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Autor des «Doom, Boom, Gloom»-Reports - Marc Faber: «Der Markt für Wachstumsaktien könnte fallen»

Der Schweizer Investor Marc Faber wird 75 Jahre alt. Im Interview spricht er über den Corona-Alltag in seiner Wahlheimat Thailand, spekulative Märkte, Bitcoin und warum die Zukunft für Wachstumsaktien nicht gut ist.
26.02.2021 12:45
Interview: Marc Forster
Marc Faber in seinem Büro in Thailand.
Marc Faber in seinem Büro in Thailand.
Bild: cash/Screenshot Skype

Asien-Kenner und Vermögensverwalter Marc Faber feiert am Sonntag seinen 75. Geburtstag in seinem Haus in Chiang Mai in Thailand, wo er mit seiner Frau lebt. Über mittlerweile viele Jahre hat der streitbare und unkonventionelle Investor mit cash.ch immer wieder Interviews geführt und seine Einschätzungen geteilt. 

Faber trägt auch den Beinamen "Dr. Doom" und wird als "Crash-Prophet" bezeichnet, weil er oft pessimistische Aussagen zu den internationalen Finanzmärkten trifft. Seine Bekanntheit rührt auch daher, dass er den Crash von 1987 vorausgesehen hatte und Investoren dazu brachte, ihr Geld rechtzeitig abzuziehen. Sein "Gloom, Boom, Doom"-Report wird weltweit gelesen. Zu den Abonnenten gehört, wie letzten Sommer bekannt wurde, auch Jamie Dimon, CEO von JPMorgan. 

Im Gespräch zeigt sich aber, dass Faber auch nach vielen Jahren an der Börse kein Dauerpessimist ist. Er sieht immer neue Entwicklungen, die auch Gelegenheiten sind. In einem Punkt bleibt er sich treu: Seine Kritik an der Politik der Notenbanken ist so virulent wie immer. 

cash.ch: Marc Faber, Sie sind in Moment in ihrem Haus im Norden von Thailand und werden am nächsten Sonntag 75 Jahre alt - und, Sie sind unter die Bartträger gegangen. Besteht da ein Zusammenhang? 

Marc Faber: Nein, aber ich bin während des Lockdowns wenig ausgegangen und habe mir einen Bart wachsen lassen. Einige sagten mir, das würde mein Aussehen verbessern, und dann behielt ich ihn. Sie tragen ja auch einen Bart (lacht).

Ja, das stimmt, auch schon seit über zehn Jahren. Aber zurück in die heutige Zeit: Als Sie das letzte Mal mit cash.ch gesprochen haben, war November 2019. Seitdem hat sich die Welt ziemlich verändert.

Allerdings.

Marc Faber im Interview mit cash-Redaktor Marc Forster.

Wie geht es Ihnen jetzt? 

Mir geht es gut. Ich habe ein grosses Haus hier in Chiang Mai in Thailand, lebe auf einem grossen Stück Land. Ich kann ohne weiteres ein paar Jahre hier zuhause sein, mir gefällt dieses Leben als "Eremit" auch ein bisschen. Wir hatten auch keinen starken Lockdown in Thailand. Bars und Restaurants sind offen. Aber mir tun jene leid, denen es nicht so gut geht.  

Sie sind immer viel in Asien unterwegs gewesen, haben auch ein Büro in Hongkong. Konnten Sie in den vergangenen Monaten noch reisen? 

Ich könnte reisen, müsste wegen der Covid-Pandemie aber hier jeweils in Quarantäne. Im Büro in Hongkong ist die Administration. Ich kann aber alles von meinem Büro hier aus erledigen. Mein Büro ist mein Computer.  

Sie sind bekannt als freiheitliebender Mensch, und sie kritisieren oft die Autoritäten. Stören Sie diese Coronarestriktionen nicht sehr? 

Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass es mich weniger stört als arme Menschen. Aber ich bin gegen Regierungen und deren Interventionen. Sie befinden über Dinge, von denen sie nicht mehr verstehen als Sie und ich. Im grössten Teil der Geschichte waren Menschen Sklaven oder Leibeigene. Aber für mich ist unglaublich, dass eine Regierung jetzt die ganze Geschäftstätigkeit von Menschen schliessen kann. Die Ersparnisse, Unternehmen und das Leben von Leuten werden zerstört.

Das Argument ist, dass die Pandemie mit solchen Massnahmen bekämpft werden muss.

Die Massnahmen sind ein unglaublicher Einschnitt in die Marktwirtschaft. Wobei der Beamtenstaat in der Schweiz sehr freundlich und kompetent ist im Vergleich zu anderen Ländern, insbesondere im Vergleich zu den USA. In Kalifornien wurden Leute am Surfen gehindert - doch wer fängt sich einen Virus am Meer ein? In England gab es Fälle von Leuten, die auf ihrem eigenen Besitz nicht mehr in den Garten gehen durften. Es ist unglaublich, dass solche Dinge passieren. 

Sie haben nicht nur Regierungen, sondern auch die Zentralbanken häufig und heftig kritisiert. Vor allem die Geldpolitik der letzten zehn oder zwölf Jahre...

... ich würde sagen, der letzten 25 Jahre...

... das kann man natürlich auch so sehen. Aber derzeit sehen wir, wie wegen den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie die Geldpolitik noch lockerer wird. Regierungen geben noch mehr Geld aus und verschulden sich noch stärker. Eine Steilvorlage für Sie als Kritiker? 

Ich sehe dies aus zwei Perspektiven: Als Ökonom und sozialer Beobachter sehe ich die expansive Geldpolitik und die hohen Staatsdefizite als komplettes Desaster. Als Anleger sehe ich aber auch, wie Aktien, Obligationen, Gold oder Bitcoin steigen, weil so viel 'Geld gedruckt' wird. Für jene, die als Anleger Geld haben, ist die Geldpolitik positiv. Aber sie wird nicht immer positiv sein. 

Auf welche Weise? 

Regierungen konnten Staatsanleihen zum Nullzins ausgeben. Dies hatte sozial sehr unangenehme Folgen: Die Spaltung von Reichtum und Einkommen hat sich gewaltig vergrössert. Dies führt zu Unzufriedenheit. Linksgerichtete Politiker glauben, dies leicht mit einer Reichtumssteuer lösen zu können. Präzise Statistiken aus den USA zeigen aber, dass diese sehr wenig einbringt. Sehr reiche Leute können Steuern legal vermindern oder umgehen. 

Als Phänomen eines sozialen Gegensatzes sind auch die vielen oft fast mittelosen Trader bezeichnet worden, die in den vergangenen Wochen mit Fast-Gratisplattformen wie Robinhood die Märkte stark hin- und herbewegt haben. Stichwort GameStop-Aktie. Auch Bitcoin, die Kryptowährung, die etablierte Währungen herausfordert, ist stark gestiegen. Was ist Ihre Meinung zu diesem Marktgeschehen? 

Dies sind Symptome überflüssiger Liquidität. Seit 25 Jahren argumentiere ich: Wenn Notenbanken dauernd Geld drucken, verliert vieles an Wert. Geld verliert an Kaufkraft. Es hat eine gewaltige Entwertung des Bargeldes gegeben. Die Anleger sagen sich: Wenn weiterhin unendlich Geld gedruckt wird, was ist dann der Wert eines Dollars? Bitcoin hat den Vorteil, dass die Menge beschränkt ist. So, wie die Menge an Bildern von Picasso, oder Rembrandt oder Van Gogh beschränkt sind. Oder die Gutenberg-Bibeln, von denen es nur acht gibt. Oder Briefmarken wie das "Basler Dybli". Beschränkte Werte, die zu Wertobjekten geworden sind, weil Geld gedruckt wird. 

Sind Sie im Moment in Bitcoin investiert? 

Im Moment nicht, aber ich habe von Zeit zu Zeit Positionen gehalten. Als Bitcoin 2019 auf 3000 Dollar sank, schrieb ich, dass man mit einem kleinen Teil des Vermögens in Bitcoin anlegen sollte. 

Würden Sie wieder kaufen?

Im Moment haben wir, wie Sie am Beispiel von GameStop angetönt haben, sehr spekulative Märkte. In der Vergangenheit sind Situationen mit solchen höchst spekulativen Märkten nicht gut herausgekommen. Man kann, wenn man in höchst spekulativen Märkten anlegt, auch ins Casino gehen oder auf Fussballspiele wetten. Der Anleger muss sich auch immer überlegen: Wenn man bei Robinhood Aktien kauft und verkauft, denkt man, die Handelskosten seien umsonst. Vielfach ist das, was gratis aussieht, in Wahrheit und am Ende viel teurer. 

Ist dieses fiebrige Marktgeschehen Vorbote einer grösseren Korrektur?

Ich sehe, dass gewisse Bereiche des Marktes sehr stark fallen werden. Im Dezember 1989 machte die japanische Börse 50 Prozent der Marktkapitalisierung der Welt aus - 50 Prozent! Als Japan dann fiel, dachten alle: Die anderen Märkte fallen auch. Aber das Geld floss stattdessen in Schwellenländer und in amerikanische Technologieaktien. 1990 bis 2000 stieg der Nasdaq wie eine Rakete. Es ist also denkbar, dass jetzt bald die Wachstumsakten fallen und sich das Geld wieder in Finanz- und Ölwerte oder in Immobilien bewegt. Oder auch in Gold, Silber und Bitcoin. Weil so viel Liquidität da ist, werden gewisse Teil des Marktes nicht fallen. 

Sie sagen also wirklich das Ende der Rally der beliebten Technologieaktien voraus? 

Wachstumsaktien vor allem in den USA und in der Technologie, Halbleiterindustrie oder Biotechbranche sind stark gestiegen und teuer geworden. Seit fünf Jahren sind die FAANG-Aktien - Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google - wie eine Rakete nach oben geschossen. Dafür stiegen andere Aktien, insbesondere in Schwellenländern, nicht. Rohstoffe und landwirtschaftliche Güter auch nicht. Bis vor wenigen Monaten hatten sich auch Öl-Aktien und Finanzwerte praktisch gar nicht nach oben bewegt. Aber diese 'old-economy'-Aktien sind jetzt stärker geworden. Auch Schweizer Bank-Aktien sind gestiegen. In Hongkong kann man Aktien guter Firmen zu 50 Prozent des Buchwerts kaufen. Ich bin nicht positiv oder negativ für den ganzen Markt eingestellt, aber ich sehe da einige Veränderungen. 

Bei Öl-Aktien werden aber viele abwinken, weil ein massiver Trend zu umweltfreundlicheren Investments besteht. 

Ja, viele Pensionsfonds dürfen nicht mehr in Öl-Aktien investieren, weil das deren Berater so sagen. Meine Ansicht ist: Man kann diese CO2-Emissionen reduzieren, aber möglicherweise wird man mehr Energie dazu brauchen. Also noch mehr Kohle und Öl. In Asien werden die meisten Elektrizitätswerke mit Kohle und Öl betrieben. Der ehemalige US-Präsident Donald Trump bewilligte den Weiterbau der Keystone-Pipeline für den Öltransport von Kanada in die USA. Sein Nachfolger Joe Biden hat dies nun gestoppt. Nun wird das Öl weniger effizient als in einer Pipeline auf Tanklastwagen transportiert. Notabene von der Gesellschaft Union Pacific, die Warren Buffett gehört. Aber die Preise für Energie werden teurer. Bei tiefen Zinsen interessiert sich niemand für die Kosten einer Massnahme. Bei steigenden Zinsen, eines Tages, werden sich die Leute dafür interessieren. 

Wie werden Sie ihren 75. Geburtstag feiern? 

Am letzten Tag des Monats, und das ist der 28. Februar, also mein Geburtstag, werde ich den "Doom, Boom, Gloom"-Report redigieren, um ihn dann herausschicken zu lassen. Ich werde mich aber auch mit klassischer Musik beschäftigen: Mich interessiert Musik als Element der Gesellschaft. Die grossen Komponisten waren schon unglaubliche Genies, die unglaubliches geschafft haben. Und dies ohne Hilfe vom Staat!

Wann glauben Sie, werden Sie das nächste Mal in der Schweiz sein? 

Ich werde die Schweiz wieder besuchen, wenn ich bei der Rückkehr nach Thailand nicht mehr in Quarantäne muss. Ich habe aber keinen Stalldrang. Mir geht es gut hier in Thailand. Ich gehe weniger aus, weil weniger läuft. Aber ich gehe schon noch ein, zweimal pro Woche aus. Früher war das jeden Tag, aber jetzt muss ich meine "Kondition erhalten". 

 
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