Was es nun für eine Aktienrallye braucht

Die Börsen legen den schlechtesten Jahresstart seit Dekaden hin, die Verunsicherung ist gross. Vier Szenarien, die den Aktienmärkten nun doch noch zu steigenden Kursen verhelfen können.
27.01.2016 00:02
Von Ivo Ruch
Einsteigen und anschnallen: Die Börsen fahren derzeit Zickzack.
Einsteigen und anschnallen: Die Börsen fahren derzeit Zickzack.
Bild: Pixabay

Das Warten auf die Erholung der Aktienmärkte geht weiter. Hatten viele Märkte die letzte Woche nach einem Schlussspurt im Plus beendet, ging es am Montag vielerorts bereits wieder bergab. So bleibt der Jahresanfang an den Börsen ein äusserst durchzogener und volatiler. Der Swiss Market (SMI) steht 6 Prozent im Minus, der deutsche Dax gar 9 Prozent. Der chinesische Hang Seng und der japanische Nikkei haben mehr als 12 Prozent an Wert verloren, die grössten amerikanischen Indizes notieren rund 7 Prozent tiefer.

Grund dafür, dass sich mit Aktien derzeit kaum Geld verdienen lässt, ist ein Mix aus tiefen Erdölpreisen und Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft Chinas. Es geht die Angst um, dass die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt nach Jahren starken Wachstums auf eine harte Landung zusteuert und dabei andere Regionen in Mitleidenschaft ziehen könnte. In einem solchen Umfeld grosser Verunsicherung suchen die Anleger nach Halt und fragen sich, wann die fallenden Kurse einen Boden finden.

Denn geht man von grundsätzlich intakten Perspektiven für Aktien aus, könnten die gefallenen Kurse einen Einstiegszeitpunkt sein. Nicht von ungefähr schreibt die US-Grossbank JP Morgan in einem aktuellen Marktausblick: "Die Anleger sollten sich bewusst sein, dass es vor Sonnenaufgang am dunkelsten ist." Amerikanische Aktien hätten in den letzten zwei Jahrzenten immer dann eine Rendite von 30 Prozent erzielt, nachdem der Optimismus seinen Tiefpunkt erreicht hatte. Doch was braucht es, damit an den Börsen die Stimmung wieder dreht? Nachfolgend vier Szenarien und ihre Wahrscheinlichkeit:

1. Öl wird deutlich teurer

Keine Börsennews, in denen die Ölpreise momentan nicht erwähnt werden. Der Preis für Erdöl hat sich im Laufe des letzten Jahres halbiert. Jede noch so kühn gewählte "kritische Marke" wurde nach unten durchbrochen. Der Schieferölboom in den USA gilt als Hauptgrund für das Überangebot auf dem Ölmarkt. Auf der Nachfrageseite sorgt vor allem Chinas nachlassender Rohstoff-Hunger für Sorgenfalten – ein Zeichen, dass sich die dortige Konjunktur unter Erwarten entwickelt. In allen Ländern, die vom Erdöl leben, droht ebenfalls Instabilität.

Viel weniger gewichtet wird die Tatsache, dass ein tiefer Ölpreis für die grosse Mehrheit der Volkswirtschaften wie eine Konjunkturspritze wirkt. Geben Konsumenten weniger aus für Benzin oder Heizöl, bleibt ihnen mehr übrig für andere Anschaffungen. Wie stark die Marktteilnehmer derzeit auf die Ölpreise schielen, zeigen die folgenden Charts:

SMI-Verlauf seit Anfang 2016, Quelle: cash.ch

Preis für Erdöl (Sorte Brent) seit Anfang 2016, Quelle: cash.ch

Der Verlauf des SMI ähnelt stark der Preiskurve für den Preis der Nordseesorte Brent. In diesem Sinne könnte eine langfristige Erholung der Ölpreise für Erleichterung an den Märkten sorgen. Doch in absehbarer Zeit ist keine Reduktion des Überangebots in Sicht. Kommt hinzu, dass mit dem Iran unlängst ein weiteres Produktionsland auf den Weltmarkt gekommen ist.

Wahrscheinlichkeit: 3/10

 

2. EZB weitet QE aus

Als Mario Draghi in der letzten Woche Andeutungen machte, die Europäische Zentralbank (EZB) könnte ihre Geldschleusen in naher Zukunft weiter öffnen, herrschte an den Aktienmärkten Feierlaune. Die Party dauerte nicht lange, zeigte aber erneut die Bedeutung billigen Zentralbankengeldes. Die Geldschwemme in Kombination mit tiefen Zinsen war in den letzten Jahren hauptsächlich dafür verantwortlich, dass die Börsen rund um den Globus immer weiter anstiegen. Momentan kauft die EZB monatlich Wertpapiere im Volumen von durchschnittlich 60 Milliarden Euro. Der Leitzins liegt bei 0,05 Prozent. Für die EZB ist vor allem die Preisentwicklung im Euro-Raum zentral. Die unerwünscht tiefe Inflation in Folge des Preisverfalls an den Rohölmärkten dürfte die Handlungsbereitschaft schon bald erhöhen.

Wahrscheinlichkeit: 8/10

 

3. Fed senkt Zinsen wieder

Eine Zinserhöhung in den USA sei an den Aktienmärkten eingepreist, hiess es im letzten Herbst stets. Doch wenige Tage nachdem die amerikanische Zentralbank (Fed) ihren Leitzins um 0,25 Prozent erhöhte, schalteten die Börsen in den Korrekturmodus – der S&P 500 hat seit Ende Dezember um 10 Prozent nachgegeben. Macht die Fed nun ihren Entscheid rückgängig? Schon in der Vergangenheit hat Fed-Chefin Janet Yellen ihre Zinsentscheide vom Geschehen an den Finanzmärkten abhängig gemacht. Jedenfalls haben bereits viele Beobachter ihre Zins-Erwartungen von drei weiteren Erhöhungen in diesem Jahr auf eine reduziert.

Dagegen spricht, dass momentan der Anleger-Fokus auf China und die Ölpreise gerichtet ist. In den USA hingegen sind die wirtschaftlichen Aussichten einiges besser. Zudem zeigt der Blick in die Geschichtsbücher, dass nach einer US-Zinswende die Aktienpreise gut und gerne 10 Prozent korrigieren können, um danach aber wieder anzusteigen. Gut möglich also, dass die US-Zinsen noch eine Weile auf dem jetzigen Niveau verharren, bevor der nächste Schritt getan wird.

Wahrscheinlichkeit: 3/10

 

4. Chinas Wirtschaft stabilisiert sich

Aus europäischer Sicht wächst Chinas Wirtschaft immer noch rasant. 6,9 Prozent waren es im letzten Jahr. Doch aus chinesischer Sicht ist das wenig. So wenig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Noch schlimmer: Viele Experten bezweifeln Chinas amtliche Zahlen und gehen von einem tatsächlichen Wachstum von lediglich 4 bis 6 Prozent aus. In diesem Jahr wird gar eine weitere Konjunkturverlangsamung erwartet. Das sind nicht nur schlechte Zeichen für den asiatischen Raum, sämtliche Ausfuhren nach China dürften auf weniger Nachfrage stossen.

Was könnte diesen Trend stoppen? China befindet sich in einer Umbauphase. Die stark vom Export abhängige Wirtschaft soll stärker auf den Binnenkonsum, den Dienstleistungssektor und Innovation ausgerichtet werden. Gelingt das rascher als erwartet, wären auch unabhängige Experten wieder optimistischer.

Wahrscheinlichkeit: 5/10