Hohe Kursgewinne - Schweizer Überflieger-Aktien in Absturzgefahr

Mehrere Schweizer Aktien haben in den letzten Wochen 20 Prozent oder mehr zugelegt. Doch bei den meisten dieser Überflieger ist Vorsicht angebracht.
20.02.2017 19:45
Von Ivo Ruch
Einige Aktien sind steil ins Jahr gestartet. Ihre Zukunft ist aber mehr als ungewiss.
Einige Aktien sind steil ins Jahr gestartet. Ihre Zukunft ist aber mehr als ungewiss.
Bild: Pixabay

Während der breite Schweizer Aktienmarkt in Form des Swiss Performance Index (SPI) seit Jahresbeginn rund 4 Prozent zuleget hat, sind einzelne Aktien um ein Vielfaches davon angestiegen. Die besten dieser Überflieger haben in den letzten vier Wochen 20 Prozent und mehr dazugewonnen.

Teilweise sind diese starken Kursausschläge letzte Zuckungen vor einer Dekotierung. In anderen Fällen sind sie die Folge solider Unternehmenserfolge oder ausgebliebener Enttäuschungen. Doch in jedem Einzelfall  müssen Anleger andere Punkte beachten. Wir haben die wichtigsten zusammengestellt:

Accu Holding: Vier-Wochen-Performance +126 Prozent

Vermögensdelikte, Liquiditätsprobleme, Nachlassstundung: Die jüngste Geschichte der Accu Holding liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. Innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren ist der Wert der Industrie-Holding von 15 Franken auf wenige Rappen pro Aktie zusammengebrochen. Von kurzfristigen Spekulationen getrieben, hat der Titel in den letzten vier Wochen 125 Prozent zugelegt, wie der folgende Chart zeigt.

Handelsverbote und mehrere Skandale: Die Accu-Aktie in den letzten zwölf Monaten (Quelle: cash.ch)

Ende September 2015 wurde gegen den ehemaligen Chef Marco Marchetti ein Untersuchungsverfahren wegen möglicher Vermögensdelikte eröffnet. Auch Accu reichte Strafanzeige wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung ein. Mittlerweile steht das Unternehmen kurz vor dem Konkurs, mehrfach wurde die Accu-Aktie vom Handel an der Schweizer Börse SIX ausgesetzt. Ab dem 28. April soll sie gar nicht mehr gehandelt werden können. Wer auf dieser Achterbahnfahrt noch einsteigen möchte, sollte sich gut anschnallen. Denn zweistellige Abstürze sind ebenso möglich wie steile Anstiege.

AMS: + 31 Prozent

Auslöser des jüngsten Kurssprungs von AMS war ein stärker als erwartetes Schlussquartal 2016. Im hart umkämpften Markt für Konsumelektronik musste zwar auch der Sensorhersteller Umsatz- und Gewinneinbussen hinnehmen. Doch Investoren hatten offenbar mit einem noch stärkeren Geschäftseinbruch gerechnet. Der 30-prozentige Kursanstieg im letzten Handelsmonat widerspiegelt viel eher den zuversichtlichen Ausblick. In diesem Jahr kommt das iPhone 8 auf den Markt, wofür AMS bestimmte Sensoren herstellt.

Was bedeutet das für interessierte Anleger? Gut möglich, dass die AMS-Aktien von ihrem höchsten Stand seit mehr als 18 Monaten bald wieder etwas korrigieren. Entscheidend ist aber die langfristige Perspektive. Und diesbezüglich dürfte die kürzlich getätigte Grossübernahme von Heptagon einen laufend grösseren Anteil an den Gesamtumsatz beisteuern.

Zwahlen & Mayr: +30 Prozent

Ebenfalls heftig durchgeschüttelt werden die Aktionäre von Zwahlen & Mayr. Die Stahlbau-Firma gewinnt mal eben an einem Handelstag 20 Prozent dazu, um anschliessend die gemachten Gewinne wieder abzugeben. Täglich wechseln höchstens ein paar Dutzend Aktien den Besitzer, was zu solch starken Schwankungen führen kann. Aktuell beträgt das Vier-Wochen-Plus 30 Prozent, vor einem Jahr noch landete die Aktie auf einem Allzeittief.

Bei der Halbjahres-Ergebnispräsentation im September wurde zwar die Rückkehr in die Gewinnzone vermeldet. Allerdings bezeichnete das Management das Umfeld weiterhin als "kompliziert und ungewiss". Den nächsten Anhaltspunkt erhalten Anleger Anfang April anlässlich des Jahresberichts.

Lifewatch: +27 Prozent

Ein weiteres Beispiel unvorhersehbarer Kursavancen bietet Lifewatch. Nach monatelangem Kriechgang hauchte ein Übernahmeangebot der Lifewatch-Aktie neues Leben ein. Wie üblich in solchen Fällen sprang die Aktie dem Angebotspreis entsprechend in die Höhe, was in diesem Fall rund 20 Prozent entsprach. Doch das Management von Lifewatch steht dem Gebot der Klinikgruppe Aevis Victoria kritisch gegenüber und hält offenbar nach alternativen Geboten Ausschau.

Wie schon der Fall von Actelion zeigte, ist solches Übernahmegerangel für Anleger nicht einfach zu interpretieren. Kommt der Deal nicht zustande, bröckeln die Kursgewinne der Aktie wieder ab. Taucht ein alternativer Käufer auf, liegt weitere Performance drin. Aevis gab am Montag bekannt, dass bereits mehr als 2 Millionen Lifewatch-Aktien, entsprechend 12 Prozent des Aktienkapitals und der Stimmrechte, in ihrem Besitz seien. Benötigt werden 67 Prozent aller ausstehenden Namensaktien. Die Angebotsfrist beginnt am 7. März und endet rund einen Monat später.

Also: +20 Prozent

Von den erwähnten Aktien ist Also diejenige, die sich am längsten in einem Aufwärtstrend befindet: In weniger als zwei Jahren verdoppelte der IT-Logistiker seinen Börsenwert auf 113 Franken. Unlängst erzielte das Management um CEO Gustavo Möller-Hergt zum sechsten Mal in Folge ein Rekordergebnis: Der Konzerngewinn stieg um 32 Prozent, die Dividende soll um 18 Prozent erhöht werden.

Trotz der stolzen Kursavancen ist die Also-Aktie immer noch attraktiv bewertet. Auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses für 2017 berechnet die Bank Vontobel einen Wert von 13. Zudem treibt Also das Wachstum mit der Erschliessung neuer Märkte weiter voran. Ebenfalls positiv für Anleger: Der Freefloat der Aktie nimmt laufend zu, weil sich Grossaktionär Schindler sukzessive von seinem Paket trennt.