Die günstigste Aktie der Schweiz in diesem Jahr ist die Online-Apotheke DocMorris, dies gemessen an klassischen Kennzahlen wie Unternehmenswert zum Umsatz. Hier liegt die Bewertung bei 0,4. Zum Vergleich: Die meisten SMI-Titel handeln zwischen einem Wert von 3 und 5.
Trotz Wachstumspotenzial zählten die Papiere bis in die jüngere Vergangenheit zu den Schlechtesten am Markt. Die Aktien lagen Ende 2021 noch bei 430 Franken. Es folgte ein jahrelanger Absturz bis auf rund 4 Franken im März dieses Jahres.
Doch seither scheint sich das Blatt zu wenden: Die Aktien notieren zeitweise 90 Prozent höher als auf ihrem Tiefstand. Anlegerinnen und Anleger fragen sich nun zu Recht: Handelt es sich hier um eine nachhaltige Wende - oder nur um eine kurzfristige Stimmungsverbesserung, während die fundamentalen Probleme, die der Markt ursprünglich eingepreist hatte, weiter bestehen?
Eine tiefe Bewertung allein ist kein verlässliches Kaufargument. Entscheidend ist vielmehr, ob die fundamentalen Voraussetzungen für eine nachhaltige Verbesserung vorhanden sind. Das zeigen cash-Artikel zu den «billigsten Schweizer Aktien» in den letzten zwei Jahren.
Hochdorf - die billigste Aktie aus dem Jahr 2024 - ist von der Börse verschwunden. Schon damals war dies absehbar: Die damalige Schuldensituation machte das Unternehmen grösstenteils handlungsunfähig und konnte schliesslich nicht behoben werden. Nachdem das operative Geschäft zerschlagen worden war, übernahm Centiel im April 2026 die leere Börsenhülle.
Bei Orior sah die Lage besser aus. Der Nahrungsmittelkonzern war vergangenes Jahr die billigste Aktie der Schweiz. Ein umfassendes Restrukturierungspaket zeigt nun erste Ergebnisse. Die Reaktion: Seit der Veröffentlichung der jüngsten Zahlen von Ende März sind die Titel zeitweise um 40 Prozent angestiegen.
Ein altbekanntes Sorgenkind
Im laufenden Jahr ist nun DocMorris der preiswerteste Titel an der Schweizer Börse. Über die letzten zwölf Monate betrachtet resultiert ein Minus von etwa einem Drittel, auf fünf Jahre sogar ein Verlust von über 95 Prozent.
Die Ursachen für den langfristigen Rückgang waren mehrfach: ein hinter der Konkurrenz zurückbleibendes Wachstum und eine Verschlechterung der ohnehin schon niedrigen Margen. Hinzu kamen mehrere Kapitalerhöhungen, die das Vertrauen der Investoren zusätzlich belasteten.
Die Gründe für den jüngsten Kurssprung sind dagegen die veröffentlichten Quartalszahlen im April und eine sich merklich verbessernde Anlegerstimmung. So lagen die zuletzt veröffentlichten Umsatzzahlen über den Erwartungen, und das Management bestätigte seine Ziele in Bezug auf die operative Gewinnschwelle und den Cashflow. Diese Signale haben die Hoffnung genährt, dass das Unternehmen die lange angestrebte Gewinnschwelle zeitnah erreichen könnte. Steht das Unternehmen nun endlich an einem Wendepunkt? Vielleicht. Allerdings mahnt die Vergangenheit zur Vorsicht.
Optimistische Erwartungshaltung
Über Jahre hinweg hat DocMorris wiederholt zu optimistische Erwartungen geweckt, die anschliessend nicht erfüllt werden konnten. Auf Umsatzebene lag das tatsächliche Ergebnis seit 2021 konstant unter den Prognosen, auf Gewinnebene hat der Konzern seit neun Jahren durchgehend enttäuscht.
Ein Beispiel: Im Jahr 2020 prognostizierte DocMorris ein Umsatzwachstum von 20 Prozent. Ein Jahr später wurde das Ziel auf einen «doppelstelligen Prozentsatz» reduziert. 2023 und 2024 wurde schliesslich mit einem Umsatzrückgang von 24 Prozent respektive 8 Prozent gerechnet. Trotz deutlich nach unten korrigierter Ziele wurden diese in allen Jahren verfehlt.
Diese kontinuierliche Überschätzung zieht sich bis in die Gegenwart hin. Vor einem Jahr lag der Umsatzkonsens für 2026 noch bei rund 1,5 Milliarden Franken - heute noch bei knapp 1,2 Milliarden Franken. Die Umsatzerwartungen für 2028 wurden von 2,1 Milliarden Franken auf 1,45 Milliarden Franken nach unten korrigiert.
Doch nicht nur das Wachstum wurde überschätzt. Auch bei der Profitabilität lagen die Prognosen stets zu optimistisch. Ob die Gewinnschwelle also tatsächlich in diesem Jahr erreicht wird, ist alles andere als sicher.
Die Analysten der UBS zweifeln jedenfalls daran. Zwar traut die Grossbank DocMorris zunehmend zu, das formulierte Umsatzwachstumsziel zu erreichen. Die operative Gewinnschwelle und ein positiver Cashflow werden jedoch frühestens 2027 respektive 2028 erwartet.
Eine Frage der Glaubwürdigkeit
DocMorris dürfte heute mehr Gemeinsamkeiten mit Hochdorf als mit Orior haben: über Jahre hinweg zu hohe Erwartungen, chronische Verluste und eine unterdurchschnittliche Profitabilität. Zudem steckt die Versandapotheke in der Zwickmühle.
Der negative Cashflow zwingt den Konzern zu ständigen Massnahmen, um der Illiquidität zu entgehen. Zwei Optionen stehen zur Verfügung: Liquidität durch Kapitalerhöhungen respektive Schuldenaufnahme - oder Kosten radikal reduzieren. Die ersten Varianten wurden bereits ausgereizt. Das Beispiel Hochdorf zeigt zudem, dass ab einem bestimmten Schuldenniveau ein Rückweg fast unmöglich wird. Mit einem Verhältnis von Nettofinanzverbindlichkeiten zu EBITDA von über 20 liegt DocMorris weit über der allgemeinen Warngrenze von 4.
Aus diesem Grund versucht die Versandapotheke auch die Ausgaben massiv zu reduzieren - insbesondere im Marketing. Dieser Schritt ist kurzfristig nachvollziehbar, könnte jedoch langfristige Folgen haben: Geringere Download-Raten der DocMorris-App was zu einem sinkenden Marktanteil beim E-Rezept in Deutschland gegenüber dem Konkurrenten Redcare führen dürfte. Dies hat wiederum einen negativen Einfluss auf die Wachstumsraten.
Damit bleibt DocMorris in einer strategisch schwierigen Position gefangen. Einerseits ist eine Verbesserung der Profitabilität zwingend notwendig, andererseits dürfen die Investitionen in Wachstum nicht zu stark zurückgefahren werden.
Vor diesem Hintergrund erscheint die jüngste Kurserholung zwar bemerkenswert, reicht aber für sich genommen nicht aus, um von einer nachhaltigen Trendwende zu sprechen. Um den Fortbestand und langfristigen Erfolg zu sichern, muss DocMorris fundamentale Verbesserungen umsetzen. Doch hier sieht es weiterhin schwierig aus - zumal je länger der aktuelle Zustand anhält, desto unausweichlicher der bereits eingeschlagene Weg wird. Und dieser dauert schon eine ganze Weile an.

