An den hiesigen Börsen ist derzeit wenig vom aktuellen Crash im US-Technologiesektor zu spüren. Auch an den US-Leitindizes selbst ist der Umbruch auf den ersten Blick kaum sichtbar. Doch es brodelt - und dies schon seit mehreren Monaten.
Während der Nasdaq 100 seit Wochenanfang lediglich rund 3 Prozent verloren hat und damit rund 5 Prozent unter seinem Rekordwert liegt, tut sich unter der Oberfläche einiges. Viele hohe zweistellige Kursverluste namhafter Unternehmen werden durch die Kursstabilität der «Magnificent 7» kaschiert.
Sektorrotation führt zu KI-Crash
Begonnen hat alles mit einer klassischen Sektorrotation. Seit Ende Oktober 2025 - zeitgleich mit einem Zinsentscheid der US-Notenbank - hat der Wind an den globalen Aktienmärkten gedreht. Die früheren Gewinner - Technologie und diskretionäre Konsumgüter - waren plötzlich die Verlierer (mehr zu den Gründen hier).
Diese Entwicklung hat sich seit Wochenbeginn besonders bei den Tech-Werten zugespitzt. Portfoliomanager sprechen von «wahllosen Verkäufen» bei gewissen Branchenwerten aus dem Software- und IT-Bereich. So sind beispielsweise die Aktien von Nvidia-Konkurrent AMD, trotz über den Erwartungen liegender Resultate und einer Anhebung des Ausblicks, seit Montag rund 20 Prozent gefallen. Dasselbe ist bei den Valoren von Applovin festzustellen - das Unternehmen bietet KI-basierte Softwarelösungen zur Skalierung von mobilen Apps und Spielen an. Gegenüber Oktober resultiert bei den zwei Unternehmen ein Wertverlust von einem Viertel und mehr als einem Drittel.
Von der Sektorrotation und dem bislang eher als Mini-Crash einzustufenden Rückschlag wurden zahlreiche Unternehmen mit KI-Bezug in Mitleidenschaft gezogen. Infrastruktur- und Hardwareausrüster (wie Micron, Lam Research, Sandisk, Nvidia, AMD, Seagate), Versorger (Constellation Energy), Software (Applovin, Meta, Palantir, Microsoft, Alphabet), oder Dienstleister aus anderen Sektoren (Take-Two) sind Beispiele dafür.
Ein Teil dieser Titel hatte seit Oktober zuvor eine starke Rallye hingelegt und notiert trotz der jüngsten Kursverluste weiterhin deutlich über dem Niveau von vor einem Vierteljahr. Zu dieser Gruppe zählt etwa SanDisk, dessen Aktie trotz des Rückgangs noch immer rund 382 Prozent über dem Oktober-Niveau liegt. Vor wenigen Tagen waren es sogar noch 480 Prozent.
Andere Unternehmen wiederum verzeichneten zuletzt keine nennenswerten Kursverluste, hatten zuvor jedoch bereits deutlich an Wert eingebüsst. Ein Beispiel dafür ist Salesforce, die weltweit führende Plattform für cloudbasierte Kundenmanagement-Software. Die Titel liegen rund 20 Prozent unter ihrem Oktober-Hoch.
Ob kurz- oder mittelfristig - die Zeichen sind eindeutig: Eine Neubeurteilung und -bewertung der KI-Branche ist im Gang.
Überraschung und Neubeurteilung der Chancen und Risiken
Viele Marktbeobachter zeigten sich dennoch überrascht über die Heftigkeit der Kursverluste der vergangenen Tage. Insbesondere beim Kursrutsch von AMD reagierte die US-Grossbank Morgan Stanley verblüfft. Die Ergebnisse seien «durchaus solide gewesen, und AMD habe mit Blick auf die neuen Produkte die richtigen Signale gesendet».
Wiederum hat die Furcht vor einem möglichen KI-Eintritt die Aktien des Videospiele-Entwicklers Take-Two unter Druck gesetzt. In nur sieben Handelstagen verlor das Unternehmen rund 20 Prozent an Börsenwert. Auch hier zeigten sich Expertinnen und Experten überrascht. Bank of America sieht hier gar eine klare Kaufgelegenheit vor der Einführung einer neuen Version des Kassenschlagers «Grand Theft Auto».
Vieles dieser Entwicklung dürfte mit der rekordschnellen Neubeurteilung der Chancen und Risiken von KI zusammenhängen. Einen beispielhaften Fall dafür liefert Constellation Energy. Das Unternehmen ist erst seit drei Jahren an der Börse kotiert und generiert rund ein Viertel der gesamten Stromproduktion der USA - 21 Kernkraftwerke sei dank.
Kursentwicklung von Take-Two und Constellation Energy in Dollar.
Wegen des massiven Ausbaus der Server-Infrastruktur sind die US-Stromkosten spürbar angestiegen. In der Folge versuchen Technologiekonzerne nun vermehrt, langfristige Energieverträge für den Betrieb ihrer Datenzentren abzuschliessen. Die Constellation-Aktie hat davon profitiert: Seit dem Spinoff vor drei Jahren stieg die Aktie des Versorgers gut 370 Prozent - ein für einen Versorger aussergewöhnlichen Wert.
Seit Ende Oktober haben die Aktien jedoch fast 40 Prozent an Wert eingebüsst. Ausschlaggebend dafür dürfte eine plötzliche Neubeurteilung der Wachstumsaussichten gewesen sein. Auffällig ist dabei, dass trotz starker Marktposition und ausgeprägtem Momentum die Revisionen für das Umsatzwachstum seit September 2025 negativ ausgefallen sind. Für 2027 wird derzeit noch ein kumuliertes Umsatzwachstum von 11 Prozent erwartet – rund 12 Prozent weniger als noch vor wenigen Monaten. Für einen ansonsten äusserst stabilen und gut prognostizierbaren Wirtschaftssektor sind das ungewöhnlich starke Schwankungen.
Entsprechend gross waren die Bewertungausschläge in dieser Zeit. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) stieg von einem marktdurchschnittlichen Niveau von unter 19x auf knapp 42x an. Gleichzeitig erhöhten sich damit jedoch auch die Erwartungen - und der Spielraum für Enttäuschungen. Infolge des Kursverfalls werden die Aktien inzwischen wieder zu einem KGV von knapp unter 30x gehandelt.
Nicht zu unterschätzende Umwälzungen
Wer aus dieser unsicheren Marktphase als Gewinner hervorgeht und wer auf der Strecke bleibt, ist derzeit schwer abzuschätzen. Bis auf Microsoft (-24 Prozent) haben sich die «Magnificent 7» seit Oktober 2025 gut gehalten. Tesla, Nvidia und Meta verlieren rund 10 Prozent, während Apple und Amazon wenig verändert im Plus notieren und Alphabet 24 Prozent zulegt.
Begünstigt durch die derzeitige Speicherknappheit verzeichneten auch Aktien von Unternehmen wie Seagate, Western Digital oder SanDisk zuvor starke Kursavancen zwischen 80 und 230 Prozent. Seit wenigen Tagen zählen sie jedoch zu den grössten Verlierern am Markt. Dies weckt Erinnerungen an Constellation Energy, wo ein Engpass zunächst zu massiven Überschätzungen und Überbewertungen führte, die später korrigiert wurden.
Ob die derzeitige Stabilität der «Magnificent 7» Indiz für ihre Stärke ist, kann ebenfalls nicht beurteilt werden. Denn auch bei ihnen ist nicht alles Gold, was glänzt. So dürften beispielsweise die Herausforderungen bei Apple nicht unterschätzt werden. Der Technologieriese rechnet zwar weiterhin mit starkem Umsatzwachstum von bis zu 16 Prozent. Dieser kräftige Anstieg birgt jedoch das Risiko, sich nicht genug mit KI auseinandersetzen zu müssen.
Und diese Herausforderung ist für Apple laut Expertinnen und Experten gewaltig. Die vergangenen 25 Jahre von Apple basierten auf Internettechnologien, die nur dank dem Web existierten. Die nächsten Jahrzehnte werden in ähnlicher Weise von KI geprägt sein. Apple wird seine Hardware und Betriebssysteme von Grund auf neu denken müssen. Bisher geschah dies offenbar zu wenig.
Und Alphabet, aktuell der stärkste Titel der «Magnificent 7»? Laut Analysten dürfte das Kurspotenzial kurzfristig weitgehend ausgeschöpft sein. Der Marktkonsens liegt noch rund 5 Prozent höher. Zwar sprechen positive Revisionen der Gewinnschätzungen grundsätzlich für weiteres Aufwärtspotenzial.
Doch auch hier befindet sich der Tech-Riese in guter Gesellschaft: Ähnliche Muster zeigen sich bei Microsoft, Amazon, Meta oder Nvidia. Die stärksten Gewinnrevisionen finden sich sogar bei den Seagates oder Western Digitals dieser Welt - just jene Titel, die in dieser Woche die heftigsten Korrekturen verzeichneten.
Oft ist der Markt den Expertinnen und Experten eben einen Schritt voraus. Besonders im hoch bewerteten und unsicheren Ausgang des KI-Booms können Einzelwetten teuer werden. Derweil dürfte die laufende Korrektur wichtige Hinweise auf Ausmass und weiteren Verlauf liefern: Verstärkt sich die Sektorrotation, dürften zunehmend Kursziele und Gewinnerwartungen hinterfragt werden und Bewertungen normalisiert werden - und Spreu von Weizen weiter getrennt werden.

