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Das Börsenjahr 2026 begann am Schweizer Aktienmarkt, wie das alte Börsenjahr endete: Mit neuen Indexrekorden. Stand Freitagmittag errechnet sich - am breit gefassten Swiss Performance Index (SPI) gemessen – ein Plus von 1,2 Prozent gegenüber dem Stand von Ende Dezember.
Zumindest bei den Aktionärinnen und Aktionären von Nestlé dürfte sich die Freude darüber vermutlich in Grenzen halten. Die Valoren des Nahrungsmittelmultis aus Vevey standen die ganze Woche über unter Verkaufsdruck.
Das wiederum hat sich mitunter das Unternehmen selbst zuzuschreiben, geriet es doch aufgrund eines Rückrufs von Säuglingsnahrung in die Negativschlagzeilen. Eine willkommene Steilvorlage für gewisse Marktkreise, wenn man den in hiesigen Börsenkreisen geäusserten Vermutungen denn Glauben schenken will. Dass die Nestlé-Schwäche den SPI in den vergangenen Tagen um nicht weniger als 170 Punkte zurückgehalten hat, komme einigen ausländischen Grossinvestoren gerade gelegen. Viele seien am Schweizer Aktienmarkt nämlich noch immer unterinvestiert und deshalb nicht daran interessiert, dass die hiesigen Indizes an die Gewinne vom Dezember anknüpfen können.
Mittlerweile werden sogar Stimmen laut, wonach amerikanische Marktkreise über den (Leer-)Verkauf von Nestlé-Aktien gezielt versuchen würden, die hiesigen Aktienindizes auszubremsen. In eben dieses Bild passen würde auch ein Kommentar aus der Feder des für Jefferies tätigen Analysten David Hayes. Darin setzt er bei seinen Gewinnschätzungen mit Blick auf die Jahresergebnisveröffentlichung von Mitte Februar den Rotstift an. Seine Annahmen fürs vergangene Jahr liegen neuerdings um nicht weniger als neun Prozent unter den durchschnittlichen Gewinnerwartungen seiner Berufskollegen. Das spiegelt sich auch im «Hold» lautenden Anlageurteil sowie im Kursziel von 76 (zuvor 81) Franken wider.
Die Aktien von Nestlé erwischten einen schlechten Start ins neue Börsenjahr (Quelle: www.cash.ch)
Hayes geht davon aus, dass Nestlé-Chef Philipp Navratil anlässlich der Jahresergebnisveröffentlichung mit einem eher vorsichtigen Ausblick fürs neue Jahr aufwarten dürfte. Spätestens dann werden wohl auch andere Analysten ihre Gewinnschätzungen unter negativen Vorzeichen überdenken müssen. Ich könnte mir deshalb gut vorstellen, dass der jetzige Vorstoss des Jefferies-Analysten in den nächsten Tagen und Wochen durchaus Nachahmer finden könnte.
Dennoch erscheint mir beim Nahrungsmittelmulti aus Vevey bereits sehr viel Negatives eingepreist. Ich bleibe dabei: Nestlé findet sich an der Börse momentan in etwa im selben Stimmungstief wieder, in welchem sich die Genussscheine von Roche im vergangenen April bei Kursen um die 240 Franken fanden. Alleine das Ausbleiben von Enttäuschungen dürfte schon ausreichen, um ein Kursfeuerwerk zu zünden.
Es ist bezeichnend, dass Nestlé bei Kursen von 120 Franken und mehr in Banken- und Analystenkreisen als «blinder Kauf» galt und heute – mehr als 40 Kursfranken tiefer - dieselben Kreise an der Börse einen grossen Bogen um das Traditionsunternehmen machen. Spätestens bei Kursen von 100 Franken rennt man den Papieren dann vermutlich wieder hinterher...
Und wenn wir schon beim Thema Roche sind: Pharmaanalyst Justin Smith von Bernstein Société Générale veranschlagt neuerdings ein Kursziel von 400 (zuvor 327) Franken für die Genussscheine. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass er diese wie bis anhin mit «Outperform» zum Kauf anpreist. Es ist das höchste mir bekannte Kursziel für die Valoren der Pharma- und Diagnostikgruppe aus Basel.
Interessant erscheinen mir die Gründe für diese doch sehr deutliche Kurszielerhöhung. Denn Smith räumt neuerdings insbesondere dem Diagnostikgeschäft ein grösseres Gewicht in seinem Bewertungsmodell ein. Nach schwierigen Jahren wähnt er diesen Geschäftszweig endlich an einem Wendepunkt zum Besseren. Folglich liegen seine überarbeiteten Gewinnerwartungen auch auf Gruppenebene weit über jenen seiner Berufskollegen bei anderen Banken.
Zur Erinnerung: Als die Genussscheine von Roche im April letzten Jahres für 230 Franken zu haben waren, fristete das Traditionsunternehmen aus Basel auch in Analystenkreisen ein Mauerblümchen-Dasein. Neun Monate später und gut 100 Kursfranken höher versucht man sich nun mit immer noch höheren Kurszielen gegenseitig zu überbieten.
Dennoch muss ich dem SocGen-Analysten ein grosses Kränzchen winden. Anders als andere Berufskollegen hielt er Roche auch in schwierigen Zeiten stets die Treue und wich nie von seiner Kaufempfehlung ab. Das zahlt sich nun aus.
Das Übernahmekarussell nimmt Fahrt auf – zwar nicht bei uns in der Schweiz, doch zumindest aber unter Schweizer Beteiligung. Schon seit Wochen kaufen hiesige Unternehmen im Ausland ähnlich gelagerte Firmen und Beteiligungen zu, als gäbe es kein Morgen. Schliesslich verfügen sie mit dem starken Franken über eine harte Übernahmewährung.
Selbst Amrize-Chef Jan Jenisch legte diese Woche jegliche Zurückhaltung ab und gab die Übernahme der texanischen PB Materials bekannt. Zum Kaufpreis wurde – wie bei solchen Transaktionen üblich – Stillschweigen vereinbart. Allerdings soll sich die Übernahme bei der Käuferin bereits im laufenden Jahr positiv in der Gewinn- und Cashflow-Entwicklung niederschlagen.
Ich begegnete dieser ersten Ergänzungsübernahme seit der Abspaltung vom ehemaligen Mutterhaus Holcim am Mittwoch mit folgenden Worten:
Doch längst nicht immer wird übernahmehungrigen Unternehmen aus der Schweiz im Ausland mit offenen Armen begegnet. Das mussten in den vergangenen Tagen gleich zwei Firmen schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Zuerst blitzte Alcon trotz nachgebessertem Übernahmeangebot bei den Aktionärinnen und Aktionären von Staar Surgical ab, dann stiess Cicor Technologies bei jenen der britischen TT Electronics auf unüberwindbaren Widerstand.
Nach einem monatelangen Seilziehen zwischen Alcon und oppositionellen Aktionären setzte sich bei Staar Surgical letztendlich Broadwood Partners mit seinen knapp 28 Prozent der Stimmen durch. Rückblickend konnten die Amerikaner genügend Mitaktionäre hinter sich scharen, um die Übernahmepläne zu vereiteln.
Dass die Börse die Aktien von Alcon nach Bekanntwerden des Scheiterns sogar mit Kursgewinnen belohnte, ist übrigens dem Umstand geschuldet, dass die Übernahmepläne in Analystenkreisen nicht nur auf positive Resonanz stiessen und die Gefahr einer weiteren Angebotsnachbesserung nun endgültig vom Tisch ist. Ausserdem setzte die Royal Bank of Canada die Papiere des Ophthalmologieunternehmens zeitnah mit «Outperform» und einem Kursziel von 80 Franken auf ihre Favoritenliste für dieses Jahr.
Ausser Spesen nichts gewesen, ist man auch im Fall von Cicor Technologies gewillt zu sagen. Die Aktionärinnen und Aktionäre der britischen TT Electronics erteilten dem Übernahmeangebot aus Neuenburg eine klare Absage. Mit 52 Prozent blieb die Zustimmung weit hinter den erforderlichen 75 Prozent zurück – was nach der Aktienkurszäsur bei Cicor vom Dezember kaum überrascht. Letztendlich war die Offerte aus Sicht der Briten dann doch zu unattraktiv.
Die Aktien von Cicor stehen schon seit Wochen unter Druck (Quelle: www.cash.ch)
Anders als die deutlich grössere Alcon steckt der Rüstungszulieferer die entstandenen Kosten in Höhe von sieben Millionen Franken nicht einfach so mir-nichts-dir-nichts weg. Sogar zu einer erneuten Reduktion der Gewinnvorgaben war das Unternehmen gezwungen.
In Analystenkreisen ist man nun sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten. Der für die Zürcher Kantonalbank tätige Bernd Laux räumt zwar ein, dass die einmaligen Kosten entsprechende Schätzungsreduktionen nach sich ziehen werden. Besorgt zeigt er sich dennoch nicht. Ausserdem sei mit der geplatzten Akquisition das Risiko einer Grossübernahme gebannt. Die Notwendigkeit einer Kapitalerhöhung entfalle somit. Laux geht davon aus, dass das Unternehmen nun zur bisherigen Strategie mit mittelgrossen Übernahmen zurückkehrt. Er preist die Aktien deshalb wie bis anhin mit «Übergewichten» zum Kauf an.
Auch sein Berufskollege Alexander Zienkowicz von MWB Research scheint sich keine grauen Haare wachsen zu lassen. In einem mir vorliegenden Kommentar unterstreicht er, dass er die Investmentthese «in ihrem Kern» für intakt hält und verleiht seiner Kaufempfehlung sowie dem Kursziel von 200 Franken damit abermals Nachdruck.
Ich gab schon Ende Oktober folgendes zu bedenken:
Wurden zu diesem Zeitpunkt Kurse von 220 Franken und mehr bezahlt, sind dieselben Papiere mittlerweile fast 100 Kursfranken günstiger zu haben. Keine Frage: Längerfristig dürfte die militärische Aufrüstung in Europa dem Rüstungszulieferer randvolle Auftragsbücher bescheren. Ob sich diese Aufträge dann auch in satte Gewinne und Dividende ummünzen lassen – diesen Beweis muss das Unternehmen erst noch antreten.
Es ist eine Machtdemonstration, die bei uns am Schweizer Aktienmarkt ihresgleichen sucht: Auf den ersten Blick trimmt die UBS ihr Zwölf-Monats-Kursziel für die Aktien des Fleischverarbeiters Orior zwar nur leicht auf 12 (zuvor 13) Franken. Dass der zuständige Analyst Marti Queral Ferre an seiner Verkaufsempfehlung festhält, schickte den Aktienkurs am Mittwoch allerdings kurzerhand um mehr als acht Prozent nach unten. Mehr als 49'000 Titel wechselten an diesem Tag die Hand.
Diese gar harsche Börsenreaktion überrascht insofern, als dass der UBS-Analyst nicht mit wirklich neuen Erkenntnissen aufwartet. Vielmehr trägt er mit seinen Gewinnschätzungsreduktionen einerseits dem anhaltenden Preisdruck im Geschäft mit dem «orangen Riesen» Migros und andererseits den steigenden Herstellkosten Rechnung. Und auch die hohen Schulden, welche sich in der Bilanz des Unternehmens türmen, sind schon seit längerer Zeit immer wieder ein Thema.
Mit der Verschmelzung der eigenen Vermögensverwaltungsaktivitäten mit jenen der Credit Suisse ist die UBS zu einer beinahe übermächtigen Marktakteurin aufgestiegen. Ich bezeichnete die grösste Schweizer Bank schon im Mai letzten Jahres – in Anlehnung an den weltgrössten Vermögensverwalter - als «Blackrock der Schweiz». Und das nicht ohne Grund, wie sich seither immer wieder herausstellt. An die geballte Marktmacht der Grossbank muss ich mich jedenfalls erst noch gewöhnen...
Mal schauen, bei welchen Aktien die UBS nächste Woche die Kurse sonst noch so bewegen wird. Mehr dazu am kommenden Freitag, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.
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