Gewinnbeteiligung für Aktionäre - Können Dividenden zu hoch sein?

Aktionäre erwartet wieder ein warmer Geldregen: Die Dividendensaison hat begonnen und viele Unternehmen haben die Ausschüttungen erhöht. Anleger sollten sich von guten Dividenden aber auch nicht ablenken lassen.
22.03.2017 07:31
Von Marc Forster und Ivo Ruch
Wie die historischen Wasserspeier an diesem Brunnen schütten die Unternehmen grosszügig Dividende aus.
Wie die historischen Wasserspeier an diesem Brunnen schütten die Unternehmen grosszügig Dividende aus.
Bild: Pixabay

Bei den Bilanzvorlagen der Unternehmen gilt das Augenmerk von Anlegern und Analysten neben Umsatz, Gewinn und Geschäftsentwicklung immer auch ganz stark der Dividende. Dieses Jahr sticht ins Auge, dass Grosskonzerne genauso wie mittelgross und klein kapitalisierte Unternehmen die Ausschüttungen anheben.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht "Dividende erhöht" in den frühmorgendlichen Schlagzeilen zu den Jahreszahlen steht. Indessen hat Roche die Dividende von 8,20 Franken auf den Genussschein am vergangenen Donnertag bereits ausbezahlt. Das Gros der Unternehmen entrichtet Auschüttungen im April und Mai an die Aktionäre. Diese freut's: Mit der Tiefzinsphase haben sich viele Anleger auf diese Zahlungen quasi als Renditeersatz für wenig abwerfende Anleihen eingestellt, und die Erwartungen sind entsprechend hoch. "Dividendenperlen" oder "Dividendenaristokraten" werden viel diskutiert, also jene Unternehmen, bei denen die durch die Ausschüttung erzielte Rendite hoch ist.

Im Fokus stehen dabei besondres Unternehmen, wo die Höhe der Dividende pro Aktie mehr als 4 Prozent des Aktienkurses beträgt. Die Versicherer Zurich (Dividendenrendite 5,9 Prozent) und Swiss Re (5,3 Prozent) führen den SMI diesbezüglich an, aber auch die Banken Credit Suisse (4,6 Prozent) und UBS (3,8 Prozent) rangieren ganz oben (siehe Tabelle). 

Dividendenpolitik in etwa wie erwartet

Anleger müssen den Dividendenknick in Kauf nehmen – also wenn die Gewinnbeteiligung ausgeschüttet wird und der Wert der Aktie um die Höhe der Dividende gekürzt wird. Aber beunruhigt ist man deswegen nicht: Man vertraut darauf, dass der "gap" bald wieder aufgeholt ist (die Zurich-Aktie zum Beispiel holte den Abschlag 2016 innerhalb von fünf Wochen wieder auf) - oder man nutzt die Kursdelle zum Einstieg oder zur Wiederanlage der Dividende. Nur: Ist das alles nachhaltig oder ist die Konzentration auf die Rendite mittlerweile zu hoch?

Zu hohe Dividenden zehren an der Substanz und der Innovationsfähigkeit von Unternehmen. Schreiben Firmen Verlust, fällt die Dividende aus. Die UBS bezahlte in den Krisenjahren 2007 bis 2010 keine Dividenden. Als 2011 wieder ausgeschüttet wurde, gab es Kritik, die Bank solle Gewinne lieber einbehalten und Kapital aufbauen.

Bei der Zurich Insurance Group bestand wegen operativer Probleme allgemein die Erwartung, dass für 2015 die hohe Dividende von 17 Franken gekürzt werde. Dies geschah nicht, genausowenig wie nun beim abgeschlossenen Geschäftsjahr 2016. Der Versicherer hat sich operativ allerdings auch wieder etwas gefangen. Auch der gute Dividendenzahler Swiss Re hat in den vergangenen Jahren vermehrt Sonderdividenden entrichtet und zudem Geld in Form von Aktienrückkäufen en Anteilseignern zugeführt. Das unterschwelige Problem dabei ist aber, dass Swiss Re das Geld nicht für Wachstum einsetzen wollte - oder zuwenig Verwendungszweck für das Kapital fand.

Bilanzsaison 2016 etwa erwartungsgemäss

Die Dividendenerhöhungen in dieser Bilanzsaison 2016 fielen in etwa wie erwartet oder leicht über Erwarten aus, sagt Fondsmanager Hans Speich, der für die Bank Vontobel den "Swiss Dividend" Fonds leitet. Enttäuscht habe bisher niemand. Zudem: "Wir betrachten diese Dividendenerhöhungen als nachhaltig. Entscheidend ist der Geschäftsverlauf der Unternehmen, und dieser ist gut."

Deswegen dürften die Unternehmen auch im nächsten Jahr die Dividende zumindest halten. Bei einigen Titeln werde es auch wiederum Erhöhungen geben: "Bei den SMI-Titeln sind dies sicherlich Nestlé, Roche und Novartis sowie ABB. Etwas schwieriger in Bezug auf die Dividende sind grundsätzlich die Banken, wobei auch dort der Trend nach oben zeigt."

Zuversicht der Unternehmen offenbar gross

Bei 13 SMI-Konzernen liegt die Pay-Out-Ratio, also der Anteil des Gewinns, der für Dividenden ausgezahlt wird, über 60 Prozent - teils deutlich. Bei Novartis liegt diese Ausschüttungsquote bei 98,9 Prozent. Eine Credit Suisse bezahlt Dividende, obwohl sie 2,35 Milliarden Franken Verlust geschrieben hat. Vom Asset Manager GAM ist bekannt, dass sogar mehr als der Gewinn als Dividende ausgeschüttet wird. Nachhaltig wird diese Auszahlungspolitik erst, wenn GAM die Kosten besser in den Griff bekommt.

So viel Dividende bezahlen die SMI-Firmen 2017

Aktie Dividende für 2015, in CHF Dividende für 2016, in CHF Payout ratio, in % Dividendenrendite per 21.03.17, in %
ABB 0,74 0,76 83,2 3,3
Actelion* 1,5 0 - -
Adecco 2,1 2,4 51,9 3,4
CS 0,7 0,7 -58 4,6
Geberit 8,4 10 67,2 2,3
Givaudan 54 56 80,1 3
Julius Bär 1,1 1,2 37,2 2,4
LafargeHolcim 1,5 2 67,6 3,4
Nestlé 2,25 2,3 67,5 3
Novartis 2,7 2,75 98,9 3,6
Richemont** 1,7 1,8 71,2 2,3
Roche 8,1 8,2 73 3,2
SGS 68 70 92,3 3,2
Swiss Life 8,5 11 38 3,4
Swiss Re 4,6 4,85 45,2 5,3
Swisscom 22 22 75,6 4,8
Syngenta* 11 0 - -
Swatch 7,5 6,75 63,6 2
UBS 0,85*** 0,5 67,4 3,8
Zurich 17 17 76,7 5,9

* Bezahlen aufgrund bevorstehnder Übernahmen keine Dividende ** Jahreszahlen folgen am 12.05.17, bei den Zahlen handelt es sich um Schätzungen *** Inklusive Sonderdividende von 0,25 CHF (Quellen: Vontobel, cash.ch)

Problematisch ist für Aktionäre, wenn die Pay-Out-Ratio stärker wächst als die Dividenden wachsen. Trifft dies zu, gibt dies den Aktionären einen Hinweis darauf, dass Probleme eines Unternehmens kaschiert werden sollen. Die Pay-Out-Ratio gibt allerdings nur bedingt Aufschluss über das Ausmass an Mitteln, die ein Unternehmen weitergibt, wie Vontobel-Fondsmanager Speich sagt: "Entscheidend ist der Free Cash Flow. Novartis etwa schüttet 98,9 Prozent des Reingewinns aus, aber der generierte Free Cash Flow ist 50 Prozent höher als die ausgeschüttete Dividende."

Die Niveaus der Dividendenzahlungen seien nicht extrem hoch, sagt Sven Bucher, Leiter Analyse bei der Zürcher Kantonalbank: "Sie zeigen auch, dass die Unternehmen über stärkere Bilanzen verfügen und bezüglich des Geschäftsgangs zuversichtlich sind. Zumindest die kotierten Unternehmen haben gelernt, mit dem Euro-Franken-Kurs zu leben."

Macht Dividende allein glücklich?

Voraussetzung für gleich hohe oder höhere Dividenden in nächsten Jahr ist natürlich, dass es keine internen oder externen Schocks gegen die Wirtschaftslage gibt. Es bestehen jetzt schon Stimmen, welche die Dividendenerhöhungen alles in allem für überhöht halten  - oder eine Ablenkung von den wichtigen Themen der Schweizer Unternehmen.

Urs Beck, Fondsmanager bei EFG International Asset Management, sieht die Jagd nach Dividende kritisch: "Mich interessiert die Dividende bei Aktien recht wenig", sagt er. Die Dividendenerhöhungen in diesem Jahr seien eher ein "Trösterli" für die Aktionäre. "Operativ läuft es soso-lala, aber man will die Aktionäre bei der Stange halten. 2016 lief als Geschäftsjahr einigermassen gut, aber nicht brilliant."

Beck hält die Dividendenpolitik vieler Unternehmen für wenig nachhaltig: Den Ausschüttungen liege weniger ein Gewinnwachstum, sondern eine Erhöhung der Pay-Out-Ratio zugrunde. Angesichts tiefer Zinsen überlegten sich natürlich viele Unternehmen, was der Aktionär gerne hören wolle: "Aber durch die Versteifung der Aktionäre auf die Dividende treten andere Überlegungen in den Hintergrund: Viel spannender sind Wachstumsstorys, die der Aktie ein Upside bieten."