Ein bisschen Partystimmung könnte der deutschen Autoindustrie nicht schaden, wenn sie sich in der zweiten Septemberwoche auf der Messe IAA Mobility in München präsentiert. Mit Blick auf die grossen Märkte China und USA sind die Sorgenfalten derzeit tief: In China haben Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW Absatzprobleme. In den USA müssen die Autobauer und Zulieferer künftig mit 15 Prozent Einfuhrzoll zurechtkommen, sechs Mal so viel bisher. Am Heimatmarkt Europa fehlt die Dynamik. Die Verkäufe dümpeln, der Durchbruch bei Elektroautos lässt auf sich warten. Doch der Branchenverband will die Probleme in München erstmal vergessen machen.

Die Branche wolle mit der Messe ein Symbol der Stärke und Zuversicht ausstrahlen, sagte Jürgen Mindel, beim Branchenverband VDA zuständig für die Messe. Neue Autos stehen auf dem Programm, wie die Neue Klasse von BMW, die mit dem elektrischen SUV iX3 ihren ersten Aufschlag macht, oder das Mercedes-Modell GLC. Gesprächsthema auf der Messe, die von 9. bis 14. September stattfindet, dürfte aber die Frage sein, wie die Antwort auf die vielen Krisen ausfallen kann.

Durch den US-Handelsstreit und unterschiedliche Entwicklungen in Sachen Klimaschutz werden die drei grossen Absatzregionen Asien, Nordamerika und Europa immer abgeschotteter. «Die USA werden stärker ein Verbrennermarkt, China wird ein Elektromarkt», sagt Beatrix Keim, Direktorin des Center Automotive Research (CAR). Entsprechend müssten in immer grösserem Umfang Fahrzeuge spezifisch für die einzelnen Märkte entwickelt werden. Das aber setzt den Standort Europa unter Druck. Denn das alte Geschäftsmodell, in dem Autos «Made in Germany» weltweit verkauft wurden, funktioniert so nicht mehr.

Mehr chinesische Hersteller zeigen ihre Autos

Zugleich steigt die Konkurrenz auf dem Heimatmarkt. Das zeigt der Blick auf die Ausstellerliste der Messe, die neben der Auto Shanghai die weltweit führende Branchenshow ist. Von den grossen Autobauern bleibt nur der japanische Hersteller Toyota fern. Zurückgekehrt sind hingegen der koreanische Anbieter Hyundai und der schwedische Hersteller Volvo. Auch chinesische Konkurrenten, die in Europa Marktanteile gewinnen wollen, treten an - so etwa BYD, Xpeng oder Leapmotor. Insgesamt sind es mehr als 30 Automarken, die ihre Produkte der Kundschaft vorstellen.

Genaue Zahlen zu den Ausstellern will der VDA erst kurz vor Messebeginn nennen. Derzeit liege die Zahl der Anmeldungen auf dem Niveau von 2023, heisst es. Dabei wird die Messe internationaler. Allein aus China hätten sich 40 Prozent mehr Unternehmen als noch 2023 angemeldet, sagte Jan Heckmann, Projektleiter beim VDA. Darunter sind neben den Herstellern auch Zulieferer wie der Batteriezellgigant CATL oder Sensorikanbieter.

Die Messe selbst erstreckt sich mit ihrem «Open Space» bei freiem Eintritt für ein breites Publikum über die Münchner Innenstadt. Die Fachbesucher finden auf dem Messegelände die Fahrzeug- und Technikausstellungen vor und können an einem Kongress mit mehr als 500 Rednern auf fünf Bühnen teilnehmen. Mehr als 200 Autos stehen für Testfahrten bereit. Binnen kurzer Zeit seien die Stellplätze ausgebucht gewesen, welche die Messe den Herstellern zur Verfügung gestellt hatte, sagte Christian Vorländer, bei der Messe München für die IAA zuständig.

«Die europäischen Volumenhersteller müssen aufpassen, dass sie nicht überrannt werden», sagte Henner Lehne, Prognosechef der Sparte Global Mobility bei S&P. Zwar werde nicht jeder der chinesischen Neuankömmlinge überleben, aber die Unternehmen seien stark und verfügten über viel Geld, das sie für ihren Expansionskurs ausgeben könnten. Entscheidend sei es nun für die traditionellen Anbieter, den chinesischen Autos ein passendes Angebot gegenüberzustellen. In Europa seien vor allem Autos im B- und C-Segment gefragt, also in der Grösse etwa des VW Polo oder des Golf. Hier steigt das Angebot nur langsam. Renault hat in dieser Grössenordnung derzeit unter anderem den elektrischen R5 im Angebot. Volkswagen bringt seriennahe Varianten seiner elektrischen Kleinwagenfamilie um den ID.2 zur Messe mit, die ab kommenden Jahr in den Verkauf geht.

Verbrennerfahrzeuge spielen auf der Autoshow eine untergeordnete Rolle. Die Branche bleibt auf Kurs, vom klimaschädlichen Verbrennungsmotor auf emissionsfreie E-Mobilität umzustellen. Doch die Kunden sind immer noch zurückhaltend. Der Elektroautoabsatz wächst nicht so schnell wie erhofft. Entsprechend drängt die Branche die Politik immer stärker dazu, mehr Zeit für die Transformation zu bekommen. So forderte Mercedes-Chef Ola Källenius, derzeit Präsident des europäischen Lobbyverbandes ACEA, die EU müsse die CO2-Ziele für 2030 und 2035 aufgeben, diese seien nicht mehr realistisch. Vor allem das Verbrenner-Aus 2035 stösst den Bossen auf.

CAR-Expertin Keim warnt davor, den Verbrenner länger am Leben zu halten. «Es ist nicht sinnvoll, hier jetzt wieder zurückzurudern. Das verunsichert die Kunden nur.» Der E-Automarkt komme derzeit in Fahrt, mangelnde Ladeinfrastruktur und Preisaufschläge gegenüber Verbrennern seien bald kein Thema mehr. «Es dauert vielleicht noch fünf Jahre, bis der Kipppunkt zum Elektroauto weg vom Verbrenner erreicht ist.»

(Reuters)