cash.ch: Frau Pflugi, als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, sahen Sie das südkoreanische Unternehmen SK Hynix in einer führenden Position bei hochleistungsfähigen Speicherchips. Wie beurteilen Sie den Technologiekonzern heute, kurz nach dem Börsengang in den USA?

Evelyne Pflugi: Der Bereich der Anbieter von Rechenleistung ist schon seit 2022 der am besten laufende Sektor in unserem Portfolio, obwohl oft vor allem von den «Magnificent 7» gesprochen wurde. Mittlerweile lösen die «Super Semis» die Mag 7 ab, und da stehen SK Hynix, Micron und Samsung im Fokus der Aufmerksamkeit. Und sie werden es bleiben, zu Recht. Denn diese Firmen profitieren von einem Flaschenhals in der Wertschöpfungskette.

Wie das?

Einerseits ist die Nachfrage nach Rechenleistung und damit nach Hochleistungs-Speicherchips enorm hoch. Andererseits braucht es rund vier Jahre, bis ein Unternehmen technologisch in der Lage ist, solche Chips herzustellen. Deshalb teilen sich die schon etablierten Unternehmen - SK Hynix, Micron und Samsung - den Markt auf, ohne dass ihnen echte Konkurrenz erwächst. Die Erfahrung beweist es: Alle drei bestehenden Player sind über die Jahre stark gewachsen. Weil sie immer noch einen Innovationsvorsprung und Preisgestaltungsmacht haben, halten wir an ihnen fest.

Sie haben soeben das Rebalancing Ihres Portfolios abgeschlossen. Welche Veränderungen gab es?

Wir schauen stets darauf, ob die Unternehmen durch Innovation tatsächlich wachsen und Gewinne erzielen. Alles andere interessiert uns nicht. Die grösste Veränderung war der Ausstieg aus dem Cloud-Thema - konkret aus Cloud Integration, Cloud Services, Cloud Consulting. Das bedeutet, dass Firmen wie Amazon, Microsoft, Oracle und so weiter gemäss unserem Innovationsansatz zurückgefallen sind. Sie werden nun untergewichtet oder sind, wie Oracle, ganz rausgeflogen. Im Portfolio bleiben Alphabet, Broadcom und Meta, wenn auch aus einem bestimmten anderen Grund.

Nämlich?

Alphabet und Meta werden durch die KI-gestützte Werbung weiterhin getragen. Es geht darum, dass Werbung durch künstliche Intelligenz besser platziert und somit gebucht wird, und das mit Preisgestaltungsmacht. Dadurch werden die Erträge von Alphabet und Meta in diesen Bereichen stärker steigen als der Markt erwartet.

Gab es sonst Veränderungen in Ihrem Portfolio?

Wir sind nun auch aus dem letzten Software-Bereich ausgestiegen, der noch in unserem Portfolio gewesen war: Enterprise Resource Planning Systems (ERP-Systeme). Hinzugekommen ist Autonomes Fahren der Stufen vier und fünf. Das sind Autos, die ohne Korrektur durch Menschen auch in grossen Städten problemlos fahren können.

Es gebe eine Blase des passiven Investierens, sagen Sie. Was ist die Begründung?

Schauen Sie: Im Nasdaq-100 beträgt das Ertragswachstum 300 Prozent seit 2017. Dabei verzeichnen 70 der 100 Unternehmen nur 19 Prozent Ertragswachstum, aber 250 Prozent Aktienperformance. Anleger, die in den Gesamtmarkt investieren, kaufen Aktien, die ein sehr unterdurchschnittliches Wachstum aufweisen und sehr teuer sind. Das ist die Blase. Man fährt darum besser, wenn man sich auf die ertragsstarken Titel fokussiert. So haben die Nasdaq-Unternehmen in unserem Portfolio 815 Prozent Ertragswachstum geliefert. Wir haben wirklich den ganzen Saft aus dem Nasdaq gepresst. Da ist kein Tesla und kein Apple mehr drin.

In Ihrem «US Innovation Leaders»-Fonds machen sieben KI-Aktien, darunter Nvidia, Alphabet, Meta und Applied Materials, gut 80 Prozent des Gesamtportfolios aus. Bereitet Ihnen die KI-Blase, von der seit Längerem die Rede ist, keine Sorgen?

Künstliche Intelligenz ist der Wachstumstreiber der ganzen Wirtschaft, und wo Geld verdient wird, kann keine Blase sein. Es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, dass die Finanzierung von KI zurückgeht. Zudem treffen die massiven Investitionen der Hyperscaler auf Sektoren, in denen es schlicht nur eine sehr überschaubare Anzahl Firmen gibt. Das führt zu Engpässen und folglich zu höheren Preisen, Gewinnen und Margen. KI ist auch mehr als nur der Halbleiterbereich. Auch Kühlsysteme, Gasturbinen, Stromversorgung und so weiter gehören dazu. Der Boom um Künstliche Intelligenz ist enorm breit abgestützt.

Die Politik, das heisst die Regulation, kann den KI-Trend ausbremsen. Was denken Sie?

Auf der einen Seite: Ja. Regulation, speziell in Europa, weniger in den USA, wächst und behindert den Trend. Auf der anderen Seite: Nein. Denn KI ist ein geopolitisches Thema. Was glauben Sie, was die US-Regierung unternehmen würde, wenn OpenAI ins Straucheln gerät?

Sie sagen es mir bestimmt.

Die US-Regierung würde eingreifen und investieren, bevor OpenAI kollabiert.

Das wäre ein weiterer Eingriff in die an sich freie Wirtschaft.

Das mag stimmen. Aber die grosse Frage auf der weltpolitischen Bühne ist jene nach der Technologieführerschaft im Feld der Künstlichen Intelligenz. Da wird sich keiner der mächtigen Politiker Blösse geben. Das ist der Tenor, den ich in den letzten sieben von mir besuchten Konferenzen zur Geopolitik mitbekommen habe.

Ein Teil der massiven Investitionen ist schuldenfinanziert. Was, wenn die Zinsen und mit diesen die Schuldenlast auf den Unternehmen wächst?

Ja, die Investitionen sind teilweise fremdfinanziert. Aber das sind Firmen mit einer gewaltigen Verhandlungsmacht - Amazon, Alphabet, Meta, Nvidia. Die grössten Bilanzen der Welt schliessen hier Verträge mit Banken ab und werden dabei günstige Konditionen aushandeln. Und zwar bald, wenn sie es nicht schon getan haben. Dann sind die Zinsen langfristig fixiert und die Unternehmen gegen Zinsanstiege geschützt.

Neben dem Technologiesektor ist auch der Pharmasektor innovativ. Da werden Ihnen einige Unternehmen auffallen, die durch Innovation robuste Gewinne erzielen. Welche?

Pharma erfüllt die Kriterien unseres Investmentansatzes hinten und vorn nicht. Ausnahmen sind vielleicht Bioreaktoren, bei denen auch Lonza aktiv ist, und chirurgische Robotik.

Warum die Skepsis?

Pharma-Aktien steigen, wenn Studiendaten veröffentlicht werden oder ein Patent erteilt wird. Beides aber ist noch kein wirtschaftlicher Gewinn, sondern höchstens das Versprechen darauf.

Haben Sie Beispiele, die das zeigen?

GLP-1 war eine gewaltige Lektion für uns. Eli Lilly und Novo Nordisk haben den Schlüssel zur Lösung eines der grossen Zivilisationsprobleme gefunden: Mittel gegen Übergewicht. Und was geschah? Das Patent wird per Regierungsbeschluss aufgehoben, die Konkurrenz stieg ein und der Markt ging kaputt. Das kann bei Hochleistungs-Speicherchips nicht geschehen, weil es Jahre dauert, bis ein Unternehmen solche Chips überhaupt herstellen kann. Die natürlichen Markteintrittshürden sind hier sehr hoch.

Welche Chancen gibt es für Anleger, die das Thema KI meiden oder sich durch andere Aktieninvestments breiter aufstellen wollen?

Es gibt Sektoren, die nichts mit KI zu tun haben. Nur ein Beispiel: Hersteller von Flugzeugmotoren stehen vor einer Welle, welche die Fluggesellschaften vor gut zwei Jahren losgeschickt haben. Sie erneuern die Motoren ihrer Flugzeuge und stellen dadurch eine ungewöhnlich hohe Nachfrage. Das führt zu Auftragswachstum bei Unternehmen wie GE Aerospace oder Rolls-Royce.

Evelyne Pflugi ist CEO und Mitgründerin des Vermögensverwalters Singularity Group in Zürich. Zuvor verantwortete sie als Portfoliomanagerin den Energiefonds von GAM Investment Management in Zürich und betreute als aktive Managerin verschiedene Mandate im Bereich Natural Resources. Davor war sie Portfoliomanagerin sowie Analystin bei Capital Research Global Investors in London. Pflugi hat einen Master-Abschluss in Ingenieurwissenschaften der ETH Zürich mit den Schwerpunkten Lebensmittelwissenschaften, Biochemie und Biotechnologie.

Reto Zanettin
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