Mit dem Einzug von Galderma und Sandoz und der damit verbundenen, stärkeren Gewichtung der Pharmatitel im Swiss Market Index (SMI), sind Schweizer Anlegerinnen und Anleger gezwungen, sich noch breiter aufzustellen. Nur so lassen sich Risiken effektiv diversifizieren. Neben der Pharmazie und den Nahrungsmittelherstellern bieten sich die ebenfalls defensiven Energiewerte an.
Die Valoren von Energieunternehmen werden als defensiv eingestuft, weil in Krisensituationen oder wirtschaftlich schwachen Zeiten die Nachfrage nach Strom, Gas oder Erdöl konstant bleibt. Entsprechend sind die Geschäftsmodelle der Energiefirmen weitgehend konjunkturunabhängig. Das wiederum ermöglicht es diesen Firmen, Investierenden eine hohe, verlässliche Dividende auszuschütten. Die Titel sind entsprechend weniger schwankungsanfällig als der Gesamtmarkt und zeichnen sich als Stabilitätsanker im Depot aus.
In der Schweiz ist es nicht einfach, in diesem Bereich zu investieren. Die klassischen Schweizer Energiekonzerne Axpo oder Alpiq, die sich überwiegend auf Stromproduktion, Netze und erneuerbare Energien fokussieren, werden mehrheitlich von den Kantonen und Gemeinden gehalten und sind nicht an der Börse kotiert. An der SIX Swiss Exchange stehen mit BKW, Edisun Power und Romande Energie nur drei Möglichkeiten zur Auswahl. Als wertstabile Aktie kommt aber nur BKW infrage, da sowohl Edisun als auch Romande Energie über die letzten zwei Jahre einen negativen Cashflow erwirtschafteten.
Werden die Valoren des Berner Stromkonzerns mit den Titeln im «Euro Stoxx Energy Index» verglichen, fällt das verhältnismässig hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf. Zum Vergleich: Zwar ist Siemens Energy mit einem KGV von 26 und Nordex mit 17 noch teurer bewertet. Neben Enagas, Gaztransport und Neste Oyj reiht sich BKW aber nahtlos in der Spitzengruppe mit einem KGV von 16 ein (siehe Tabelle). Dagegen bringen es Repsol auf ein KGV von 8, sowie SBM Offshore, OMV oder TotalEnergies mit einem KGV von 8.
| Firmen im «Euro Stoxx Energy Index» |
Dividenden- Rendite in % |
Kurs- Potenzial* | Kurs- Gewinn- Verhältnis |
| Vallourec | 8,10% | 27% | 10 |
| Enagas | 5,80% | 0% | 16 |
| OMV | 5,00% | -4% | 9 |
| Snam | 4,90% | 4% | 14 |
| Gaztransport Et Technigaz | 4,70% | 13% | 16 |
| TotalEnergies | 4,60% | 12% | 9 |
| Repsol | 4,30% | 0% | 8 |
| Saipem | 3,80% | 10% | 14 |
| Koninklijke Vopak | 3,80% | 18% | 12 |
| Galp Energia | 3,20% | 8% | 12 |
| Tenaris | 3,00% | 3% | 14 |
| Technip Energies | 2,90% | 29% | 11 |
| SBM Offshore | 1,50% | 28% | 9 |
| Neste | 0,60% | -4% | 16 |
| Siemens Energy | 0,40% | 28% | 26 |
| Eni | 1,10% | 13% | 10 |
| Nordex | -.- | 16% | 17 |
Quelle: Bloomberg, S&P500 Global (*durchschnittliches Kurspotenzial Analysteneinschätzungen).
Bei der Dividendenrendite fällt BKW im Vergleich ebenfalls ab. Der französische Energiekonzern Vallourec bringt es auf mehr als 8,1 Prozent, während sich BKW mit 2,7 Prozent im europäischen Vergleich im letzten Viertel einordnet. Unter den 18 im «Euro Stoxx Energy Index» vertretenen Unternehmen zahlt einzig Nordex keine Dividende, weil das Unternehmen seine Gewinne in den vergangenen Jahren konsequent reinvestiert hatte. Ziel des Unternehmens aus der Hansestadt Rostock ist es, das Produktionswachstum und die technologische Entwicklung von Windkraftanlagen voranzutreiben.
Allerdings ist Vallourec nicht nur wegen der hohen Dividendenrendite, sondern auch wegen des tiefen KGVs von 10 eine Überlegung wert. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist eine fundamentale Kennzahl zur Aktienbewertung, die den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn pro Aktie setzt. Es gibt an, wie viele Jahresgewinne ein Unternehmen erwirtschaften muss, um den aktuellen Aktienkurs zu bezahlen, und dient der schnellen Einschätzung, ob eine Aktie teuer oder günstig bewertet ist.
Zudem sehen Analysten bei Vallourec erhebliches Potenzial, weil das Unternehmen wieder hohe Cashflows erzielt. Trotz eines zuletzt geringeren Absatzvolumens bei Stahlrohren sichern hohe Durchschnittspreise und operative Effizienz robuste Gewinnmargen und hohe Barmittelzuflüsse. Entsprechend gelang es, die Schulden abzubauen und die Eigenkapitalbasis zu stärken.
Im Gegensatz zur Schweizer Börse sind in Wien deutlich mehr Energietitel gelistet. Dabei stechen der niederösterreichische Energieversorger EVN und der Verbund heraus. Die Verbund AG ist Österreichs grösstes Energieunternehmen und einer der wichtigen Stromerzeuger aus Wasserkraft in Europa. Das Unternehmen deckt - ähnlich wie die BKW - fast die gesamte Wertschöpfungskette der Energieversorgung ab.
Bei allen drei Firmen kann sich der Gesamtertrag einer Investition über die letzten zehn Jahre sehen lassen. Die Gesamtrendite - sprich: Kursgewinnen zuzüglich Dividendenerträge - beträgt auf Frankenbasis beim Verbund 17,1 Prozent, bei der BKW 15,1 und bei EVN 13,1 Prozent, während es der «Euro Stoxx Energy Index» auf 8,8 Prozent bringt.
Die von den Analysten favorisierten Vallourec sind dem führenden europäischen Energieindex dagegen in den vergangenen zehn Jahren hinterhergehinkt. Der Titel hat sich in dieser Zeitspanne halbiert, weil Fehlkalkulationen und Investitionen in Überkapazitäten in einem extrem zyklischen Markt zu einer hohen Schuldenlast und bilanziellen Verlusten beim Unternehmen aus Meudon bei Paris führten. Das erforderte über die letzten Jahre mehrere Restrukturierungen.
BKW mit hohen Ambitionen
An Ambitionen fehlt es der BKW nicht. Bis ins Jahr 2030 soll der operative Gewinn auf 850 Millionen bis 1,2 Milliarden Franken steigen, nach 600 Millionen Franken im Jahr 2025. Zudem sollen Investitionen von vier Milliarden Franken zwischen 2025 und 2030 durch einen operativen Cashflow von fünf Milliarden Franken im selben Zeitraum gedeckt werden.
Die UBS stuft seit Anfang Juli die BKW-Valoren mit «Neutral» und einem auf 135,90 von 145 Franken reduzierten Kursziel ein. Für den Bereich Infrastruktur und Gebäude erwarten der UBS-Experte Tommaso Operto zwar weiterhin solide Wachstumsraten, sowohl beim Umsatz als auch bei der Margenverbesserung. Allerdings dürfte der Grossteil der Verbesserung nicht im Jahr 2026, sondern erst 2027 eintreten.
Allerdings sei mit höheren Kosten für Investitionen in Cybersicherheit zu rechnen, meint der UBS-Analyst weiter. Deshalb habe er die gewichteten Kapitaldurchschnittskosten für den Bereich Netze im Geschäftsjahr 2027 von 3,43 Prozent auf 3,28 Prozent reduziert. Die grössten Auswirkungen haben jedoch negative Indikatoren für den Bereich Energielösungen, die sich aus einem negativen Einfluss auf die Handelsgewinne und einem weiteren Jahr mit verhaltener Wasserkraftproduktion ergeben. Deshalb favorisieren die Experten der UBS Titel wie EDP, Greenenergy, Orsted, RWE oder Solaria. Die fünf Aktien werden mit dem Rating «Buy» eingestuft.
ETFs als Alternativen zu Einzeltiteln
Wer dem Klumpenrisiko eines Einzeltitels aus dem Weg gehen will, findet in ETF - sogenannte «Exchange Traded Funds» oder börsenkotierte Indexfonds - Alternativen. Es gibt zwei ETF, die sich auf Europa fokussieren. Einerseits ist dies der «iShares MSCI Europe Energy Sector UCITS ETF», andererseits der «State Street SPDR MSCI Europe Energy». Beide decken den europäischen Energiesektor breit ab, sind aber schwergewichtig im Erdölsektor engagiert.
Allerdings gilt es zu bedenken, dass die Vehikel stark in fossilen Energieträgern investiert sind. Der «iShares MSCI Europe Energy Sector UCITS ETF» hat 32 Prozent des Vermögens in Shell investiert, 17 Prozent in BP, 16 Prozent in TotalEnergies sowie 9 Prozent in ENI. Beim «State Street SPDR MSCI Europe Energy» ist der Shell-Anteil mit 34 Prozent noch höher, gefolgt von BP mit 19 Prozent, TotalEnergies mit 18 Prozent sowie ENI mit 8 Prozent. Beim zweitgenannten Fonds sind aber auch die im Euro Stoxx Energy Index enthaltenen Repsol, Neste, OMV oder Galp Energia prominent vertreten.
Wer bevorzugt in erneuerbare Energien investieren will, kann nur auf global investierende ETFs zurückgreifen. Eines der bekannteren Produkte ist der «Amundi MSCI New Energy UCITS ETF». Die grössten Positionen sind Iberdrola (9,1 Prozent), GE Vernova (9,0 Prozent), Schneider Electric (8,7 Prozent), NextEra Energy (8,3 Prozent), Murata Manufacturing (7,9 Prozent) oder Siemens Energy (7,7 Prozent).

