«Die Entwicklungen im Nahen Osten verheissen nichts Gutes», sagt Nick Twidale, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses ATFX. Dennoch seien die Börsen dank der wieder gefragten Technologiewerte überraschend robust. Er bleibe jedoch vorsichtig, da das Risiko einer erneuten Sperrung der für den Welthandel wichtigen Strasse von Hormus nicht ausgeschlossen werden könne.
Auf Wochensicht verbuchten S&P 500 und Nasdaq in der abgelaufenen Woche Gewinne, während der Dow leicht nachgab. Schlechter sah es in Europa aus: Der Swiss Market Index verbuchte ein Minus von 1,3 Prozent. Der deutsche Dax büsste in den letzten fünf Handelstagen insgesamt gar knapp drei Prozent ein, nachdem er zunächst auf ein Rekordhoch von 25'900,10 Punkten geklettert war. Damit steuerte der deutsche Leitindex auf den grössten Wochenverlust seit etwa vier Monaten zu.
Einer der Auslöser der Verkäufe waren die wieder aufgeflammten Kämpfe zwischen den USA und dem Iran. In der Nacht auf Sonntag hat das US-Militär eine dritte Angriffswelle gegen den Iran in dieser Woche abgeschlossen. Dabei seien rund 140 militärische Ziele getroffen worden, teilt das US-Zentralkommando auf der Plattform X mit.
Die iranischen Revolutionsgarden ihrerseits haben nach eigenen Angaben ein zweites Schiff in der Strasse von Hormus ausser Gefecht gesetzt und den strategischen US-Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar mit ballistischen Raketen angegriffen.Anlagestratege Neil Wilson vom Brokerhaus Saxo Markets rechnet jedoch nicht mit einer weiteren Eskalation, da eine Beruhigung der Lage im Interesse beider Konfliktparteien sei.
Unterstützung für die Aktienkurse versprechen sich Börsianer neben einer Erholung der Technologiewerte von den nachlassenden Spekulationen auf eine nahende US-Zinserhöhung. Commerzbank-Volkswirt Christoph Balz prognostiziert für Juni im Vergleich zum Vormonat einen Rückgang der US-Inflation um 0,2 Prozent. Die preistreibenden Effekte der Fussball-Weltmeisterschaft seien gering.
Zwar liege die Teuerung mit 2,9 Prozent im Jahresvergleich über der Fed-Zielmarke von etwa zwei Prozent. Dennoch sei nicht mit einer baldigen Zinserhöhung zu rechnen. Die Notenbank werde voraussichtlich darauf vertrauen, dass sich die Inflation auch ohne einen solchen Schritt abschwächt. Eine Bestätigung dieser Einschätzung könnte das «Beige Book», der Fed-Konjunkturbericht, liefern. Es wird ebenso wie die Inflationszahlen am Mittwoch veröffentlicht.
Am Tag darauf stehen die US-Einzelhandelsumsätze an, die als Hauptstütze für die weltgrösste Volkswirtschaft gelten. Hier sagen Analysten ein Plus von 0,3 Prozent voraus.
US-Grossbanken läuten Bilanzsaison ein
In der neuen Woche beginnt zudem die US-Bilanzsaison. Wie üblich eröffnen die Grossbanken den Zahlenreigen. Am Montag öffnen Bank of America, Wells Fargo, Goldman Sachs, Citigroup und JPMorgan ihre Bücher. «Für die grossen Institute wird ein Zinsertragswachstum im hohen einstelligen Prozentbereich erwartet», sagt Aktienmarkt-Experte Johannes Jahn von der Fürst Fugger Privatbank. Auch im Investmentbanking könne mit einem Aufschwung gerechnet werden.
Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst der Consorsbank, mahnt jedoch zur Vorsicht. «Die Erwartungen sind hoch, vielleicht zu hoch. Damit steigt die Gefahr, dass es zu Enttäuschungen kommt.» In der alten Woche hatte der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung die Markterwartungen trotz kräftiger Umsatz- und Gewinnsteigerungen verfehlt. Spekulationen auf ein Abflauen des KI-Booms schickten die Technologiewerte anschliessend auf Talfahrt.
Von den Zahlen des niederländischen Chip-Ausrüsters ASML am Mittwoch und des Chip-Auftragsfertigers TSMC am Donnerstag erhoffen sich Börsianer Hinweise auf die weitere Entwicklung des Sektors. Ebenfalls am Donnerstag legt mit dem Streamingdienst Netflix der erste grosse US-Technologiekonzern seine Quartalsergebnisse vor.
In der Schweiz veröffentlicht die Zuger Kantonalbank am Dienstag die Halbjahreszahlen. Die Resultate geben Hinweise auf die Geschäftsentwicklung der Kantonalbanken und anderer Finanzinstitute in den ersten sechs Monaten.
Der Uhren- und Schmuckkonzern Richemont bringt am Mittwoch die Jahreszahlen. Als weiterer SMI-Konzern gibt gleichentags die an der Börse kriselnde Partners Group Einblicke in die Entwicklung der verwalteten Vermögen im ersten Halbjahr. Ebenfalls am Mittwoch veröffentlicht die Online-Apotheke DocMorris das Geschäftsupdate zum zweiten Quartal.
Am Donnerstag öffnet der Technologiekonzern ABB die Bücher für den Geschäftsverlauf im zweiten Quartal. Die Halbjahreszahlen publizieren ebenfalls am Donnerstag Georg Fischer, Rieter, DKSH und Mikron.
(Reuters/cash)

