Geht den Small und Mid Caps bald mal die Luft aus?

Seit Monaten stehen vor allem die kleinkapitalisierten Schweizer Aktien in der Gunst der Anleger. Die hohen Bewertungen sollten sie aber daran erinnern, dass die Party eines Tages zu Ende sein könnte.
19.08.2016 06:53
Von Marc Forster
Interroll ist eine erfolgreiche Firma mit steigendem Aktienkurs, aber die Bewertug ist hoch.
Interroll ist eine erfolgreiche Firma mit steigendem Aktienkurs, aber die Bewertug ist hoch.
Bild: iNg

Large Caps, also die grosskapitalisierten Aktien, verderben seit langem die Stimmung an der Börse. Schon im vergangenen Jahr wurden die Grosskonzerne von den mittel und klein kapitalisierten Werten in den Schatten gestellt. Der Blick auf die Performance des SMI hält die Stimmung weiter tief: Im Vergleich zum Jahresanfang liegt der Leitindex um rund 7,5 Prozent tiefer, die 12-Monate-Performance weist ein Minus von 12 Prozent auf.

Wie eine andere Welt wirken immer noch die Small Caps. Der SPI Extra mit 187 Titeln, der die Large Caps ausschliesst, verzeichnet ein Plus von 13,9 Prozent year-to-date. Der Sub-Index SPI Small, der sich noch konsequenter auf kleinkapitalisierte Aktien ausrichtet und 107 Firmen umfasst, schafft ein Plus von 14,7 Prozent.

Flexible, gut geführte Firmen

Ronald Wildmann vom Analysedienstleister Research Partners in Zürich erklärt sich die Beliebtheit dieses Aktien-Segments mit deren guten Fundamental-Situation: "Bei den Small Caps finden wir agile Firmen mit guten Produkten, einem tollen Track Record und gutem Management. Diese sind gegenüber grosskapitalisierten Werten wegen ihrer Flexibilität im Vorteil."

Viele der kleinkapitalisierten Werte profitierten auch von der zuletzt guten Konjunkturentwicklung in Europa, sagt Wildmann; Schwellenland-Probleme wie in China und Brasilien beträfen eher die SMI-Firmen und die grossen Mid-Caps. Allerdings seien bei Firmen, so der Analysespezialist, mit einer Marktkapitalisierung von 100 bis 500 Millionen Franken (was typischerweise die Definition ist für Small Caps) Kursgewinne natürlich schneller möglich als bei den Large Caps.

Das Kurswachstum bei kleinkapitalisierten Aktien dürfte nächstes Jahr aber in etwas gedrosseltem Tempo stattfinden, sagt Panagiotis Spiliopoulos, Leiter Research bei der Bank Vontobel. "Die hohe Bewertung müsste bei einigen Titeln eine Verschnaufpause auslösen. Auch das Gewinnwachstum wird sich in diesem Segment verlangsamen." Der Vergleichseffekt zu 2015 lasse das derzeitige Gewinnwachstum gut aussehen, denn letztes Jahr sei von den Franken-Problemen geprägt gewesen.

Eine teure Sammlung von Aktien

Seit dem letzten Kursknick im Februar sind die Kurse von gut positionierten Small und Mid-Caps vor allem aus der Industrie zum Teil massiv gestiegen. Beispiele sind der Komponenten-. und Fördertechnikspezialist Interroll, der gut finanziert ist, wenig Schulden hat und die Profitabilität steigern kann. Freude hatten Anleger in den vergangenen Monaten auch an Firmen wie Bachem, Crealogix oder Ypsomed (vergleiche Tabelle).

Die Kehrseite ist allerdings, dass die Bewertungen zum Teil sehr hoch geworden sind: Eine Interroll kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 31. "Die Tendenz besteht, dass unter liquiden Anlegern alle ein bisschen das gleiche kaufen", sagt Analysespezialist Wildmann. "Die Bewertungen haben ein stattliches Niveau erreicht. Das führt dazu, dass einzelne Firmen von uns heruntergestuft werden, obwohl sie fundamental gut dastehen."

Aktie Kurs-Gewinn-Verhältnis (2017) Sechs-Monate-Performance
Crealogix 72 +27,5 Prozent
Schlatter 54 +43 Prozent
Ypsomed 40 +35 Prozent
AFG Arbonia 32 +76 Prozent
Bachem 32 +45,6 Prozent
Interroll 31 +37,2 Prozent
IVF Hartmann 31 +15,9 Prozent
Burkhalter 23 +27,2 Prozent
Coltene 22 +13,6 Prozent
Starrag 18,5 +25,5 Prozent

Unter den Small Caps in der Gunst der Investoren finden sich Unternehmen, die bis vor kurzem noch Sanierungsfälle waren (wie AFG Arbonia Forster) oder Firmen wie Starrag, die bei den Absatzmärkten Risiken ausgesetzt sind. Vontobel-Research-Chef Spiliopoulos ist aber der Ansicht, dass die Mittel im Moment noch vor allem in qualitativ gute Small und Mid Caps investiert wird. "Ein Alarmzeichen wäre, wenn Investoren bei der Qualität Abstriche machen würden", sagt er.

Da es im Moment wenig Alternativen zu Aktien gibt und gross kapitalisierte Aktien nur Trübsal bedeuten, lassen sich Investoren von den hohen Bewertungen nicht abschrecken. Titel mit moderatem Kurs-Gewinn-Verhältnis finden sich relativ wenige. Auffallend ist die Entwicklung bei der Industriegruppe Looser, die über ein KGV von 16 verfügt, deren Kurs sich seit Februar aber um mehr als die Hälfte gesteigert hat.

Aktie Kurs-Gewinn-Verhältnis (2017) Sechs-Monate-Performance
Bobst 13 +14,3 Prozent
Also 14 +15,5 Prozent
Bell 14 +8,7 Prozent
Looser 16 +63,3 Prozent
Orior 16 +11,2 Prozent

Die Firmen profitieren an der Börse auch von einer relativ optimistischen Stimmung unter den Anlegern. Eine Krisensituation mit wieder stärker risikoaversen Anlegern wäre schlecht für die Small Caps. Dann wären wieder mehr Nestlé, Roche und Novartis gefragt, und damit hätte der SMI Chancen, den Rest des Marktes wieder zu übertrumpfen.

Soweit ist es noch nicht, wie Ronald Wildmann sagt: "Solange Liquidität da ist, bleibt die Lage am Markt für Small Caps im Wesentlichen die gleiche. Enden würden die Kursanstiege, wenn im grossen Stil bei Fonds Geld abgezogen wird." Fonds sind sehr stark in diesem Segment, in der Schweiz sind bis zu 30 Small- und Mid Cap Fonds aktiv. "Wenn diese Geld abziehen, wird es im Small Cap Segment eng."

Aktuell ist die Lage eher umgekehrt. Es ist von spezialisierten Anlagefonds für Small und Mid Caps die Rede, die kein Geld mehr annehmen, weil sie nicht mehr in ihre angestammten Aktien investieren. Dies mag man als Zeichen werten, dass die Small Caps boomen, oder auch als Warnsignal, dass die Lage langsam angespannt ist.