Der cash Insider berichtet auch im Insider Briefing jeweils vorbörslich von brandaktuellen Beobachtungen rund um das Schweizer Marktgeschehen und ist unter @cashInsider auch auf X/Twitter aktiv.
+++
Als ob die vielen Halbjahresergebnisse von Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe uns Wirtschaftsjournalisten und Börsenkolumnisten nicht schon genug auf Trab halten würden, bricht seit gestern Donnerstag auch noch eine Welle an Aktienumstufungen über den Schweizer Aktienmarkt herein. Ich zähle nicht weniger als sieben Umstufungen oder Erstabdeckungen innerhalb der letzten etwas mehr als 24 Stunden. Jene der vorangegangenen Handelstage hinzugerechnet, kommt man sogar auf mehr als deren zehn.
Ganz besonders fleissig waren die Nebenwertespezialisten von Research Partners. Während Analyst Eugen Perger den Börsenüberflieger Accelleron bei einem Kursziel von 75 (zuvor 78) Franken von «Kaufen» auf «Halten» abstraft, nimmt sein Abteilungskollege Ilya Burgansky das Anlageurteil für den Zugbauer Stadler Rail von «Halten» auf «Kaufen» hoch. Und um seiner wiedergewonnenen Zuversicht den nötigen Nachdruck zu verleihen, veranschlagt er neuerdings ein Kursziel von 26,70 (zuvor 23,20) Franken.
Bei Accelleron streicht Perger seine Gewinnschätzungen um bis zu 16 Prozent zusammen. Das ist deutlich mehr, als angesichts der leicht tieferen Margenvorgaben des Unternehmens für das laufende Jahr zu erwarten wäre. Bei der Kaufempfehlung für die Aktien von Stadler Rail dreht sich hingegen alles um die längerfristig intakten Branchenaussichten und der ab dem kommenden Jahr zu erwartenden Belebung beim Zugbauer. Ich selber bleibe zurückhaltend. Mehr dazu etwas später in der Kolumne.
Mich überrascht schon sehr, wie drastisch einige Banken ihre Kursziele für Accelleron eigentlich erhöhen müssen. Ich denke da etwa an Analyst John Kim von der Deutschen Bank. Er sieht sich nach der Zahlenveröffentlichung erstmals seit Monaten dazu veranlasst, sein Bewertungsmodell zu überarbeiten und veranschlagt neuerdings ein Kursziel von 62 (zuvor 39) Franken. An seinem «Hold» lautenden Anlageurteil hält er indes fest. Ähnlich wie Kim ergeht es übrigens manch weiterem Berufskollegen.
Oddo-Analyst Adrian Pehl hat seine Hausaufgaben hingegen gemacht und hält Accelleron nach dem starken Lauf der letzten Monate für ausgereizt und geht mit einem überarbeiteten Kursziel von 70 (zuvor 71) Franken von «Outperform» auf «Neutral». Am Geschäftsmodell der einstigen ABB-Tochter findet er weiterhin grossen Gefallen.
Beeindruckender Höhenflug der Accelleron-Aktien seit der Abspaltung von ABB (Quelle: www.cash.ch)
Seine Abteilungskollegen nehmen ihrerseits die Erstabdeckung der Aktien von Georg Fischer mit «Outperform» und einem Kursziel von 78 Franken auf. Das Schaffhauser Industrieunternehmen konzentriere sich nach der Uponor-Übernahme auf das Kerngeschäft mit Wasser- und Durchflusslösungen. Dadurch schärfe sich sowohl das Wachstums- als auch das Margenprofil deutlich, wie die Oddo-Analysten schreiben.
Ein Kursfeuerwerk zündete gestern Donnerstag der für Kepler Cheuvreux tätige Analyst Martin Flückiger bei Arbonia. Er stufte die Valoren des Ostschweizer Bauzulieferers von «Hold» auf «Buy» herauf, nachdem diese weit unter das 7 Franken lautende Kursziel zurückgefallen sind. Flückiger glaubt, dass eine Belebung der europäischen Baukonjunktur dank der schlanken Kostenbasis für deutlich höhere Gewinne sorgen sollte. Dass er seine nächstjährigen Gewinnschätzungen um zehn Prozent kürzt, will da allerdings nicht so recht ins Bild passen.
Vontobel-Analyst Matteo Lindauer geht seinerseits bei den Aktien von Investis von «Buy» auf «Hold». Trotz des leicht höheren Kursziels von 145 (zuvor 144) Franken sieht er bei der Immobilienbeteiligungsgesellschaft zumindest vorderhand kaum noch Luft nach oben.
Der Appetit kommt beim Essen, dürfte sich der für die Zürcher Kantonalbank tätige Analyst Bernd Laux bei Huber+Suhner wohl gedacht haben. Denn obschon sich die Aktien des Vorzeigeunternehmens aus Herisau seit Mitte April nahezu im Kurs verdoppelt haben, stuft er diese von «Marktgewichten» auf «Übergewichten» herauf. Unter Berücksichtigung des kürzlich bekannt gewordenen Grossauftrags und der soliden Geschäftsentwicklung in der ersten Jahreshälfte veranschlagt der Analyst einen fairen Aktienkurs von knapp 139 Franken.
Interessant erscheint mir, dass alle diese Umstufungen bei den betroffenen Aktien grössere Kursbewegungen nach sich zogen. Mich erinnern diese Kursausschläge ein bisschen an jene, welche schon seit Wochen im Zuge der Unternehmensberichterstattung zu beobachten sind. Ausserdem fällt auf, dass die Banken vermehrt Aktien für sich entdecken, die bereits gut gelaufen sind.
Kommen wir nun aber auf die Ereignisse in Übersee zu sprechen. Es ist nämlich ein Angriff auf die Unabhängigkeit der amerikanischen Notenbank, der seinesgleichen sucht. Mit aller Kraft versucht der amtierende Präsident Donald Trump im Hinblick auf die Wahl der Notenbank-Gouverneure, ihm wohlgesonnene Personen in Stellung zu bringen. Dabei macht er – wenig überraschend - selbst vor höchst fragwürdigen Methoden nicht halt. Eben erst «feuerte» er die ihm nicht genehme Lisa Cook. Ausgang ungewiss...
Ziel dürfte es sein, die Leitzinsen drastisch zu senken. Schätzungen zufolge kostet Washington im laufenden Jahr alleine schon der Zinsendienst auf den Staatschulden satte 1200 Milliarden Dollar. Dieser Ausgabenposten könnte sogar noch üppiger werden, kommt bis Ende 2026 doch mehr als ein Viertel aller ausstehender amerikanischer Staatsanleihen aus der Tiefzinsphase zur Rückzahlung und müssen teurer refinanziert werden.
Für mich kommt der Angriff Trumps auf die amerikanische Notenbank – man kann es nicht anders sagen - einer feindlichen Übernahme gleich. Langjährige Leserinnen und Leser wissen, dass ich die Unabhängigkeit der Geldpolitik angesichts der seit Jahren beliebten «Schuldenfinanzierung durch die Notenpresse» schon eine ganze Weile in Frage stelle. Doch was Trump hier versucht, schlägt dem Fass den Boden aus.
Die Zeche hierfür zahlen letztendlich die Gläubiger Washingtons – sei dies in Form eines Zerfalls des Dollars oder aber, weil sie nicht mehr länger angemessen für die Risiken entschädigt werden. Da frage ich mich doch, was es noch alles braucht, damit gerade die ausländischen Gläubiger endlich aufwachen. Man braucht angesichts des Zwillings-Defizits (Kombination aus Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit) keinen Abschluss in Volkswirtschaftslehre in der Tasche zu haben, um erahnen zu können, dass die Amerikaner seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse leben. Finanziert wird dieses Zwillings-Defizit bekanntlich aus dem Ausland. Wenn sich die jüngsten Vorstösse für Washington da mal bloss nicht als Bumerang erweisen...
Wenden wir uns nun aber wieder dem hiesigen Börsengeschehen zu. Hohe Wellen warf am Mittwoch die Nachricht, dass Givaudan-Chef Gilles Andrier seinen Posten nach zwei Jahrzehnten an Christian Stammkoetter – eine erfahrene Führungskraft aus der Kaderschmiede des französischen Nahrungsmittelriesen Danone - weitergibt. Andrier wiederum will im kommenden Frühling für Calvin Grieder an die Spitze des Verwaltungsrats wechseln. So etwas wie eine «Cooling-off-Periode», wie es sie etwa bei unseren Nachbarn in Deutschland gibt, scheint man am Hauptsitz des Aromen- und Duftstoffherstellers in Genf jedenfalls nicht zu kennen.
Dass die Börse im ersten Moment recht unterkühlt auf den Rücktritt Andriers reagierte, ist ihr nicht zu verübeln. Unter Andrier verdreifachte sich der Jahresumsatz bei Givaudan auf rund sieben Milliarden Franken. Der Börsenwert stieg in dieser Zeit sogar von sechs auf 31 Milliarden Franken, wie Analyst Hans Peter Schmidlin von der Basler Kantonalbank vorrechnet. Das sind Traumwerte.
Für Schmidlin kommt der Wechsel an der Unternehmensspitze nicht wirklich überraschend, steht Givaudan doch unmittelbar vor dem Beginn eines neuen fünfjährigen Strategiezyklus. Dass sich der Verwaltungsrat mit Stammkoetter für einen Nachfolger von Ausserhalb entschieden hat, spricht für ihn dafür, dass man in Genf auf neue Ambitionen denn auf Kontinuität setzt. Am «Übergewichten» lautenden Anlageurteil für die Aktien hält der Analyst fest, wenn auch mit einem geringfügig tieferen Kursziel von 4000 (zuvor 4100) Franken.
Sich für einen externen Nachfolger zu entscheiden, dürfte dem Verwaltungsrat einiges an Mut abverlangt haben. Dennoch begrüsse ich diesen Entscheid. Nach zwei Jahrzehnten unter ein-und-demselben Firmenchef dürfte künftig wieder ein «frischer Wind» durch die Gänge des Givaudan-Hauptsitzes in Genf gehen. Hat da Givaudan etwa aus den Fehlern des Branchennachbarn Nestlé gelernt?
Einen Kursdämpfer gab es diese Woche für die Aktien von Stadler Rail. Der am frühen Mittwochmorgen veröffentlichte Zahlenkranz weiss in Sachen Umsatz- und Gewinnentwicklung auf den ersten Blick zwar zu gefallen. Bei genauerem Hinschauen offenbaren sich allerdings gleich zwei Schwächen: Zum einen gingen zwischen Januar und Juni mit 1,7 Milliarden Franken deutlich weniger Aufträge ein als Analysten im Vorfeld erwartet hatten. Einige Schätzungen reichten im Vorfeld der Ergebnisveröffentlichung bis zu 2,7 Milliarden Franken. Und zum anderen wies der freie Cashflow aufgrund einer höheren Kapitalbindung beim Umlaufvermögen stark negative Vorzeichen auf.
Kursentwicklung der Aktien von Stadler Rail im mehrjährigen Verlauf (Quelle: www.cash.ch)
Dass die Valoren von Stadler Rail derart unter die Räder gerieten, dürfte nicht zuletzt auch mit dem guten Lauf der letzten Wochen zu tun haben. Rückblickend erweisen sich diese kursseitigen Vorschusslorbeeren nämlich für voreilig. Unabhängig vom zuletzt eher enttäuschenden Auftragseingang bleibe ich bei meiner bisherigen Erkenntnis: Nämlich, dass randvolle Auftragsbücher noch lange kein Garant für üppige Gewinne und Dividenden sind. Langjährige Aktionärinnen und Aktionäre des Zugbauers werden meine Einschätzung bestimmt teilen.
Nicht zuletzt auch vor diesem Hintergrund halte ich die bereits erwähnte Heraufstufung durch Research Partners für mutig. Es hat sich in all den Jahren seit dem Börsengang bekanntlich schon so mancher Analyst mit einer Kaufempfehlung die Finger an den Aktien des Zugbauers verbrannt...
Nächste Woche wird es hierzulande endlich etwas ruhiger. Mein persönliches Interesse gilt dabei den Zahlenkränzen der beiden letzten SMI-Nachzüglern Swiss Life und Partners Group. Wie die beiden Unternehmen in der ersten Jahreshälfte abgeschnitten haben, verrate ich am kommenden Freitag, wenn es wieder heisst. Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.
Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar. |