künstlichen Intelligenz. In den Worten von UBS-Manager Iqbal Khan handelt es sich bei KI um «eine der grössten Transformationen, die wir erleben», angetrieben vor allem durch Effizienzgewinne. Weshalb jedoch gleichzeitig die Unsicherheit hoch bleibt und nur moderates Wachstum erwartet wird, bleibt weitgehend unbeantwortet.

In ihrem Top-Down-Ausblick für Schweizer Aktien skizziert beispielsweise die UBS zwei Szenarien: Im positiven Fall vermeidet die Weltwirtschaft einen Abschwung, und Europa könnte gegen Ende 2026 leicht an Fahrt aufnehmen. Mit einem Ende der Dollar-Schwäche wäre dann ein Gewinnwachstum in der Schweiz von hoch einstelligen Prozentwerten in den Jahren 2026 und 2027 möglich. Verliert die Wirtschaft jedoch an Tempo, gehöre die Schweiz - aufgrund ihrer starken internationalen Verflechtung und der starken Währung - zu den grössten Verlierern. 

Die SMI-Kursziele der UBS liegen im optimistischen Szenario bei 15’000 Punkten, im pessimistischen bei 10’500 Punkten. Eine derart grosse Bandbreite von rund 50 Prozent spricht eher für Unsicherheit als für klare Überzeugungen. Auch andere Finanzinstitute liefern kein einheitliches Bild: HSBC und die Deutsche Bank sehen den Index bei 14’270 respektive 14’100 Punkten, während die Société Générale lediglich 12’500 Punkte bis Jahresende erwartet.

Die Bottom-Up-Analyse ergibt dagegen ein einheitlicheres Bild - wenn auch mit anderen Fragezeichen. Laut Bloomberg-Daten liegt das aggregierte Kursziel für den SMI, basierend auf Analystenschätzungen zu den im Index enthaltenen Unternehmen, bei 14’438 Punkten, für den SPI bei 20’560 Punkten. Daraus ergibt sich auf dem aktuellen Niveau ein moderates Aufwärtspotenzial von rund acht bis neun Prozent.

Kann der Schweizer Markt überraschen?

Diese Zurückhaltung erstaunt, zumal sich viele Experten einig sind, dass wir uns in einer Phase aussergewöhnlicher Effizienzgewinne befinden – zumindest mit Blick auf die Kursentwicklung der grossen KI-Unternehmen. Umso mehr stellt sich die Frage, weshalb diese Dynamik nicht stärker auf deren Kunden – und damit auf die breite Wirtschaft – durchschlagen sollte.

Die Gewinnerwartungen bleiben jedenfalls verhalten: Für den SMI rechnet Bloomberg mit einem Gewinnwachstum von rund drei Prozent im kommenden Jahr und acht Prozent im Folgejahr, während die UBS von acht respektive fünf Prozent ausgeht. Verglichen mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von etwa neun Prozent in den vergangenen 17 Jahren wirken diese Prognosen - trotz des KI-Hypes - erstaunlich bescheiden.

Doch möglicherweise liegt genau darin die Chance. Der Schweizer Aktienmarkt ist zwar nicht günstig bewertet, doch spiegeln die Preise derzeit eher moderate Wachstumsannahmen wider. Sollten Unternehmen im zweiten Halbjahr positiv überraschen - so wie es beispielsweise ABB in der ersten Jahreshälfte gelungen ist - könnte sich dieses vorsichtige Bild rasch aufhellen. In diesem Fall hätte der Schweizer Markt durchaus Potenzial, sich im internationalen Vergleich wieder nach vorne zu arbeiten. Die Ausgangslage ist jedenfalls geschaffen - die Antwort wird die zweite Jahreshälfte liefern.

Luca_Niederkofler
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