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Der Schweizer Aktienmarkt setzte seine Rekordjagd in den letzten Tagen ungebremst fort. Allerdings dürfen die neuen Bestmarken nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Börsengeschehen von seiner launischen Seite zeigt.
Wie nervös auch die hiesigen Marktakteure sind, zeigt sich etwa daran, dass der Ausverkauf bei den Softwareaktien, nachdem dieser von New York aus auf den europäischen Kontinent übergegriffen hatte, auch die Valoren von Risikokapitalspezialisten wie etwa der Partners Group mit sich nach unten riss. Die Gleichung scheint denkbar einfach: Die KI-Anwendung der amerikanischen Anthropic stellt das Geschäftsmodell nicht eben weniger Softwareunternehmen ernsthaft in Frage. Und dank der geringen Kapitalbindung haben Risikokapitalgeber in den vergangenen Jahren gerade in diesem Wirtschaftszweig teilweise Fantasiepreise bezahlt wie in kaum einem anderen. Das könnte sich nun rächen.
Mit der Prognose, wonach die künstliche Intelligenz der Softwareindustrie längerfristig bis zu 60 Prozent der Erträge streitig machen könnte, goss Goldman Sachs zusätzliches Öl ins lodernde Spekulationsfeuer.
Vor wenigen Tagen kamen dann auch noch die Aktien der Vermögensverwalter unter die Räder, nachdem mit Altruist eine amerikanische Plattform für unabhängige Vermögensverwalter mit einer KI-gestützten Anwendung für die Steuerplanung an den Start gegangen war. Nun gehe es auch den Vermögensverwaltern an den Kragen, verlautet seither aus Börsenkreisen.
In einem mir aus London zugespielten Branchenpapier sind die beiden Autorinnen Marina Massuti und Giulia Aurora Miotto von Morgan Stanley sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten. Sie lassen keine Zweifel daran, dass sie die jüngsten Kursverluste als übertrieben erachten.
Interessant erscheint mir, was die Analystinnen zum Thema UBS und Julius Bär schreiben. Die UBS habe erst kürzlich anlässlich einer Telefonkonferenz durchblicken lassen, dass sie die Prozesse im gesamten Kundenbereich neu gestalten und mehr investieren wolle, um die operative Widerstandsfähigkeit zu erhöhten, das Kundenerlebnis zu verbessern und eine höhere Effizienz und Effektivität zu erzielen. Julius Bär hingegen habe schon am Investorentag im vergangenen Juni signalisiert, die künstliche Intelligenz künftig zur Produktivitätssteigerung einsetzen zu wollen. Dies womöglich im Zuge der geplanten Modernisierung des Kernbankensystems, welche über drei Jahre laufen soll.
Ihres Erachtens bleibt der persönliche Kontakt und die Beziehung der Kundenberater zu den Kunden weiterhin ein wichtiger Erfolgsfaktor. Dies insbesondere bei sehr vermögenden Kunden. Die künstliche Intelligenz werde die Kundenbetreuer effizienter machen, sie aber nicht vollständig ersetzen können. Mögliche Umsatzrückgänge sollten deshalb durch Effizienzgewinne aufgefangen werden können.
Die vermutlich wichtigste Erkenntnis der beiden Branchenkennerinnen: Die UBS hat in Sachen KI einen Vorsprung auf Julius Bär. Das ändert allerdings nichts an daran, dass sie beide Aktien mit «Underweight» einstufen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Gestern Donnerstag griffen die KI-Ängste im späten Handel dann selbst auf die Aktien von Kühne+Nagel über. Bei Börsenschluss resultierte ein sattes Minus von 13 Prozent. Losgetreten wurde die Kurslawine durch einen Bericht, wonach die amerikanische Algorhythm Holdings die Frachtbranche mit ihrer SemiCab-Plattform aufmischen will.
Jüngstes Opfer der KI-Ängste: Die Aktien von Kühne+Nagel (Quelle: www.cash.ch)
Auch die Aktien vieler anderer Logistikunternehmen hatten schmerzhafte Kursverluste zu beklagen. Einzig jene von FedEx ging an der New Yorker Börse dank ermutigenden Aussagen zum Weihnachtsgeschäft etwas höher aus dem Handel.
Mir kommt es so vor, als verhielten sich Anlegerinnen und Anleger momentan getreu dem Motto: «Sell first, ask questions later».
Kommen wir auf die hiesigen Pharmawerte zu sprechen. Bekanntlich feiern die Aktien von Novartis und der einstigen Tochter Sandoz schon seit Wochen beinahe täglich neue Kursrekorde und den Genussscheinen von Platzrivale Roche scheinen in unmittelbarer Nähe ihrer Mehrjahreshöchstkurse selbst enttäuschende Nachrichten wie jene rund um Nebenwirkungen bei der MS-Pille Fenebrutinib nichts anzuhaben. Bloss die Aktien von Lonza neigen weiterhin zur Schwäche.
Selbst die Royal Bank of Canada stiess mit ihrer Heraufstufung von «Sector Perform» auf «Outperform» mit einem überarbeiteten Kursziel von 670 (zuvor 630) Franken auf taube Ohren. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die momentane Kursflaute auch den zuständigen Analyst Charles Weston etwas ratlos zurücklässt. Und auch nach neuen Erkenntnissen sucht man in seiner 17 Seiten starken Unternehmensstudie vergebens.
Vielmehr dreht sich bei seiner Zuversicht alles um die absolute und relative Bewertung Lonzas. Wie Berechnungen des Analysten zeigen, liegt die Bewertung mit einem Verhältnis zwischen dem Unternehmenswert und dem operativen Gewinn (EBITDA) von 17 in etwa auf dem Stand von 2019. Und das, obschon der Pharmazulieferer seither viel Geld in den Ausbau der Produktionskapazitäten gesteckt habe und das organische Umsatzwachstum heute zweimal so hoch sei. Lange Rede, kurzer Sinn: Weston hält die Aktien für stark unterbewertet und geht selbst dann von einem kräftigen Kursanstieg aus, sollten positive Neuigkeiten ausbleiben.
Seit wenigen Wochen lassen die Lonza-Aktien wieder den Kopf hängen (Quelle: www.cash.ch)
Nur wenige Tage zuvor eilte übrigens bereits sein für Stifel tätiger Berufskollege Dylan Van Haaften den Lonza-Aktien verbal zu Hilfe. Er fühle sich vom letztjährigen Ergebnis und vom Ausblick für dieses Jahr in seiner Kaufempfehlung bestärkt, schreibt der Analyst. Er hält am 650 Franken lautenden Kursziel fest und wähnt den Pharmazulieferer aus Basel wie bis anhin in der Favoritenrolle.
Am Montag begegnete ich der Kursschwäche mit folgenden Worten:
...und weiter...
Es kommt bei mir nicht oft vor – doch auch mich macht die Kursflaute bei Lonza mittlerweile etwas ratlos. Gerade was die Verwendung des Verkaufserlöses für das Kapselgeschäft anbetrifft, ist möglichen Investitionen ins organische Wachstum und ergänzenden Firmenübernahmen auch aus Aktionärssicht ganz klar der Vorzug gegenüber einer Sonderdividende oder Aktienrückkäufen zu geben. Weshalb auch Gelder an die Aktionärinnen und Aktionäre zurückführen, wenn diese sich gewinnbringend in den Ausbau der Geschäftsaktivitäten reinvestieren lassen...?!
Verteidigende Worte hat man bei der Royal Bank of Canada übrigens auch für die dividendenstarken Aktien der UBS mit im Gepäck. Für die zuständige Analystin Anke Reingen bewegen sich viele der wirklich wichtigen Dinge in die richtige Richtung. Sie glaubt, dass die grösste Schweizer Bank dies im Laufe dieses Jahres dann auch unter Beweis stellen wird. Folglich preist die Analystin die Valoren jetzt erst recht mit «Outperform» und einem Kursziel von 38 Franken zum Kauf an. Unter gewissen Umständen hält sie sogar Kurse von bis zu 44 Franken für möglich.
Ich selber bleibe auf längere Sicht zuversichtlich für die Aktien der UBS, glaube aber, dass es eine ganze Weile dauern könnte, bis die Kursgewinne der letzten Monate verdaut sind. Zudem erscheint mir ein Kompromiss in Sachen strengere Eigenmittelvorschriften mittlerweile eingepreist.
Mehr dazu spätestens nächsten Freitag, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.
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