Die Megatrends, die das Geschäft von ABB prägen, würden nicht verschwinden, und das gelte insbesondere für den wachsenden Strombedarf, sagte ABB-Chef Morten Wierod, als er zum Jahresbericht 2025 auch über die Zukunft des schweizerisch-schwedischen Technologiekonzern sprach.

Seiner Aussage entspricht Langzeitprognosen, welche die weltweite Stromnachfrage um durchschnittlich 2,4 Prozent pro Jahr wachsen sehen. Getrieben wird sie durch den wirtschaftlichen Fortschritt in Ländern wie China und Indien, durch die technologische Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz und Rechenzentren sowie durch das Bestreben mancher Ländern, sich aus der Abhängigkeit von Öl und Gas herauszulösen. Letzteres dürfte vom Krieg im Iran und den daher aufs Neue markant gestiegenen Ölpreisen verstärkt worden sein.

Die Frage, die sich aus Investorensicht stellt, lautet indes: Welche Unternehmen werden vom wachsenden Strombedarf profitieren? Die kurze Antwort lautet: Jene Unternehmen, die an der Elektrifizierung beteiligt und entlang der Wertschöpfungskette aufgestellt sind: Bergbauunternehmen stellen Schlüsselmetalle wie Kupfer bereit, Energieerzeuger liefern Strom, der über die Netzinfrastruktur verteilt und mit Lösungen spezialisierter Anbieter in Häusern, Elektroautos und Rechenzentren möglichst effizient genutzt wird.

Eine vertiefte Sicht zeigt, dass auch Unternehmen interessant sind, unter Schweizer Anlegern weniger präsent sein dürften als die Strom-Aktien des Heimmarktes.

Ein Beispiel ist Metso, ein finnischer Konzern, der Anlagen und Ausrüstung für die Bergbauindustrie herstellt und so die Gewinnung von Schlüsselstoffen wie Kupfer und Nickel ermöglicht. Er steht also ganz am Ursprung der Elektrifizierung und ist durchaus erfolgreich unterwegs. Ende März schloss das Unternehmen einen Vertrag mit der Southern Peru Copper Corporation, einem der grössten Kupferproduzenten weltweit, ab. Demnach liefert Metso Geräte für die Tia-Maria-Mine in Peru.

Ein Auftragswert von 100 Millionen Euro sei nun im ersten Quartal 2026 verbucht worden, teilte das Management mit. Weiter stehen die Finnen auf den Einkaufslisten grosser Investmentbanken: Die UBS, JPMorgan und Goldman Sachs stufen die Metso-Aktie mit «Buy» ein; zurückhaltender ist Morgan Stanley mit einem «Equal-Weight»-Rating.

Eine Stufe weiter in der Wertschöpfungskette fungiert Aurubis als Hersteller von Kupfer, das für Stromkabel und Leitungen verwendet wird. «Ob in den Windkraftanlagen, in Transformatoren oder in den neuen Netzkabeln: Ohne das raffinierte Kupfer von Aurubis ist eine flächendeckende Elektrifizierung physikalisch nicht umsetzbar», sagen Lena Jacquelin und Olivier Maris aus dem Expertenteam der Bank J. Safra Sarasin auf Anfrage von cash.ch. Sie gehen davon aus, dass Aurubis von der globalen Rohstoff-Verknappung profitieren wird.

Anderen Experten zufolge dürften auch Bergbaukonzerne wie Rio Tinto, BHP und Anglo American von ihrem Engagement in der Kupferproduktion getragen werden. Hierbei zeichnet sich eine preistreibende Entwicklung ab. Denn Laut Prognosen von S&P Global wird die Kupfernachfrage im Jahr 2040 bei 42 Millionen Tonnen liegen und so das Kupferangebot um 10 Millionen Tonnen übersteigen. Der Mangel trete ein, auch wenn die Menge an rezykliertem Kupferschrott verdoppelt werde, heisst es in der im Januar erschienen Studie.

Infrastrukturanbieter und Energieversorger

Mit Ambitionen auf dem Weg in die Zukunft ist die BKW, das an der Schweizer Börse kotierte Energie- und Infrastrukturunternehmen. Bis 2030 soll der operative Gewinn auf 850 Millionen bis 1,2 Milliarden Franken steigen (2025: 600 Millionen Franken). Zudem sollen Investitionen von 4 Milliarden zwischen 2025 und 2030 durch einen operativen Cash Flow von 5 Milliarden im selben Zeitraum gedeckt sein.

Auch wenn die langfristigen Aussichten zuversichtlich stimmen, stufen die Analystenteams der UBS und von Oddo BHF die Aktien der BKW mittelfristig mit «Neutral». Demnach können Investoren vorerst abwarten und beobachten, inwieweit das Energieunternehmen auf Kurs zu den Langfristzielen ist.

Zu den relevanten Spielern ausserhalb des Schweizer Marktes gehört das US-Unternehmen Constellation Energy (CE), eines der weltweit grössten Energieproduzenten. Der Strom stammt aus Kernkraft, aus Solar-, Wasser- und Windenergie sowie aus Geothermie und Erdgas. Der gesamte Anlagenpark von CE kann den Bedarf von 27 Millionen Haushalten decken.  

Anfang Januar übernahm das Unternehmen den Stromproduzenten Calpine. Dies mit der Ankündigung, man wolle vermehrt Energie liefern für Rechenzentren, kritische Infrastrukturen und Produktionsanlagen, die im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz eine wichtige Rolle spielen werden.

Kurz darauf gab das Management den Vertragsabschluss mit einem Rechenzentren-Betreiber in Texas bekannt. Aus Sicht des CEO, Joe Dominguez, ein wegweisender Moment: Man baue an den Grundlagen, welche die Vereinigten Staaten an der Spitze von Künstlicher Intelligenz und digitaler Technologie halten werde. Die Anleger goutierten es. Die Aktie stieg gleichentags um um 4 Prozent.

Zu den weltweit führenden Energieunternehmen zählt auch der Windturbinen-Anbieter Vestas. Er liefert also die Infrastruktur, «um die grossen Mengen an grünem Strom zu erzeugen, die für eine konsequente Elektrifizierung notwendig sind», sagen Lena Jacquelin und Olivier Maris von Safra Sarasin. Sie gehen davon aus, dass Vestas Nutzniesser des globalen Ausbaus erneuerbarer Energieerzeugungskapazitäten sein wird.

ABB - «Technologisches Herzstück der Energiewende» 

In den weiteren Stufen der Wertschöpfungskette befinden sich Unternehmen, die Elektrokomponenten und Strom-Management-Systeme herstellen oder sich in verschiedenen, miteinander verwandten Feldern bewegen: So etwa positioniert sich Schneider Electric an der Schnittstelle von Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung.

Das französische Unternehmen bietet unter anderem Ladegeräte, Schalter, Kabel, Sicherungen, Spannungswandler, Sensoren, Gebäudetechnik, Messgeräte und Software zum Management von Rechenzentren an. Es dürfte sich aufgrund seiner breit gefächerten Kompetenz in der zunehmenden industriellen Elektrifizierung und im Vormarsch der KI von den Mitbewerbern abheben, wie Analysten sagen.

Diese sind auch von ABB überzeugt: ABB positioniere sich als «technologisches Herzstück der Energiewende», sagen Jacquelin und Maris. Das Unternehmen decke die gesamte Wertschöpfungskette ab, vom Netzausbau über die industrielle Automatisierung bis hin zur E-Mobilität.

Nach Ansicht von Serge Nussbaumer, Kapitalmarktexperte des Wertschriftenhauses Maverix, ist ABB der stärkste Schweizer Kernwert in der Elektrifizierung. Denn der Konzern operiere dort, «wo die strukturellen Engpässe entstehen: bei Netzen, Verteiltechnik, Elektrifizierungslösungen und der Infrastruktur rund um Transformatoren, Schalttechnik und Stromfluss».

Daher dürfte langfristig auch wieder Luft nach oben für den Aktienkurs entstehen - was aus Anlegersicht durchaus erwünscht sein wird. Denn momentan notiert der Titel rund 4 Franken über dem Analystenkonsens für das Preisziel. Also kann man sich fragen, ob die Experten aktuell zu pessimistisch sind oder die Aktie fürs Erste doch ausgereizt ist.

Nussbaumer hat noch eine andere Schweizer Aktie im Auge, die vom Elektrifizierungstrend angeschoben wird. Landis+Gyr sei interessant, weil Elektrifizierung nicht mehr nur Stromerzeugung bedeute, sondern zusehends auch ein intelligenteres Stromsystem notwendig mache. «Smart Meter, Netzsteuerung und die Digitalisierung der Verteilnetze werden immer wichtiger, wenn mehr Elektroautos, Wärmepumpen und dezentrale Energiequellen ins System integriert werden», führt der Experte von Maverix aus.

Er nimmt eine langfristige Perspektive ein. Auf kurze und mittlere Sicht kann man zu anderen Schlüssen kommen. So hat der zuständige Experte von JPMorgan seine Schätzungen für Landis+Gyr vor wenigen Tagen angepasst, das Kursziel um 2 auf 59 Franken gesenkt und das «Neutral»-Rating beibehalten. Auch hier können sich Anleger in Warteposition begeben und schauen, wie sich die Geschäfte des Anbieters von Energiemanagementsystemen auf Dauer entwickeln.

Auch der Elektrokomponentenhersteller LEM ist auf dem Radar von Nussbauer - «weil Strom- und Spannungssensorik in Ladeinfrastruktur, Industrie, Energieumwandlung und E-Mobilität unverzichtbar ist». Allerdings wird das Unternehmen Vertrauen zurückgewinnen müssen, damit Anleger es im Blick haben, wenn die Elektrifizierung weiter voranschreitet. Denn die Aktie war vor einigen Jahren mehr als 2500 Franken wert und fiel dann sukzessive unter die 300 Franken-Marke.

In den vergangenen Monaten hat sie sich auf dem tiefen Niveau stabilisiert. Man baue nun das Geschäftsmodell weiter aus, «um vom Wachstum globaler Megatrends wie Rechenzentren, Elektrifizierung, Energiewende und Elektromobilität zu profitieren», versicherte CEO Frank Rehfeld im Februar. Ende Mai wird er die Ergebnisse des Gesamtjahres 2025/2026 vorstellen - die Gelegenheit zu einer Standortbestimmung.

Reto Zanettin
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